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Sie winken allen Neuankömmlingen

Schuld und Sühne am äußersten Rand der irischen Welt

Gebeugt und befangen stand er am Erkerfenster des Western Nursing Home. Wer war er, und wohin wollte er, hatte er das vergessen? Seine Mitbewohner beobachteten ihn. Das Ritual war immer das gleiche. Nicht mehr lange, und John Michael Flaherty würde seinen Aussichtsposten verlassen und zu seinem Sessel auf der anderen Seite des Raumes zurückkehren. Zunächst aber atmet er tief, reckt sich zu voller Länge und träum sich übers grüne Wasser, das er vom Fenster aus sieht. Rüber zum Hafendorf auf der nördlichen Insel. Dort marschiert er die steile Straße hoch, die links und rechts in unregelmäßigen Abständen von Häusern flankiert wird, und hält vor einem größeren zweistöckigen Gebäude. Über der Eingangstür steht der Name seines Vaters auf einem splittrigen Holzschild:

THOMAS MICHAEL FLAHERTY

Berechtigt zum Ausschank von …

Der vordere Eingang wird nur zu besonderen Gelegenheiten benutzt, daher geht er durch die Hintertür. Er zieht den Kopf ein, um dem niedrigen Balken auszuweichen, schiebt sich in die überfüllte Bar und drängt sich an die Theke. Er achtet nicht auf die vielen Leute, sondern schaut die Frau an, die hinter dem blankgeputzten Tresen Bier in Gläser zapft. Die Hände der Frau gefallen ihm; ihr milchig weißer Kontrast zum dunklen Bier. Er versucht, die Frau auf sich aufmerksam zu machen, doch sie bemerkt ihn nicht. Unablässig füllt sie neue Gläser, schabt den Schaum weg. Er streckt den Arm aus, will sie berühren, doch vergebens. Er will es nicht glauben. Er kennt sie doch so gut, ihr schwarzes Haar, ihre blauen Augen, ihre blasse Haut; wie kann sie ihn also vergessen haben? Wenn sie voreinander standen, reichte sie ihm gerade bis zur Schulter. Gern drückte er sie an sich, legte sein Kinn auf ihren glatten Scheitel und brüstete sich damit, über sie hinwegsehen zu können. Wenn sie sich aus seinem Griff befreien wollte, hob er sie hoch, bis ihre Blicke sich trafen. Jetzt ist sie die Stärkere, die fremde Schönheit! Auch die Frauen von der Insel haben ihre Reize, wer wüsste das besser als er? Peig Casey aber kommt von draußen. Seit er sie kennt, fürchtet er, sie zu verlieren.

»Peig, in Gottes Namen, antworte mir. Peig, hörst du mich? Ich bin es, John Michael!«

»Kaffee, Mr. Flaherty?«

Mit zitterndem Seufzer sackte der Mann in sich zusammen, wandte sich vom Fenster ab und schlurfte zwei Mal durchs Zimmer, bevor er sich in den tiefen Sessel fallen ließ, den er seit einiger Zeit für sich beanspruchte. Beim Anblick des mitleiderregenden Rituals ihres Patienten schüttelte Schwester O’Neill traurig den Kopf. Das Fenster, den Sessel und seine wie auch immer gearteten Visionen, mehr gab es nicht für ihn. »Zwei Tabletten, Mr. Flaherty, kommen Sie! Sie sind auf dem besten Weg, in ein paar Wochen werden Sie sich nicht wiedererkennen.«

Mühsam schluckte er eine Tablette. Beim Aufrichten verschüttete er Kaffee auf die Untertasse, die er zwischen den Fingern hielt.

»Brav, ganz brav, jetzt die andere, seien Sie vorsichtig mit der Tasse. Schlucken Sie, genau, lassen Sie sich Zeit, und weg ist sie, sehr gut! So, Mr. O’Brien, jetzt sind Sie dran. Zwei Tabletten für Sie und noch mal zwei, wenn Sie zu Bett gehen. Aber das schaffen Sie auch alleine. Hier ist Ihr Kaffee, Mr. O’Brien.«

Lauter gute Männer, dachte Schwester O’Neill. Doch ein paar mehr von Mr. Flahertys Sorte würden uns vor echte Probleme stellen.

»Tabletten, Mr. Hannon?«

John Michael ließ Tasse samt Untertasse auf dem Teppich stehen, sackte in sich zusammen und begann sofort zu schnarchen. Schwester O’Neill schüttelte ihn sanft. Der Aufenthaltsraum war nicht zum Schlafen gedacht, diese Regel musste unbedingt eingehalten werden. Das war sie Dr. McHugh schuldig.

»Mr. Flaherty, sind Sie wach, Mr. Flaherty?«

Er schreckte hoch. Dann stemmte er sich aus dem Sessel und steuerte erneut aufs Fenster zu. Schwester O’Neill lächelte. Draußen fiel abendliche Dunkelheit über die Stadt. In vielen Abteilungen des Western Nursing Home gingen bereits die Lichter an. Doch ihr Patient starrte hinaus auf das Meer und schien nichts anderes zu bemerken. Im blendenden Licht der Mittagssonne sitzt John Michael auf der Kaimauer und beobachtet, wie der Dampfer den Leuchtturm passiert und sich der vollbesetzten Mole nähert. Die Inselkutscher bringen ihre Gefährte in Position. Dann marschieren sie zur Mole, um dort die ankommenden Touristen abzufangen. Auf dem vollbesetzten Schiffsdeck drängt sich ein bunter Haufen Urlauber ans Geländer und versucht, einen ersten Blick auf die Inselbewohner zu erhaschen. Ein lebendiges Farbmosaik, das John Michael seit seiner Kindheit vertraut ist.

Jemand schreckt ihn aus seinen Gedanken.

»Ich wusste gar nicht, dass du zum Empfangskomitee gehörst, John Michael.«

Die spöttische Stimme kennt er nur zu gut. Red Coley Lynch, der lässig auf seiner hohen Kutsche sitzt, weiß jeden Vorteil für sich zu nutzen, John Michael kann ein Lied davon singen. Seit frühester Jugend geht er mit Coley zum Fischen. Zu zweit fahren sie in einem kleinen Boot hinaus aufs Meer und sind beste Freunde. Dennoch verpassen sie keine Gelegenheit, sich gegenseitig eins auszuwischen.

»Es kommen mächtig viele Leute, Coley. Da ist sicher ein Dummer dabei, der sich von dir mitnehmen lässt. Also beeil dich und vergeude deine Zeit nicht mit jemandem, der keine Kutsche braucht.«

»Mann, ich hab alle Zeit der Welt. Der Doktor hat mich beauftragt, die neue Krankenschwester zu ihrer Bleibe zu bringen. Nur wohin genau, das hat er mir noch nicht gesagt.«

Mit triumphierendem Lachen und einem Ruck der Zügel ist Coley auf und davon, und John Michael sieht ihm vergnügt hinterher. Wohin genau? Armer Coley! Er ahnt ja nicht, dass John Michael bestens Bescheid weiß. Die neue Krankenschwester, die gleich zum ersten Mal ihren Fuß auf die Insel setzen wird, heißt Peig Casey. John Michael hat ihren Namen auf einem Formular im Postamt entdeckt. Leider musste er der Postbeamtin jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Die redete lieber über ihre beiden Töchter als über eine Fremde. Frauen vom Festland sind ihr alles andere als geheuer, denn es fehlen heiratsfähige Männer auf der Insel.

Unbekümmert hatte John Michael das Postamt wieder verlassen, ohne der besorgten Frau oder ihren willigen Töchtern Hoffnungen zu machen. Stattdessen überredete er seine Mutter, die Krankenschwester im eigenen Haus unterzubringen, das schon früher bedeutende Gäste beherbergt hatte. Mrs. Flaherty, die unter gelegentlichem Unwohlsein litt, hielt das für eine gute Idee. Es sollte ja nur für kurze Zeit sein, bis das neue Wohnhaus der Krankenschwester fertig war. Bis dahin wäre die Neue höchst willkommen.

Immer wenn ein Schiff eintrifft, kommt an der Hafenmole Spannung auf. Das Schiff wird vertäut und der Landesteg hinübergeschoben. Selbst die Pferde werden unruhig; sie scheuen und stampfen zwischen den wartenden Kutschen. Vom oberen Deck des Dampfers winken ein paar junge Mädchen. Laut und überschwänglich begrüßen sie die einheimischen jungen Männer auf der Mole. Die winken und grüßen zurück. Ihre Mütter ärgert das, denn sie schämen sich, die Namen ihrer Söhne aus den Mündern fremder Frauen zu hören.

Den jungen Männern ist’s egal; sie winken allen Neuankömmlingen, sogar der großen Blonden, eigentlich eine Nervensäge und stimmgewaltige Anführerin der Gruppe auf dem Deck. Die aufmerksamen Mütter haben die Blonde auch entdeckt, sie erinnern sich nur zu gut an sie.

»Da ist sie wieder, Gott helfe uns. Und ich hatte schon gehofft, wir würden sie und ihre Meute nie wieder sehen.«

»Ja, aber diesmal hat sie andere Leute mit. Oh je, vielleicht sind die noch schlimmer. Obwohl … ein paar erkenne ich wieder.«

»Ich frage mich, haben sie wieder ihr Zelt dabei? Und die Musik! Sieh, der Sergeant schaut zu ihnen hin, und jetzt winkt er ihnen, aber das wird er noch bitter bereuen. Sie werden ihn an der Nase herumführen, genau wie letztes Mal!«

»Der Pfarrer wird ihnen wohl nicht zuwinken. Letztes Jahr hätten sie ihn beinah in den Wahnsinn getrieben. Ihr Zelt hatten sie ausgerechnet auf dem Feld vor seinem Fenster aufgestellt. Die ganze Nacht ging es hoch her, mit Gesang und Gebrüll. Das wird er sich dieses Jahr nicht gefallen lassen, und wenn doch, bei Gott, dann ist er ein Narr!«

»Diese Brut kann mir gestohlen bleiben, die machen die ganze Insel verrückt. Jung oder alt, eine ist schlimmer als die andere. Meine Kinder trieben sich letztes Jahr die halbe Nacht mit ihnen herum, und ich hatte keine Ahnung, wo sie steckten oder was sie anstellten.«

»Ich sag nur, hoffentlich ziehen sie sich diesmal anständig an! Da kommt man mit züchtiger Kopfbedeckung in die Kirche und sieht überall nackte Arme und Beine, dass einem Körper und Seele gefrieren.«

Auch Coley erkennt die lachenden Gesichter und winkt. Er hat die Mädchen letztes Jahr öfter chauffiert oder mitten in der Nacht abgeholt, wenn sie irgendwo gestrandet waren. Er hält sie für anständig. Manchmal kamen sie sogar mit auf ein Bier in die Kneipe. Und sie bezahlten ihn, ohne zu murren. Das kann man von so manchem bessergestellten Touristen nicht behaupten. Nach einer beschwerlichen Tagestour über die Insel fangen viele Ausflügler an zu feilschen, draußen vor der Kneipe, wo jeder sie sehen kann, um schließlich im Davongehen ihr Wechselgeld zu zählen. Da macht es mehr Spaß, die jungen Mädchen zu fahren.

Über den allgemeinen Lärm hinweg hört Coley einen lauten Ruf. Eben noch dachte er an die fabelhafte Blonde, den Schrecken aller Inselmütter. An die verblüffende Kraft, mit der sie sich nach dem Tanz aus seinen Armen befreite. Coley entdeckt das rötliche, fast lilafarbene Gesicht von Dr. Murray, der sich einen Weg über den überfüllten Landesteg bahnt und mit zwei großen Koffern kämpft. Ihm folgt eine gutaussehende junge Frau, die angesichts der vielen Leute um sie herum kurz stehen bleibt. Doch die drängelnde, eilige Menge zwingt sie die letzten Stufen hinab und hinein ins Getümmel. Beim Versuch, den zudringlichen Inselkutschern aus dem Weg zu gehen, verliert sie ihren Begleiter aus den Augen.

Peig Casey ist sicher angekommen, doch scheint sie nicht recht zu wissen, wo sie sich befindet. Dr. Murray und die Umstehenden betrachten sie, dann kämpft sich der Doktor zurück zu ihr, klopft auffordernd gegen einen der Koffer und führt Peig zu Coleys Kutsche. Coley sichert die Zügel und springt von seinem Gefährt.

»Um Himmelswillen, trödel nicht rum und wirf die Taschen hier rauf!«

Der Doktor sieht, wie sich die Menge um Coleys Pferdewagen schließt. Er macht keinen Hehl aus seiner Ungeduld.

»Hilf ihr hoch, Coley, und los, aber schnell!«

Peig sitzt bereits in der Kutsche, als sich Coley auf den Platz neben ihr schwingt. Er weiß immer noch nicht, wo es hingehen soll. Das zischt ihm der Doktor nun gut vernehmlich zu. Auch die Umstehenden bekommen es mit.

»Zu den Flahertys!«

Leo Daly:
Der Felsengarten. Stimmen der Aran-Inseln
Aus dem Englischen von Chris Inken Soppa
edition karo
232 S., kt., 15,00 €

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