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Der Astronom unterdrückt ein Seufzen

Ost-Westlicher Diwan: Zwei Gelehrte stranden auf einer rätselhaften Insel vor Bombay

Panvel - Manbai, A. H. 1177 / A. D. 1764

Musa al-Lahuri musste das Echtheitszertifikat seines Astrolabiums in drei Ausfertigungen unterzeichnen. Drei große, schöne Schriftstücke hatte der Kunde erstellen und feierlich ausbreiten lassen, auf einem Tisch unter einem Baldachin in seinem Garten, der ihm, wie alle seine Reichtümer, sehr am Herzen zu liegen schien. Nun hielt er Meister Musa unter mancherlei Reden das Schreibrohr hin. Der Astronom unterdrückte ein Seufzen und zeichnete dreimal mit vollem Namen, Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri.

Das Haus des Kunden lag an der alten Handelsroute, in einer freudlosen Gegend zwischen Panvel-Markt und Panvel-Hafen. Große Magazine gehörten dazu und eine portugiesische Kirche, die er zugekauft hatte und worin er nun ebenfalls Waren lagerte, Indigo, Opium, Leinwand, Meister Musa hatte es alles erfahren und längst wieder vergessen. Um das Astrolabium zu bringen, war er gestern eigens von Manbai herübergekommen, wo er logierte, und hatte schon eine Nacht hier verbracht. Stundenlang, bei immerhin gutem Essen, hatte der Kunde, der ebenfalls Perser war, mit seinem Haus, seinem Leben, seinem Geschick, seiner Güte, seinen Kindern und seinen Waren geprahlt und deren Marktwert detailliert. Dann hatte er um den Preis des Astrolabiums zu feilschen begonnen, obwohl der Verkauf schon brieflich fixiert war und es längst nichts mehr zu feilschen gab. Dabei hatte er Meister Musa erst kreuz und quer durchs Haus geführt, um dessen Schönheiten vorzuzeigen, und schließlich dauernd durch diesen Garten, der hoch ummauert und etwas verfehlt in der hässlichen Gegend stand. An einem gekachelten Bächlein hatte er ihn entlanggeführt, zwischen Rosen und duftendem Eibisch, unter Vogelkäfigen auf schlank kannelierten Säulen immer im Kreis herum. Die Wege waren nass. Auch der Baldachin war nass und Dampf hatte sich darunter entwickelt. Dass es außerhalb der Saison geregnet hatte - »gegen die Astronomie«, wie er wichtig erklärte, Meister Musa zum Tort -, schien den Kunden so zu verwirren, dass er keine Konsequenzen daraus zu ziehen vermochte und störrisch im Nassen verweilte.

Geschrei und Gehämmer drang von den Magazinen herüber. Vielleicht bekam die Kirche ein neues Dach. Meister Musa blickte hinauf in die blaue Wölbung des Baldachins und in den Dampf, der den Kopf des Kunden umschwebte. Viele Gewänder trug dieser Kunde, eines über dem anderen, eine Jadespange im Turban, in den Ohren Rubine, und strahlte viel Frohsinn aus. Mit einer Verneigung gab ihm Musa das Schreibrohr zurück. Das Echtheitszertifikat war ein sinnloses Dokument. Einen Papierwisch konnte man jederzeit austauschen. Musa signierte seine Instrumente grundsätzlich im Messing. Aus allem, was gut und teuer war, aus Ebenholz, Silber und Elfenbein und ein wenig chinesischem Lack, hatte der Kunde einen Ständer für das Astrolabium anfertigen lassen, der ebenso sinnlos war wie das Zertifikat. Es war ein kleines Scheibenastrolab, das in eine Hand passte, und wenn es auf einem Ständer aufgebockt stand, konnte man es nicht benutzen. Doch der Kunde würde es ohnehin nicht benutzen. Der Kunde verstand nichts vom Himmel und nichts von der Mathematik. Dieser mühsame Kunde, dachte Musa, konnte bestenfalls den Mond von der Sonne und die Nacht vom Tag unterscheiden und vielleicht selbst das nicht immer. Er sammelte Astrolabien, um damit anzugeben. Mit einem Original von Musa al-Lahuri konnte man hervorragend angeben, selbst wenn es nur dumm auf einem Ständer stand. Seine Astrolabien waren begehrt. Ein einziger Verkauf finanzierte einen schönen Teil seiner Reise, von Jaipur bis Manbai und übers Meer und in die heiligen Städte.

Stundenlang hatte der Kunde das Astrolabium von einem Diener hinter sich hertragen lassen, der es mit einem Tüchlein auf dem Ständer festhielt; durchs Haus, durch den Garten und schließlich unter den feuchten Baldachin. Nun war es endlich das seine und stand auf seinem Tisch. Er sprach ein Dichterwort, das Himmelszelt zu einem zarten Bild geronnen, et cetera. Wie oft hatte al-Lahuri das schon gehört. Er verneigte sich wieder.

Neue Diener erschienen. Sie brachten nicht etwa das Geld, sondern Früchte in großen Schalen und in englischen Gläschen englischen Magenlikör. Der Kunde redete klug über Engländer, mit denen er wohl Handel trieb, setzte viele Höflichkeiten hinzu und dann das Wort »Alhidade«. Das wiederholte er mehrfach, ohne dazugehörigen Satz. Er beugte sich sogar zu Meister Musa herüber und raunte beschwörend »Alhidade«, die Lippen fast an seinem Ohr.

»Jawohl«, sagte Musa. »Die ist hinten.«

Zum ersten Mal seit seiner Abreise verspürte er eine gewisse Sehnsucht nach Jaipur. Dort hätte niemand gewagt, dauernd ›Alhidade‹ zu ihm zu sagen, in einer solch törichten und unverbundenen Weise. Es war ein wenig, als ob man ›Sohle, Sohle‹ zu einem Schuhmacher sagte. Wahrscheinlich war ›Alhidade‹ das einzige Wort aus dem Bereich der Wissenschaften, das der Kunde kannte; deshalb wollte er diese Saat wohl unbedingt auswerfen und vielleicht ein ganzes Gespräch daraus ziehen. Er nahm dem Diener das Tüchlein weg, das dieser zum Anfassen des Astrolabiums benutzt hatte, fasste es selbst damit an, hielt es seinem Schöpfer vor die Nase und rief noch einmal: »Alhidade!«

Musa al-Lahuri verabscheute es, wenn man ihm Dinge vor die Nase hielt. Seit einer Weile konnte er nicht mehr scharf erkennen, was sich zu nahe vor seinen Augen befand. Er ging auf die fünfzig zu. Er wusste, dass Menschen in seinem Alter in der Nähe unscharf zu sehen begannen. Dies war nicht einmal eine Krankheit, die eines Arztes bedurfte, sondern nur eine kleine und ganz unpersönliche Strafe Gottes, die jeden traf und mit der jeder wohl oder übel seinen Frieden machte. Doch nicht jeder schmiedete die besten Astrolabien von Hindustan. Meister Musa nahm sich das Recht, gekränkt zu sein.

Er hielt das Instrument halbnah vor sein Gesicht, nicht so nahe, dass es völlig verschwamm, und nicht so weit weg, dass der Kunde hätte bemerken können, dass hier jemand mit langem Arm auf kleine Dinge guckte, wie es die Greise tun. Er betrachtete das Astrolab mit Wehmut. Es war schön gelungen und landete im Haus eines Tölpels. Musa drehte es um, legte den Zeigefinger auf die Idade und stellte sie so, dass sie das Schattenquadrat schnitt.

»Wollt Ihr etwa die Höhe der Sonne über dem Horizont bestimmen«, sagte er milde, »so bewegt Ihr die Idade, bis durch beide Absehen hindurch ein Sonnenstrahl auf Eure Hand fällt, und lest die Gradteilung ab. Nun dreht Ihr das Astrolab, sucht die Position der Sonne auf dem Tierkreis und stellt die Spinne dieserart, dass die Sonne auf dem Mukantara der gemessenen Höhe steht. Beachtet deren Teilung in je sechs Grad pro Kreis. Zur Nacht verfahrt Ihr ähnlich: Ihr sucht die Höhen zweier Sterne, wie sie die Spinne zeigt, und stellt sie auf die Höhen der Sterne, wie Eure Augen sie sehen. Nun nehmt Ihr mit dem Zeiger an der Hajrah die Zeit. Dreht die Sonne auf der Spinne. Bringt sie in Deckung mit dem östlichen Horizont. Nun wisst Ihr, wann die Sonne aufgeht, die wahrhaftige Sonne des Himmels, und kennt die Länge des wahrhaftigen Tages. Was sich von selbst versteht.«

Schweigen hing über dem Pavillon. Ein Wassertropfen fiel aus dem indigoblauen Zenit auf den Tisch. Der Verwalter des Kunden erschien und brachte endlich das Geld. Meister Musa verspürte das Bedürfnis, sämtliche Anwendungen des Astrolabiums zu erläutern, selbst wenn es zehn Stunden dauerte. Er drehte es in der Hand, ließ den Zeiger über der Spinne kreisen und holte tief Luft. Der Kunde zog ein wenig den Kopf ein.

»So Gott will«, sagte Musa.

Mit seinem Diener ging er zum Fluss hinunter, der ebenfalls Panvel hieß, bestieg das Schiff, das dort auf ihn wartete, und machte sich auf den Rückweg nach Manbai. Es war ein miserables kleines Schiff, nicht besser als das gestrige. Mit seinem schiefen, dreieckigen Segel sah es aus wie schon halb gekentert, und auch der Mann, dem es gehörte, und die Burschen, die diesem dienten, erweckten wenig Vertrauen. Der Panvel war verschlickt und versandet, die Ufer ausgeschwemmt, das Wasser braun. Während sich das Schiff durch allerlei Unrat kämpfte, jammerte der Schiffer in der Straßensprache von Manbai, wahrscheinlich über fehlenden Wind oder nach mehr Bezahlung. Vielleicht war es auch die Straßensprache von Panvel. Jeder Flecken von Hindustan hatte eine andere Sprache. Selbst Meister Musa konnte nicht alle lernen. »Ist rasche Landung erzielt, wird Belohnung des Schiffsherrn erfolgen«, skandierte er unwirsch auf Sanskrit. Der Schiffer warf ihm ehrfürchtige Blicke zu. Wahrscheinlich verstand er kein Wort und dachte, sein Fahrgast habe gebetet.

Meister Musa stellte sich in den Bug, möglichst weit weg vom Segel. Das Schiff quälte sich gen Meer. Im Treibgut hing ein Ziegenkadaver, an dem ein schwarzer Vogel fraß. Einen Moment lang dachte Musa, dass es waghalsig sei, mit all dem Geld des Kunden in der Welt herumzuflottieren. Gott sei Dank trug er Dolch und Säbel, und Malik, sein Diener, war ein kräftiger Bursche. Er musste sich plötzlich vorstellen, wie er den Besitzer des Schiffes hinterrücks überfiele, wie er ihn sofort und mit Freude erstäche und dieserart selbst zum Besitzer des Schiffes würde. Wie er die Leiche des Schurken über Bord würfe und fortan auf dessen kläglichem Kahn, unter falschem Namen und vielleicht als Inder verkleidet, Jahr um Jahr die sieben Inseln umschiffte und ein Piratenleben führte, fern von seiner Heimat, seiner Familie und seinem Beruf.

Seit sein Augenlicht zu ermatten begann - und zuweilen sah er sich schon blind um Hilfe keifen wie ein Greis, auf dessen baldigen Tod jeder hofft -, suchten ihn öfter Trugbilder heim. Im Observatorium des Fürsten von Jaipur berechnete und beobachtete er seit Jahrzehnten die Gestirne. Seit Jahrzehnten klafften Lücken zwischen Beobachtetem und Berechnetem, die nicht zu schließen waren, so viel man auch neu berechnen und beobachten mochte. Einst hatte er damit gehadert. Einst hatten ihm diese Lücken den Schlaf geraubt. Nun schlief er so lange, wie man ihn eben ließ, und kritzelte dazwischen die Tagestabellen für alle Gestirne, wie man sie eben sah. Und schmiedete Astrolabien fürs liebe Geld. Und so ging das Leben dahin. Man wurde immer dicker und müder. Es war kein Wunder, wenn das Gemüt nach Abwechslung schrie.

Christine Wunnicke:
Die Dame mit der bemalten Hand
Berenberg-Verlag
168 S., geb., 22,00 €

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