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Hanns Cibulka

Wie das Dunkel leuchtet

Vor hundert Jahren wurde der Dichter Hanns Cibulka geboren

Von Hans-Dieter Schütt

Schubert-Töne, ägyptische Katzen-Stille und apulische Tage. Leben kann so vieles sein unterm Dach des Universums - der Dichter Hanns Cibulka bettet jedes nüchterne, vorpreschende Erkennen achtsam in Geheimnis und Magie zurück, denn »zwischen den Sternen: unsichtbar: die kosmischen Felder, wo sich die Engel sammeln, wenn sie als Botschafter durch den Weltraum ziehen«.

Diese Dichtung ist eine Literatur der spirituellen Überwindung von etwas Oberflächlichem, das man vielleicht Modernität nennen kann. Werk eines Schriftstellers, der weit zurückreichende Witterungen hat, der ein »Vergangenheitsorgan« besitzt, wie Botho Strauß es formulierte, und er meinte damit eine Sensibilität für jene, ja: Gewordenheit des Menschen, die mehr ist als die Summe seiner Tage und Jahre.

Cibulka lauscht dem nach, was die innere Biografie eines Menschen ausmacht. Für ihn selbst ist diese Frage fest gebunden an die lastend lebendigen, oft wiederkehrenden Bilder der Kriegsjahre; immer steigen nachts die Toten aus ihren Gräbern. Die kurze Liebe des deutschen Soldaten zu Halina in Kremenez: Diese Erinnerung zieht sich - mal ein Seufzen, mal ein harter trauriger Gesang, mal eine wilde Feier des unauslöschlichen Traums - durch alle Bücher und formte so, wie ein untilgbares Lebenszeichen, eine der schönsten Liebesgeschichten moderner deutscher Literatur.

Der Gothaer Dichter, über Jahrzehnte Leiter der dortigen Stadt- und Kreisbibliothek »Heinrich Heine«, später in seiner Finnhütte bei Tambach-Dietharz wohnend und schreibend, ist zum Herzton-Setzer der »verratenen Söhne« geworden - jener Generation also, die ihre unheilbare Lebenswunde in den Schlachten des Zweiten Weltkrieges zugefügt bekam. Der Funksoldat »unter bekümmertem Himmel« und »auf empörter Erde«. Gefesselt an die ungeliebte Uniform, wurde da einer mittels Literatur zum dennoch frei Sinnenden. Gebunden an unheilvollen deutschen Befehl im Süden Europas, fand er in klassischer Kultur das Eigene, das überleben half.

Cibulka, am 20. September 1920 im mährisch-schlesischen Jägerndorf in der Tschechoslowakei geboren, war US-amerikanischer Kriegsgefangener auf Sizilien, wurde zum Umsiedler im Osten Deutschlands, erfuhr die DDR - deren ermutigenden Beginn, deren erschöpfende Existenz, deren späte, überraschend-euphorische Reformsekunde, deren Übergang in die Kälte der Industriegesellschaft. Alles in seinem Werk verdichtet sich letztlich auf den Gedanken, wie wenig wir im Laufe der emsigen Jahre festhalten können und wie mit jedem Schritt, den wir tun, das Gewicht über uns schwerer wird. Wie »Axthiebe« können die Jahre auf uns zukommen, und genau kann niemand erklären, was in uns geschieht, wenn die Türe aufgerissen wird, hinter der die Essenz unseres Lebens verborgen liegt. Beseelend, wenn einer solche Bilanz ziehen kann: »... dem eigenen Gewissen die Treue gehalten,/ Bruder gewesen allem, was lebt ...«

Manchmal lesen sich die Reflexionen, als stünde man in einem perlgrauen Dunst; Formen und Farben lösen sich auf, es gibt keine Kontraste, keine Abstufungen mehr, nur noch fließende, vom Licht durchpulste Übergänge - und seltsamerweise ist es gerade die Flüchtigkeit der Erscheinungen, die einem beim Lesen ein Gefühl von Ewigkeit gibt. Einer Ewigkeit von verborgenen Wahrheiten in uns, und vielleicht heißt Leben, diese Wahrheiten suchen zu wollen, ohne der Illusion zu verfallen, das Verborgene auch wirklich aufhellen zu können. In den Einsamkeiten lesen zu können, ist die Feuerprobe unserer kommunikativen Intelligenz.

Er hat den Monte Cassino zum Anlass seiner Tagebücher genommen und Thüringer Landschaften um Naumburg, Kochberg, Erfurt oder die Höhenlagen um Tambach (»Dornburger Blätter«, »Liebeserklärung in K.«, »Tagebuch einer späten Liebe«, »Wegscheide«); er hat Hiddensee und Rügen ein literarisches Denkmal gesetzt (»Sanddornzeit«, »Seedorn«, »Swantow«) und spät noch einmal seine Heimat am Fuße des Altvatergebirges besucht (»Am Brückenwehr«). Immer ist dieser Schriftsteller Ahnungsvoller und Aufklärer zugleich gewesen. Böhmische Herkunft und italienische Kriegsjahre haben zu einer beeindruckenden poetischen Liaison geführt, zum literarischen Zusammenspiel gleichsam von mittelgebirgischem Grau und südlicher Helle, von nördlicher Mäßigung und klassischer Opulenz.

Die Tagebücher, ob »Umbrische Tage« oder »Sonnenflecken über Pisa«, sind auch Auskünfte über Lese- und Hörstunden: Wer Cibulka liest, bekommt Lust an Goethe und Meister Eckhart, an Bach und Schubert, an Rilke und Hauptmann, an Jünger, Ezra Pound und Franz von Assisi. Von großer Kraft seine Zwiesprache mit Schöpfer und Schöpfung. Immer ist der Reisende Cibulka ein bescheidener, anspruchsloser Zeitgast in kleinen, schmucklosen Zimmern - der aber mit seiner grüblerischen Fantasie und seiner unaufgeregten Neugier in die Welt drängt.

Auch die wunderbar klaren Gedichte (unter anderem die Bände »Arioso«, »Windrose«, »Lichtschwalben«, »Lebensbaum«), Kostbarkeiten einer schreibenden, also horchenden Hand, sind Verteidigung einer Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen: seiner doppelten Eingespanntheit, einmal in die festen realen Verhältnisse und zum anderen in jene träumerischen Versuchungen, die dieses real Mögliche doch ständig übersteigen wollen. Das »Es ist erreicht« der jetzigen liberalen Demokratie, bei dem jedes Ding zur Reklame für sich selbst gerät und jede technische Neuerung zur quasi-kopernikanischen Wende ausgerufen wird, um einen Markt dafür herzustellen - diesem falschen Endzustand, der unser Leben nunmehr so stark durchdringt, setzt Cibulkas Werk, ganz im Lessing’schen Sinne, ein Warten im Dasein entgegen. Wider jene zahllosen Konzepte des Wohlseins, die man kaufen kann. »Ein Dämon hat das Herz in Ketten gelegt: das Geld.«

Er lobt mit der Silberdistel (»zart im Wuchs, streng in der Form, unbiegsam im Geiste«) eine Naturschönheit, die im Schatten der anderen leuchtet; Metapher wohl auch für die Umstände seiner eigenen Existenz. Auf der einen Seite hat er, kühn und naiv, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ins Gedicht zu holen versucht, und andererseits formt er seine bitteren ökologischen Befürchtungen zum warnenden Bild: »Irgendwo/ in unserem Jahrhundert,/das den Himmel verkommen läßt,/ die Mondschale mit Atomstaub füllt,/ den Regenbogen/ auf die Folterbank spannt,/ haben wir unseren Namen verloren.«

Als sei da in jeder Blüte und jeder Wiese die Ahnung einer mächtigen Mitte, als finde da eine Spiegelung der Gestirne statt. Poesie in natura. Und als sei eben - im Sinne von Blochs Staunen über unsere noch vorgeschichtliche, also weit offene Existenz - durchaus eine humane Vervollkommnung vorstellbar. Indem wir mit Höherem endlich einmal mehr meinen als nur immer uns selber. Der Trost in Trauer, die Trauer getröstet: »Solange noch ein Wort/ an deinen Augen sich entzündet,/ Leben,/ bleibt das immer zu Nennende:/ Erde, Wasser, Luft«. Dieser Dichter des Mählichen - er starb 2004 - ist kein Mensch für Überziehungskredite gewesen, auch nicht beim Schreiben. Sprache: kein Mengen-, sondern ein Dichtewert. Cibulka bewegte am Leben die Hintergrundstrahlung. Von dort beziehen Cibulkas Verse und Tagebücher ihr Dunkel. Aber indem er sich diesem Dunkel geradezu vertrauensvoll und neugierig öffnet, beginnt es zu leuchten und antwortet mit einem Schein ganz aus Frieden. Frieden ist ein Tätigkeitswort.

Hans-Dieter Schütt ist Herausgeber von »Hanns Cibulka. Labyrinth des Lebens. Ein Brevier«, kürzlich erschienen im Verlag Das Neue Berlin.

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