Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Coronavirus

Der Freigeist hat Dellen

Frédéric Valin inspiziert die Linguistik im Lichte von Corona

Von Frédéric Valin

Vielleicht ist die starke Präsenz linguistischer Fragen ein Symptom ideologisch umkämpfter Zeiten. Welcher Begriff gilt als abwertend, was als slur? Ist die Etikettierung »alter weißer Mann« so herabsetzend wie Rassismen und Sexismen? Wie macht man das mit den Genderzeichen, was ist mit den Anglizismen? Aber auch: wie bezeichnet man neu aufpoppende Gruppen, welche Sprachpolitik setzt sich durch?

Der Bedeutungswandel ist eine Haupttriebfeder sprachlicher Entwicklung. Eine seiner Wirkungsweisen ist die Pejoration, also die sukzessive Abwertung eines Begriffes. Eine besonders interessante Hypothese ist die sogenannte Euphemismus-Tretmühle: Bezeichnungen, die einmal eine positive Konnotation hatten und Abwertungen ersetzen sollten, verderben sozusagen mit der Zeit, wenn sich an den sozialen Ungleichheiten nichts ändert.

Ein Beispiel dafür ist der Begriff des »Idioten«, der im 19. Jahrhundert vom Psychiater Édouard Séguin etabliert wurde. Séguin gilt als einer der Väter der Behindertenpädagogik, als ein Vorreiter der Inklusion. Heute ist der Begriff eine Beschimpfung und zeigt Abschottung an: Realität und Person sind nicht in touch. »Idioten« sehen die Welt nicht, weil sie ein Brett vor dem Kopf tragen. Das macht sie zu Außenseitern und gesellschaftlich Randständigen.

Das Gegenteil von Pejoration ist die Melioration. Der Begriff des »Freigeistes« bezeichnete im 18. Jahrhundert amoralische, nichtsdestotrotz kleinkarierte selbstsüchtige Spießbürger. Immanuel Kant nannte die Freigeisterei »den Grundsatz, gar keine Pflicht mehr zu erkennen« - ein Urteil von erstaunlicher Aktualität. Nichtsdestotrotz hat der Begriff des Freigeistes sich freigeschwommen, eben weil jene, die ihn sich im 19. und 20. Jahrhundert aneigneten, laut waren und einflussreich.

Selbst jetzt, da das Prädikat »Freigeist« ein paar Dellen abbekommen hat, hat es sich nicht als Abwertung etabliert. Stattdessen kursiert die Wortbildung Covidiot. Diese verniedlicht und verkindlicht die Demonstrant*innen und unterspült Fragen nach Einfluss und Macht; es ist ein sprachliches Äquivalent zum Abwinken. Gleichzeitig bestärkt es diese Gruppierung, auch deswegen, weil »Idiot« zu sein vor nicht einmal hundert Jahren ein Todesurteil war; so stützt das Wort die erwünschte Opferinszenierung. Covidioten ist ein viel besserer Stabilisator als »Freigeist« - und zwar weil der Begriff gerade nicht stimmt: Diese Menschen sind sehr wohl innerhalb der Gesellschaft und stehen nicht nur an ihrem Rand. Und das gefährliche an diesen Demonstrationen ist ja nicht, dass sie abgeschottet sind, wie Covidioten in einer Art von Selbstbeschwörung suggerieren soll; sondern dass nur so getan wird, als wären sie es.

Linguistik zu betreiben ohne sozioökonomische Analyse ist Augenwischerei. Bedeutungswandel ist immer auch ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wer Linguistik ohne gesellschaftliche Analyse betreiben will, wird weder der Linguistik gerecht noch der Wirklichkeit, die er zu fassen versucht. Auch das zeigt sich im Vergrößerungsglas mit dem Namen Corona.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift