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  • Berlin
  • Integrations- und Partizipationsgesetz

Chancen statt Geschenke

Integrationsbeauftragte nennt Ausbildungssituation skandalös

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Katarina Niewiedzial ist keine Freundin leerer Versprechungen. »Die Novelle vom Integrations- und Partizipationsgesetz ist in der Mache«, erklärt die Berliner Integrationsbeauftragte klipp und klar bei einem Pressetermin im Saal der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln zur Lage der Ausbildungssituation in der Hauptstadt. Sie kündigt an, Zugang und Förderung von jungen Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte stärker regeln zu wollen: »Wir brauchen gesetzliche Regelungen und Quoten, denn appellative Hinweise reichen offensichtlich nicht aus.« Der Grund: Nach wie vor bildet sich die stark von Einwanderung geprägte Stadtgesellschaft nicht im öffentlichen Dienst oder anderen Ausbildungsbereichen ab.

Katarina Niewiedzial erläutert das entlang von Erkenntnissen aus einer seit 2010 regelmäßig von ihrer Behörde erhobenen Befragung bei Berliner Ausbildungsbetrieben. Diese legt die gesetzliche Definition der Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung zugrunde: Eine Person hat eine nicht-deutsche Staatsbürgerschaft, der Geburtsort liegt außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik und eine Zuwanderung erfolgte nach 1949 oder der Geburtsort mindestens eines Elternteils liegt außerhalb Deutschlands und dieses wanderte nach 1949 ein.

Es sei ganz klar zu erkennen, so Niewiedzial, dass die Zahl der Menschen, die nach dieser Definition in Berlin Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse eingehen, kontinuierlich steigt. Aber: »Jedes Jahr verlassen etwa 25 000 bis 30 000 junge Menschen die Berliner Schulen. An den Sekundarschulen haben rund 45 Prozent der Schulabgänger eine eigene beziehungsweise eine familiäre Migrationsgeschichte. Die Vielfalt in den Schulklassen spiegelt sich aber noch immer nicht in der Verwaltung«, so die Kritik der Integrationsbeauftragten.

In konkreten Zahlen liest sich das beispielsweise so: Im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf hatten im Jahr 2006 durchschnittlich 13,3 Prozent der Azubis einen Migrationshintergrund nach der genannten Definition, im Jahr 2019 sind es 35,5 Prozent. Im Bezirksamt Reinickendorf ist der Anteil seit 2006 von 37,5 Prozent auf 17,9 im Jahr 2019 gefallen. Während im Bezirksamt Mitte im Jahr 2006 ein junger Mensch mit Migrationsgeschichte ausgebildet wurde, waren es 2019 immerhin schon zwölf. Auch bei der Berliner Polizei verweist man gern auf den gestiegenen Anteil: von 6,7 Prozent im Jahr 2006 auf 36,5 im Jahr 2019.

Anders sieht es bei der Feuerwehr aus. Hier liegt der Anteil aktuell bei 8,9 Prozent - war aber auch schon einmal bei 21,6 Prozent (2012). Grundsätzlich höher liegt der Anteil in landeseigenen Betrieben wie den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) mit 39,2 Prozent (2019). Für Katarina Niewiedzial steht damit fest: »Ausbildungsplätze müssen mit jungen Menschen mit Migrationsgeschichte besetzt werden - entsprechend ihrem Anteil an der Berliner Bevölkerung.« Man dürfe sich nicht »zufrieden geben und herumdoktern«, es müsse um Chancen gehen, nicht um Geschenke.

Niewiedzial strebt nun verbindliche Vereinbarungen mit Akteuren der Verwaltung an, um Vielfalt systematisch in der Ausbildung verankern. Dafür böten auch zusätzliche 397 Ausbildungsplätze eine Chance, die das Land angesichts von aktuell 7000 Azubis ohne Vertrag und aufgrund der Corona-Pandemie in der Verwaltung auflegen will, um die Ausbildungskrise abzumildern.

Während man von vielen Betrieben bislang nicht einmal Zahlen erhalte, wie die Beauftragte kritisiert, kann sich das Bezirksamt Neukölln bei diesem Thema als vorbildlich präsentieren. Weil hier »Vielfalt Normalität« sei, erklärt Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), verfahre man dementsprechend auch in den Bereichen Personalentwicklung und Ausbildung in der Verwaltung. Positive »Role Models« führten zu mehr Diversität, so Hikel, der vor seiner politischen Tätigkeit als Lehrer für Politik und Mathe in einer Zehlendorfer Schule beschäftigt war. Gleichzeitig lege man »einen Fokus auf die Veränderung von stereotypen Haltungen und Denkweisen«.

»Wir fordern eine Fokussierung auf Unterstützungsangebote am Übergang von der Schule zur Ausbildung - gezielt auch für Jugendliche mit Migrationsgeschichte«, fasst Carolin Hassenpusch vom DGB die Problematik in Worte. Für junge Menschen mit der Erfahrung sozialer Benachteiligung sei das Risiko, sich ohne Berufsabschluss in prekären Beschäftigungs- und Niedriglohnverhältnissen wiederzufinden, besonders hoch. In Berlin sind etwa 50 Prozent derjenigen, die keine Ausbildung abschließen, von Arbeitslosigkeit bedroht.

Judith Heepe, Pflegedirektorin der Charité zeigt sich einigermaßen fassungslos angesichts der Zahlen. Die Pflege suche »händeringend« nach Azubis, wirbt die gelernte Pflegefachkraft für ihren Beruf. Auch Nichtgelernte hätten an der Charité die Chance, berufsbegleitende Qualifikationen zu absolvieren, die dazu führten, dass Menschen auch lange im Beruf bleiben können.

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