Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Kommentare
  • Saisonstart der Profiligen im Fußball

Distanzlose Ehrengäste

SONNTAGSSCHUSS: Der Saisonstart offenbart eine Zweiklassengesellschaft, meint Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 3 Min.

Journalisten neigen manchmal zu Übertreibungen. Wie soll ich Ihnen also glaubhaft machen, dass ich mich am Sonnabend lange im Glauben wähnte, ich sei in einem menschenleeren Stadion? Hätte der Kollege hinter mir nicht Stein und Bein geschworen, dass im von der Pressetribüne nicht einsehbaren Block unter uns 500 Fans sitzen müssten, ich hätte es nicht geglaubt. Irgendwann fiel ein Tor für Hannover und ein paar Menschen klatschten. Des Rätsels Lösung: Es waren 500 VIP-Tickets, die Hannover 96 vergeben hatte. Und während draußen ein paar Dutzend echte Fans vorm Stadion gegen die Zweiklassengesellschaft demonstrierten, schwiegen die Damen und Herren auf der Haupttribüne sich einfach mal so richtig aus.

Richtig, am Wochenende war der Saisonstart in den ersten drei deutschen Fußballligen. Und der konnte in Coronazeiten unter keinem guten Stern stehen. Ligaverbandschef Christian Seifert hatte ja richtigerweise prognostiziert, die Saison werde zur »anspruchsvollsten und schwierigsten Spielzeit des professionellen Fußballs in Deutschland«. Stimmt: In der Regionalliga wurden wegen infizierter Spieler wieder Partien abgesagt, in der Oberliga sowieso. Die Heimspiele des 1. FC Köln und des FC Bayern fanden kurzfristig doch ganz ohne Zuschauer statt, weil das Infektionsgeschehen zu brisant wurde.

Unter anderen Umständen wäre der 19. September ein Datum gewesen, das herbeigesehnt worden wäre: Endlich wieder Fußball! Wer Lust und Geld hat, hätte sich das Spiel seines Teams im Stadion ansehen können, wer die Couch vorgezogen hätte, hätte Partien vor vollen, lautstarken Rängen gesehen. Ob es auch anno 2020 noch viele Kids gibt, die sich im August das »Kicker«-Sonderheft kaufen und voller Vorfreude Tag X herbeisehnen, an dem sie ihre Lieblingsspieler endlich wieder kicken sehen, weiß ich nicht.

Für Corona kann niemand etwas. Dass - soweit man weiß - nicht versucht wurde, das Eröffnungsspiel zwischen Bayern und Schalke doch noch vor Publikum stattfinden zu lassen und sich der Fußball der (Gesundheits-)Politik gebeugt hat, spricht für die Vernunft der Funktionäre. Doch damit scheinen einige geglaubt zu haben, dass sie ihre gute Tat im Jahr bereits hinter sich gebracht haben. Die Bilder von der Haupttribüne in München sehen nämlich genauso aus wie vor der Coronazeit: Herbert Hainer, Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Kahn, Edmund Stoiber und ein paar andere saßen ohne Maske und Abstand direkt nebeneinander. Die Schalker Delegation um Clemens Tönnies (ausgerechnet!) und Jochen Schneider natürlich ebenfalls.

Dass auf Münchner Seite Vorstand Kahn offenbar im Glauben war, das decke sich mit den Vorschriften, ist peinlich - weiß doch jeder Stadionbesucher, dass er selbst in der Verbandsliga fünfmal pro Spiel darauf hingewiesen wird, dass die Abstandsregel eingehalten werden muss. So war es die CSU-Gesundheitsministerin Melanie Huml, die den Granden die Gesetzeslage ins Gedächtnis rufen musste: »Laut Verordnung sind bei bundesweiten Sportereignissen grundsätzlich 1,5 Meter Mindestabstand vorgesehen.« Zumal genug Platz auf der ansonsten leeren Tribüne war, so die Ministerin.

Immerhin: Die beiden DFL-Vertreter Christian Seifert und Christian Pfennig, die ganz in der Nähe der Vereinsvertreter saßen, haben einen Platz zwischen sich freigelassen. Das überrascht nicht. Beide Herren würden das intellektuelle Niveau in der Vorstandsschaft vieler Bundesligisten beträchtlich anheben. Man kann davon ausgehen, dass Seifert wusste, welches Signal von den Bildern ausgehen würde, die da in seinem Beritt geschossen wurden. Denn offensichtlicher kann man nicht mehr dokumentieren, dass man innerlich schon lange wieder im Normalbetrieb ist - allen Bekenntnissen zum Trotz.

Blieben zwei Fragen: Warum schaffen es die gleichen Verbandsfunktionäre, die Fans dazu auffordern, in einem voll besetzten Fanblock rassistische Pöbler in ihre Schranken zu weisen, nicht, die etwa zwei Meter neben ihnen sitzenden Kollegen von Schalke und Bayern zu bitten, auseinander zu rücken? Und wie wollen es die Funktionäre, die ohne Maske nebeneinander sitzen, begründen, wenn sie mal Fans wegen Verstößen gegen die Corona-Richtlinien zurechtweisen oder gar bestrafen wollen?

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln