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Haus der Statistik

Wie sich Utopie materialisiert

Müll ist im ehemaligen Haus der Statistik in Berlin-Mitte Definitionssache.

Von Tim Zülch

Der Zugang zum ehemaligen Haus der Statistik liegt etwas versteckt in der Berolinastraße, allerdings in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz. Der größtenteils neunstöckige Klotz in Berlins Mitte, der einst der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR als Sitz diente und in dem bis 2008 das Statistische Bundesamt und der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen untergebracht waren, ist ziemlich heruntergekommen: Betonvordächer sind abgebrochen, die Fenster kaputt, Rollläden hängen schräg an der Fassade herab, einzelne Bäume haben sich mit ihren Wurzeln im Fundament des Stahlbetonbaus verankert. Da das Außengelände eine einzige Sandfläche ist, haben die Aktivist*innen vom Haus der Materialisierung (HdM) diesen Bereich »Wüste« getauft.

Bereits Ende vergangenen Jahres haben gut ein Dutzend Initiativen rund um das Thema Kreislaufwirtschaft, Reparatur, Recycling und Upcycling das Archivgebäude der ehemaligen Zentralverwaltung bezogen - ein zweistöckiger Flachbau, ein wenig im Schatten der anderen Gebäude.

»Das ist eine Pioniernutzung, keine Zwischennutzung«, ist Nina Peters vom Raumlabor Berlin wichtig zu betonen. Sie ist Stadtplanerin und seit dem Start des Projekts 2018 dabei. Auf der coronabedingt verspäteten Eröffnung am vergangenen Mittwoch führt sie über das Gelände. 65 000 Quadratmeter Leerstand gebe es im Gesamtkomplex, sagt Peters. »In der jetzigen Planungs- und Bauphase, die bis 2021 gehen soll, stellt der Senat das gesamte Erdgeschoss und das ehemalige Archivgebäude Kulturinitiativen und Gruppen der Kreislaufwirtschaft zur Verfügung.« Damit sei aber für sie und die Genossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin das Projekt nicht beendet, denn die Initiativen gehen davon aus, die Räume nach Sanierung in anderer Form weiter nutzen zu können - der für sie wesentliche Unterschied zwischen »Zwischen-« und »Pioniernutzung«.

Simone Kellerhof sitzt auf einer selbst gebauten Holzbank im Inneren des Archivgebäudes. Sie betreibt die Material-Mafia und hat im Zentrum der rund 1000 Quadratmeter großen Halle ihr Lager eingerichtet. Acryl- und Plexiglasplatten, Holzplatten, blaue Kunststofffässer und grünliche Gummi-Druckmatten: Das sind die Produkte, auf die sie sich spezialisiert hat und die sie zur Wiederverwendung anbietet. Darüber hinaus liegen in ihren Regalen Lampen alter Straßenlaternen, Leuchtbuchstaben, Klebefolien und Rezeptionsmöbel.

»Ich zeig dir noch was«, sagt Kellerhoff, geht in eine Ecke ihres Lagers und bleibt vor zwei riesigen halbrunden Glasfenstern stehen. »Diese Fenster sind nagelneu und waren dem Bauherrn ein paar Zentimeter zu klein. Er hat einen Versicherungsschaden daraus gemacht und wollte sie wegschmeißen. 4000 Euro Neupreis pro Fenster!«, empört sie sich. Jetzt stehen die dreifach verglasten Fenster in ihrem Lager und suchen Abnehmer*innen. »Ich weiß, es wird nicht leicht, jemanden zu finden, der so große Fenster nutzen kann. Aber wegschmeißen kann man so etwas auch nicht«, sagt sie. »Müll ist Definitionsfrage« steht auf Kellerhoffs Visitenkarte - gleichzeitig das Motto ihrer Firma.

Neben der Material-Mafia befinden sich die Stadtmission, die im HdM gebrauchte Möbel und Haushaltsgegenstände anbietet, sowie der Verein Kunst-Stoffe, der hier Platz für ein weiteres Materiallager gefunden hat. Rund um die drei Materiallager gruppieren sich diverse Werkstätten, in denen jeder und jede Hilfe und Unterstützung für eigene Upcycling- und Reparaturprojekte bekommen kann. Es gibt eine Fahrradwerkstatt, eine Goldschmiede, eine Holz- und Metallwerkstatt, eine Elektrowerkstatt und ein offenes Nähatelier.

In seinem knapp 20 Quadratmeter großen Werkstattraum, nur wenige Meter weiter, lehnt Lars-Helge Kriener an einer Werkbank und dreht einen zusammengenieteten Ring aus Fahrradkettenteilen in der Hand. Den Raum teilt er sich mit einem Goldschmiedemeister. Krieners Spezialität sind Lampen aus Fahrradteilen, die er reinigt, poliert und teilweise als opulente Kronleuchter neu zusammennietet oder -schweißt. Für ihn ist die Möglichkeit, das Gelände zu nutzen, ein Glücksgriff: »Für mich hat es durchaus etwas Magisches, dass es das hier gibt - in der Mitte der Stadt.« So bestehe die Chance, dass Leute einfach vorbeikommen und sich inspirieren lassen, außerdem sei es ein »toller Vernetzungsort«.

Mit rund drei Euro Miete pro Quadratmeter zahlen die Initiativen hier quasi nur die Betriebskosten. Die gesamte Nutzbarmachung des Gebäudes allerdings mussten sie selbst stemmen. Simone Kellerhoff erinnert sich gut an die schwierige Anfangszeit: »Als ich vor einem Jahr eingezogen bin, gab es hier nur Scherben, Schutt und Rattenscheiße. Hier war nix. Die Ratten sind mir über die Füße gelaufen.« Außerdem sei ihr in der Anfangsphase einiges an Material geklaut worden. Kellerhoff dachte damals ans Aufgeben. Als die Deutsche Bundesstiftung Umwelt allerdings im November 2019 mitteilte, das HdM über ein Forschungsprojekt zu nachhaltiger Kreislaufwirtschaft der TU Berlin mit insgesamt rund 300 000 Euro fördern zu wollen, blieb sie.

Gleichwohl ist noch viel zu tun. Zum Beispiel ist unklar, wie die Räume im kommenden Winter beheizt werden können. Simone Kellerhoff denkt aber schon weiter. Nach ihrer Vision für die Zukunft befragt, sagt sie: »Das Netzwerk muss sich verstetigen und vergrößern. Wenn es dann in jedem Berliner Bezirk so etwas wie hier gäbe, das wäre ’ne echte Vision.«

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