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Zurück auf die Straße

Elena Balthesen über die Notwendigkeit neuer Großdemonstrationen von Fridays for Future

  • Von Elena Balthesen
  • Lesedauer: 4 Min.

Nächste Woche sind wir wieder richtig auf der Straße. Endlich. Für den 25. September hat Fridays for Future zum Großstreik aufgerufen. Es ist klar, dass dieser anders aussehen wird als früher.

Vor ziemlich genau einem Jahr setzten wir mit über 1,4 Millionen Menschen auf der Straße einen Maßstab. Diese Zahl ist generell schwer zu übertreffen. Mit der Corona-Pandemie wäre es aber auch mehr als unvernünftig, das überhaupt zu versuchen.

Massenhaftes Demonstrieren ist zurzeit eine besondere Herausforderung. Immer wieder haben wir in München überlegt, ob der Streik überhaupt stattfinden soll, ob wir diese Verantwortung übernehmen wollen. Unser Leitspruch war ja schon immer: »Unite behind the science«, versammelt euch hinter der Wissenschaft. Danach wollen wir uns nicht nur im Hinblick auf die Klimakrise halten, sondern natürlich auch bei Corona. Sollten die Infektionszahlen wieder steigen, kann es auch sein, dass wir uns umentscheiden. Ansonsten haben wir ein aufwendiges Hygienekonzept erarbeitet, mit dem wir sicherstellen wollen, dass die Infektionsgefahr so gering wie möglich ist. In München werden wir zum Beispiel jeweils eine bestimmte Anzahl Demonstrant*innen in verschiedene Bereiche lotsen, wodurch der Abstand gewahrt werden soll, außerdem besteht Maskenpflicht. Andere Städte planen gleich mehrere Demonstrationszüge.

Die klimapolitische Lage braucht uns als Notbremse auf der Straße. Wir können nicht weiter im Netz bleiben, um dort dank profitorientierter Algorithmen mehr oder weniger in unserer eigenen Blase hängenzubleiben.

In den letzten Monaten habe ich mich immer wieder fassungslos, wütend, traurig und hilflos gefühlt, wenn ich Nachrichten über erneute Brände, wissenschaftliche Erkenntnisse und politisches Versagen gelesen und gehört habe. Es ist nichts Neues, aber die Intensität hat deutlich zugenommen. Wir befinden uns aktuell auf bestem Weg ins Worst-Case-Szenario, wir rasen also auf eine vier bis fünf Grad wärmere Welt zu. Was das bedeutet, möchte ich mir gar nicht ausmalen. 2020 scheint sich eine Katastrophe an die andere zu reihen. Ich komme gar nicht mehr hinterher, alles zu verarbeiten.

Trotz alledem wird uns bei Interviews momentan eine Frage gestellt: Findet ihr, dass die Klimakrise durch Corona und eure fehlenden Proteste in den Hintergrund gerät? Als liege es in unserer Verantwortung, das Thema auf die Agenda zu setzen. Die Verantwortung liegt bei den Medien, wie die Kampagne KlimaVorAcht zeigt, und bei Entscheidungsträger*innen.

Da das aber anscheinend nicht begriffen wird, müssen wir wieder raus auf die Straße, und zwar groß. Wir müssen wieder wachrütteln und aussprechen, was sonst nicht oder zu selten ausgesprochen wird.

Die massenhaften Großdemos mit breiter Unterstützung sind unsere Stärke. Die letzten Nachrichten von Fridays for Future schienen sich noch mehr als sonst an Einzelpersonen zu orientieren: Prominente Aktivist*innen reden mit prominenten Politiker*innen, übergeben Briefe, kandidieren für den Bundestag.

Ich finde es wichtig, dass wir verschiedene Protestformen haben. Aber für mich ist Fridays for Future in erster Linie eine niederschwellige Bewegung der Straße, die durch ihre schiere Größe immer wieder beweist, dass radikaler Klimaschutz nicht nur dringlich, sondern sogar mehrheitsfähig ist. Wir dürfen uns nicht in einem institutionellen Hamsterrad verrennen.

Gleichzeitig haben wir uns inhaltlich weiterentwickelt. Wir haben daran gearbeitet, vom »Klimaschutz« zu »Klimagerechtigkeit« zu kommen. Unsere Positionen sind intersektionaler geworden, verbinden also den Klimawandel mit den anderen Gerechtigkeitskrisen der Welt.

Während wir im letzten Jahr mit AllefürsKlima einfach möglichst groß sein wollten, sind wir jetzt mit KeinGradweiter inhaltlich klarer. Wir sind bereits bei einer Erderhitzung um ein Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit. Es darf nicht so weitergehen. Wenn wir bei einem Grad diese dystopischen Bilder aus Kalifornien, Australien, Brasilien und so weiter sehen, wie wird es dann bei zwei, drei, vier oder fünf Grad? Wir sind kurz davor, über die Klippe zu stürzen, rein in die Spirale ohne Weg zurück.

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