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Selten so gesittet

Fußballfans reagieren auf Hygieneregeln diszipliniert, manch’ Funktionär weniger

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Die wenigsten kennen seinen Namen, aber die meisten seine Stimme: Bartosz Niedzwiedzki ist Stadionsprecher von Eintracht Frankfurt, der 6500 Besuchern in der Frankfurter Arena am Samstagabend kurz nach Abpfiff des Bundesligaspiels gegen Arminia Bielefeld ein großes Lob aussprach: »Das hat wunderbar funktioniert. Danke für die Kooperation.« Er selbst hatte wiederholt vor Anpfiff und in der Halbzeitpause auf die Einhaltung der Hygieneregeln hingewiesen: Abstand halten, Mund- und Nasenschutz tragen beim Verlassen des zugewiesenen Sitzplatzes. Dass sich 6500 Zuschauer in einer der stimmungsvollsten Arenen Deutschlands insgesamt vorbildlich verhielten, dürfte am Sitz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit Wohlgefallen registriert worden sein.

Beinahe kurios, dass derlei Disziplin am Freitagabend bei der Eröffnung der 58. Bundesliga-Saison auf der Ehrentribüne der Münchner Arena verloren ging. In den Sozialen Medien bracht ein Proteststurm los, weil die Vorstandsriege des FC Bayern - genau wie die Delegation des FC Schalke 04 - direkt nebeneinander saß. Niemand trug einen Mund-Nasen-Schutz, was sogar zu einer Rüge der bayrischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) führte. Irgendwie schwer vermittelbar, dass die Bayern-Bosse nicht jene Regeln einhielten, die in öffentlichen Verkehrsmitteln gelten und sogar von Grundschülern auf dem Pausenhof befolgt werden.

Immerhin: DFL-Chef Christian Seifert ließ einen Platz zu seinem Mediendirektor Christian Pfennig frei. Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte am Sonntag in Sendung »Sky90«, die Missachtung sei keine Absicht gewesen. Man hätte sich zwar auf die bayerische Infektionsschutzverordnung berufen, aber man wisse: »Wir sind uns alle einig, dass das Bild nicht unbedingt vorbildlich war. Das wollen wir beim nächsten Spiel ändern - da werden wir wieder Abstand halten.« Denn auch Rummenigge sehnt Besucher als elementaren Beststandteil der Branche wieder herbei: »Wenn mir dieser Spieltag etwas bewiesen hat, dann dass die Fans damit umgehen können. Ich habe sonst die Sorge, dass wir die Fußballkultur verlieren.«

Er würde sich übrigens einheitliche Regeln wünschen. Alle Klubs hatten einen Belegungsplan auf den Rängen erstellt, so dass genügend Abstand zum Sitznachbarn bestand - und das Tragen der Maske überflüssig war, was nur in Stuttgart kurzfristig noch angeordnet wurde. In Frankfurt nutzte das Publikum die Freiheit, um schon das Einlaufen von Nationaltorwart Kevin Trapp mit einer Gänsehautatmosphäre zu versehen. Der Unterrang der Nordwestkurve, Heimat der Ultras, blieb allerdings verwaist, weil das Stehplatzverbot, der Verzicht auf Gästefans und Alkoholausschank sowie personalisierte Tickets nicht akzeptiert werden. Sonst hätte es die Sondererlaubnis der Politik aber kaum gegeben. In Frankfurt ist es vor Verpflegungsständen und Toilette selten so gesittet zugegangen wie beim Bundesliga-Start 2020/2021. Kein Gedränge, kein Gezeter. Allerorten schien die Anhängerschaft einen Vertrauensvorschuss zurückgeben zu wollen. Zudem genügten 5000 (Union), 6500 (Frankfurt), 7123 (Stuttgart), 8400 (Bremen) oder 9300 Zuschauer (Dortmund), um ordentlich Stimmung zu machen. Werders Trainer Florian Kohfeldt hatte das erste Mal das Gefühl, »wieder richtigen Fußball« zu erleben, Bielefelds Coach Uwe Neuhaus sagte: »Man hatte das erste Mal wieder den Eindruck, dass sich jemand für uns interessiert.« Das sollte nicht heißen, dass sich die Akteure ihrer Verantwortung im Geisterspielbetrieb nicht bewusst waren, aber ohne das Feedback von den Rängen fehlt der Resonanzboden für einen Angriff, eine Abwehraktion - oder ein Foul. In ersten Umfragen befürworteten zwei Drittel der Bevölkerung die Stadionöffnung als vertretbares Risiko.

Problematisch scheint die Reaktion auf kurzfristig wechselnde Infektionslagen, die beim 1. FC Köln zu einer Rücknahme der Stadionöffnung führte. Die Entscheidung ärgerte Geschäftsführer Alexander Wehrle nach dem Geisterspiel gegen Hoffenheim mächtig: »Wir müssen die Prozesse hinterfragen und die Verhältnismäßigkeit. 20 Kilometer entfernt ist ein Freizeitpark, da sind jetzt 10 000 Besucher.« Insgesamt 35 823 Fans waren bei den ersten sieben Spielen in den Stadien - ohne die Pandemie wäre Platz für 381 085 gewesen. Dortmund brachte nicht alle 10 000 Karten an die Kunden, weil drei Viertel der Besucher einen Wohnsitz in der Stadt haben sollten. Nach Augenzeugenberichten war die Einlasssituation beim BVB teilweise heikel: Hier konnten die Abstände nicht eingehalten werden, dauerten die Kontrollen zu lange. Doch insgesamt zog Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) in einer vom BVB verbreiteten Mitteilung auch für das größte deutsche Fußballstadion ein zufriedenes Fazit: »Kompliment an das Publikum für ein in jeder Beziehung diszipliniertes Verhalten.«

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