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Pläne werden von Menschen gemacht

In der Diskussion um das Dong-Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg versucht der Bezirk, die Wogen zu glätten

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

»Es scheint eine Tendenz zu geben, dass der Wind für vietnamesische Händler zunehmend rauer wird«, sagt Tamara Hentschel vom vietnamesischen Integrationsverein Reistrommel mit Blick auf das Dong-Xuan-Center an der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg. Vor allem Baustadtrat Kevin Hönicke (SPD) schwinge, so Hentschel, »die ganz große Keule«.

Der Grund für Hentschels Ärger: Hönicke hatte vor gut zwei Monaten öffentlich darauf hingewiesen, dass es in dem nach eigenen Angaben größten Asia-Markt Deutschlands all die zahlreichen kleinen Friseurläden, Kosmetik- und Nagelstudios eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn laut Flächennutzungsplan ist das seit 15 Jahren existierende Zentrum eine Großhandelsfläche. »Einzelhandel dort zuzulassen, ist eher unmöglich«, sagte Hönicke kürzlich zu »nd«.

Die Vertreibung der Kleingewerbetreibenden wäre eine Katastrophe, findet Hentschel, die bei Reistrommel für die Antirassismusarbeit zuständig ist. »Da hängen ganze Familien dran. Das ist ein riesiger Arbeitsmarkt. Ohne das Center würden die meisten Kleingewerbetreibenden in Hartz IV fallen.«

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) kündigt derweil an, dass man aktuell intensiv nach einer für alle Seiten zufriedenstellenden Lösung sucht. »Wir, die Linke und die SPD, werden das in den nächsten Wochen politisch diskutieren«, sagt Grunst am Donnerstag bei einem Besuch des Familienplanungszentrums Balance unweit des S- und U-Bahnhofs Frankfurter Allee, bei dem es auch um die Situation der vietnamesischen Gemeinde im Bezirk und eben die Diskussion um das weit über Berlin hinaus bekannte Dong-Xuan-Center ging.

Zwar ist für Änderungen des Flächennutzungsplans der Senat zuständig. »Klar ist aber auch«, so Grunst: »Pläne werden von Menschen gemacht.« Soll heißen: Menschen sind es auch, die diese Pläne ändern können. »Da ist gerade viel Bewegung drin«, berichtet der Linke-Politiker. Dem ist am Donnerstag sichtlich daran gelegen, etwas Dampf aus dem Kessel zu nehmen. Aus nachvollziehbaren Gründen, schließlich ist Lichtenberg der Bezirk mit der berlinweit größten vietnamesischen Community - die fraglos auch ein Wirtschaftsfaktor ist.

Über 30 000 Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund leben offiziell in der Hauptstadt, wobei es immer mehr von ihnen nach Lichtenberg zieht. Allein seit 2017 stieg ihre Zahl im Bezirk von 7600 auf inzwischen knapp 10 000 Personen. Neben Wohnortwechsel und Geburtenüberschuss sorgt hierfür auch die Zuwanderung aus Vietnam selbst. Die Lichtenberger Integrationsbeauftragte Bärbel Olhagaray betont, dass es sich bei den gut 300 Zuwanderern pro Jahr »zu mindestens 90 Prozent« um junge Frauen handelt, von denen die meisten schwanger sind. Das sei alles anderes als verwunderlich, sondern für viele »der einzige Weg, wie man nach Deutschland kommt«, sagt Olhagaray. Auf die Frage, warum sich die Frauen auf den Weg nach Deutschland machen, sagt Nozomi Spennemann vom Verband für Interkulturelle Arbeit Berlin-Brandenburg, nur ein Wort: »Armut«.

Nun ist es genau dieses Problem, mit dem die überwiegende Zahl der Zuwanderinnen auch hierzulande konfrontiert ist. Birgit Olhagaray spricht von vielfach »prekären, selbstausbeuterischen Arbeitsbedingungen«. Erschwerend komme hinzu, »dass das Vertrauensverhältnis zu staatlichen Angeboten nicht sehr ausgeprägt ist«, sagt die Integrationsbeauftragte. Auch deshalb habe sich nun das Netzwerk »Integration vietnamesischer Mütter« gegründet, ein Zusammenschluss von rund 20 Projekten, die sich an zugewanderte Vietnamesinnen wenden. Alle müssten »an einem Strang« ziehen, so Olhagaray.

Tamara Hentschel vom Verein Reistrommel will nicht in Abrede stellen, dass sich der Stab um Bürgermeister Grunst intensiv bemüht, Lichtenberg mit vielen Initiativen »attraktiv zu machen« für die Community. Was den Umgang des Bezirksamts mit dem Dong-Xuan-Center betrifft, bleibt sie indes dabei: »Mein Eindruck ist, dass man gezielt Vorwände sucht, um den Händlern das Leben schwerer zu machen.«

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