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Klassismus

Ein klassischer Ismus

Widersprüche eines langsam aufsteigenden soziologischen Theorems

Von Bastian Tebarth

In Berlin tagt gerade der 40. Soziologiekongress, natürlich nicht vor Ort an der TU, sondern virtuell in Büros und Eigenheimen. Doch hat man vorgesorgt: Damit sich der »Corona-DGS« nicht gar zu irreal anfühlt, kann man sich als Hintergrundbild für die Konferenzsoftware künstlerische Fotografien vom eigentlichen Tagungsort herunterladen.

Besser ließe sich der Echoraum der hiesigen Soziologie kaum inszenieren. Ein Kongress unter dem Motto »Gesellschaft unter Spannung«, sollte doch, möchte man meinen, die Realität der Klassengesellschaft ins Visier nehmen, die sich zuletzt im »Lockdown« in der Zweizimmerbutze oder aber auf der Dachterrasse so plastisch erleben ließ - und die sich in den Kämpfen um die Krisenkosten drastisch zu Wort melden wird. Doch stattdessen geht es um Diagnosen der »Um_Ordnung« - ein schillerndes Wortspiel mit dem Begriff der (Gesellschafts-)Ordnung, die wegen der »Kluft zwischen Arm und Reich« offenbar nicht in Unordnung ist, sondern einer »Um_Ordnung« unterzogen wird? Fast möchte man meinen, hier berieten Zyniker darüber, wie die Disziplin jene Transformation - die Verteilung von unten nach oben - weiterhin kritisch-konstruktiv begleiten könne.

Den Begriff »Klasse« sucht man im Themenpapier des Kongresses vergebens. Doch auf Umwegen findet das altgediente Analysetool dann doch einen Eingang. Immerhin gibt es eine Sitzung mit dem Titel »Transnational Class Making« - dort wird über solche Dinge wie das symbolische Kapital der »globalen Finanzklasse« oder »hoch qualifizierte Migrant*innen in Berlin« diskutiert. Und es haben sich auch »Arbeiterkinder« - getarnt als Akademiker - eingeschmuggelt. Zumindest als Beitragende zu einer Buchveröffentlichung, die am kommenden Dienstag diskutiert werden soll.

In dem jüngst erschienenen Sammelband »Vom Arbeiterkind zur Professur« offenbaren Professoren ihre Arbeiterherkunft. Der für seine Soziologie der Eliten bekannte Michael Hartmann - selbst nicht unter den Offenbarenden - filtert in einem begleitenden Text einen der Gründe für solche bis heute ungewöhnlichen Laufbahnen heraus. Seine Diagnose: Die Arbeiterklasse ist nicht per se Hort bildungsferner Prolls. So war etwa der Vater des Literaturprofessors Klaus-Michael Bogdal zu Weimarer Zeiten im Ruhrpott Kommunist. Weil er nicht als Bergmann arbeitete, sondern als Journalist viele Bücher las, konnte er seinem Sohn etwas kulturelles Kapital vererben.

Auch bringen die Herausgeber einen Begriff in Anschlag, der zwar kaum im Kongressprogramm, aber inzwischen auf allerlei Theaterfestivals und Uni-Workshops präsent ist, nämlich »Klassismus«. Der in Analogie zu Rassismus und Sexismus geprägte Begriff ist hierzulande seit gut zehn Jahren im Schwange. Richtig Fahrt nahm die Diskussion um Benachteiligung und Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft aber erst mit dem Hype um Didier Eribon auf.

Empowerment und Klassengesellschaft

Der Begriff stammt aus den USA. »Classism« wurde dort 1974 von dem lesbischen Autorinnenkollektiv The Furies lanciert, um das im Feminismus brachliegende Klassenbewusstsein zu stärken; später integrierte die Juristin Kimberlé Crenshaw Klassismus in ihre »intersektionale« Rechtspraxis, die heute der Leitstern des Linksliberalismus ist. Kurz bevor die jüngste »Weltwirtschaftskrise«, deren Auslöser - das Zerplatzen der Immobilienblase - laut dem Duisburger Ökonom Till van Treeck von den seit den 1980ern stagnierenden Löhnen amerikanischer Arbeiter mitverursacht worden war, zur »Eurokrise« mutierte, erschien das erste deutschsprachige Buch dazu: 2009 schlossen Andreas Kemper und Heike Weinbach mit »Klassismus. Eine Einführung« eine Lücke im transatlantischen Theorietransfer.

Nun haben die Politologen Riccardo Altieri und Bernd Hüttner quasi ein Mittelbaupendant zu »Vom Arbeiterkind zur Professur« herausgebracht. Im Vorwort zu »Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien« räumen sie ein, dass das Klassismus-Theorem umstritten sei. Doch zeigen sie sich fast verwundert, dass ihrem Vorhaben in gewissen einschlägigen Ecken ein mitunter scharfer Wind entgegenbläst.

Die Einwände sind schnell umrissen: Auch wenn man dem Theorem und seiner Praxis zugutehalten muss, dass es Klassenbewusstsein zu schaffen vermag, bleibt es meist auf der identitätspolitischen Mikroebene des Individuums stecken. Wie die meisten Vertreter des Theorems vom Klassismus neigen auch Hüttner und Altieri zu einer kulturalisierenden Perspektive. Es geht vor allem um Sprache und Habitus und um all die damit verbundenen Reibungen, die einen »Klassenaufstieg« so stark behindern - und darum, wie man diesen Bremseffekten durch Empowerment begegnen kann. Eine der Leitfragen ist denn auch: »Sind wir Opfer von Klassismus oder Gewinner*innen des Systems?«

Diese etwas überraschende Fragestellung zieht sich durch einige der zusammengestellten Erfahrungsberichte: Beiträge wie der von Corinna Widhalm oder der von einer als »Sara« schreibenden Autorin betonen jene klassenspezifischen Eigenheiten, derentwegen sie im Studium oder Wissenschaftsbetrieb Diskriminierungen ausgesetzt waren oder sind. Als emanzipatorische Gegenstrategie zur neoliberalen Beschämung eignen sich die Autorinnen die im Zuge der Akademisierung abgelegten Eigenheiten wieder an und affirmieren sie als Ausdruck ihrer Klassenkultur: Der hohe Ton der Wissenschaftssprache, ganz richtig als Mittel der Exklusion und Diskriminierung entlarvt, wird vermieden, stattdessen »Unterschichtensprache« und Dialekte gepflegt.

Ein deutscher Aufstieg dauert sechs Generationen

All diese Analysen von Klassenkultur gehen auf Pierre Bourdieu zurück - oder es wäre ihnen anzuraten. In seinem 1979 erschienenen Klassiker über die »Feinen Unterschiede« zeigt der französische Starsoziologe, selbst Sohn eines Provinzbriefträgers, dass gerade die Alltagsfragen des »Kulturgeschmacks« weder unschuldig noch unpolitisch sind: Unwillkürlich reproduziert sich in ihnen die Klassengesellschaft.

Sozialtheoretisch ist dabei der Clou, dass Bourdieu die soziale Struktur - materielle Ungleichheit - und jene eben gar nicht individuellen Formen symbolischen Handelns, die man »Klassismen« nennen kann, tatsächlich untrennbar zusammendenkt, letztlich also materialistische und idealistische Geschichtsphilosophie. Nimmt sich nun aber jener linksliberale, kulturalistische Idealismus dieses Topos an, der etwa den tausendfach gehörten Satz »Sexismus beginnt in der Sprache« ontologisch begreift und also wortwörtlich nimmt, droht eine einseitig handlungstheoretische, individualistische Lesart jener feinen Unterschiede. Genau dann wäre »Klassismus« tatsächlich nicht mehr als ein klassischer Ismus des postmodernen Diversitätsdiskurses.

Bestenfalls führte der zu Hashtags über »Alltagsklassismus«, gegen die an sich nichts einzuwenden ist. Außer vielleicht, dass hinter einer liberalen Selbstbefragung hinsichtlich der eigenen Stellung in Bourdieus »Raum der Lebensstile« diejenige Folie zu verblassen droht, ohne die seine Kritik des Klassengeschmacks nicht zu denken ist: der »Raum der Positionen«. Es zählt zu den Vorzügen des Bandes von Altieri und Hüttner, dass immerhin die in Wien lebende Historikerin Elisabeth Malleier auf dessen unbarmherzige Architekturen blickt. In Österreich, zitiert sie eine OECD-Studie von 2019, brauche man fünf Generationen, »um von der Unter- in die Mittelschicht zu gelangen«, hierzulande sogar sechs. Und »die Zeiten für Studierende und Wissenschaftler*innen aus armen Familien« würden »in Zukunft sicher nicht besser«.

Wenn selbst die OECD davon ausgeht, dass es 180 Jahre dauert, aus einem Hartz-IV-Haushalt zu einem Durchschnittseinkommen zu gelangen, muss klar sein, dass der »soziale Aufzug« auch via Bildung kaputt ist. Bevor sie in der Uni klassistischer Diskriminierung ausgesetzt sein können, müssen Arbeiterkinder erst einmal die - nicht ohne Klassismus - so genannte Hochschulreife erlangen. Und das wird offensichtlich immer unwahrscheinlicher.

Schwer zu sagen, ob der Band mit Malleiers Aufsatz am Dienstag in der Ferndiskussion über professorale Aufstiegsbiografien eine Rolle spielt. Doch auch in »Vom Arbeiterkind zur Professur« findet sich ein Beitrag, der nüchtern die Strukturebene anspricht: Der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der seine eigene Herkunft nur am Rande nennt, kommt zu dem Schluss, dass sich mit Bildung zwar soziale Ungleichheit im Einzelfall überwinden lässt, sie aber selbige auch und vor allem legitimiert und verschleiert. Die altbekannte Losung, mehr »(Bildungs-)Gerechtigkeit« zu »erkämpfen«, die auch Altieri und Hüttner ausgeben, wird die Klassengesellschaft nicht auflösen.

Dafür könnte der Klassismus einen Aufstieg erleben, nämlich seine Aufnahme in das Gleichbehandlungsgesetz. Nächstes Jahr ist der neue Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes fällig, die immerhin seit Jahren empfiehlt, dass »soziale Herkunft« Merkmalstatus erlangen sollte. Käme es dazu, wäre nicht zuletzt die Soziologie gefragt, um entsprechende Definitionen zu entwickeln. Und in diesem Kontext wäre eine Hinwendung zum Klassenbegriff absehbar mit einer Motivation zur »Um_Ordnung« des Forschungsinteresses der Disziplin verbunden, die deren derzeit offenbar mangelnde Neugier allemal wettmachen müsste: nämlich mit Drittmitteln.

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