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»Wir essen nur noch schwarze Bohnen«

Guatemalas Kaffeebauern leiden unter niedrigen Preisen, dem Klimawandel und der Corona-Pandemie

  • Von Andreas Boueke
  • Lesedauer: 10 Min.

Auf einen gesicherten Lebensabend kann sich der bald 70 Jahre alte guatemaltekische Tagelöhner Sixto Pérez nicht freuen. Im Gegenteil, der dünne Mann hat Sorgen, existenzielle Sorgen. Er weiß nicht, ob er und seine Familie in den kommenden Tagen ausreichend essen können. Längst kennt er das Gefühl anhaltenden Hungers. Doch noch vor wenigen Jahren konnte er sich nicht vorstellen, dass es soweit kommen würde. Damals hat er noch ordentlich verdient, denn er besaß ein kleines Grundstück mit über tausend Kaffeepflanzen. »Ich bin inmitten von Kaffeepflanzungen aufgewachsen«, erzählt er. »Früher gab es keinen chemischen Dünger. Der Kaffee wuchs mit der Kraft der Erde, guter Kaffee. Aber dann kamen die Krankheiten und wir mussten Pestizide sprühen. Alles hat sich verändert, vor allem das Wetter. Manchmal regnet es überhaupt nicht mehr. In diesem Jahr gab es bisher nur zwei Gewitterregen und ein paar Nieselregen. Die haben nicht einmal den Boden nass gemacht.«

Sixto Pérez ist in Santa Rosa aufgewachsen. In dieser südlichen Provinz des mittelamerikanischen Landes Guatemala wurden jahrzehntelang über 20 Prozent der nationalen Produktion wertvollen Hochlandkaffees geerntet. Der alte Mann hat spät geheiratet. Seine fast 30 Jahre jüngere Frau Angela brachte drei Töchter zur Welt. Sie kann ihre Enttäuschung nicht verbergen: »Als wir geheiratet haben, war der Kaffeepreis noch gut und die Pflanzen hatten nicht diese furchtbaren Krankheiten. Seither ging es immer nur bergab. Jetzt können wir uns nichts mehr kaufen. Es gibt kein Geld. Wir essen nur noch schwarze Bohnen.«

Die allermeisten der 270 000 Hektar Land, auf denen heute in Guatemala Kaffee angebaut wird, sind vom Kaffeerost befallen. Dieser Pilz überdauert Trockenperioden und kann sich durch kurze Regenschauer schnell auf weitere Pflanzen ausbreiten. Deshalb ist ein großer Teil der Kirschen auf den Feldern von Santa Rosa klein und schrumpelig. Zwar finden auch diese Kaffeebohnen Käufer auf dem nationalen Markt, aber der Preis liegt nicht einmal bei einem Zehntel dessen, was die schönen roten Kirschen kosten, die den Anforderungen des internationalen Marktes für Qualitätskaffee entsprechen.

Kranke Pflanzen

Don Sixto steht auf einem Kaffeefeld, dessen Pflanzen nicht besonders frisch aussehen. »Als der Kaffeerost vor etwa zehn Jahren in diese Region kam, begann die große Krise der Kaffeebauern«, erklärt er. »Der Pilz hat viele Pflanzen zerstört. Früher besaß ich einen Hektar Land, auf dem ich 150 Säcke Kaffee ernten konnte. Heute pflücke ich auf solchen Feldern nur noch vier oder fünf Säcke. Auch viele der großen Landbesitzer haben aufgehört, sich um ihre Pflanzungen zu kümmern.«

Don Sixto musste sein Grundstück verkaufen. Seither arbeitet er als Tagelöhner, zusammen mit seiner Frau. In wenigen Wochen werden sie auf den Feldern ihrer Nachbarn wieder Kirschen von zweieinhalb Meter hohen Pflanzen pflücken, deren grüne Blätter gelbe Flecken haben und Löcher mit braunen Rändern, Symptome des Kaffeerosts. Doña Angela weiß, dass ihr Mann nur noch wenige Jahre lang wird arbeiten können - wenn überhaupt. Gedanken an die Zukunft machen ihr Angst. »Ich frage ihn: ›Was wird werden, wenn du nicht mehr arbeiten kannst und wir beide alt sind?‹ Noch geht es. Jeder von uns kann etwa 40 Quetzales am Tag verdienen.« Mit diesen knapp fünf Euro kann Doña Angela nicht viel kaufen. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie die Sonne oft tagelang von dichten Nebelfeldern verdeckt war. Heute ziehen nur noch selten Nebelschwaden durch die Täler. Die Durchschnittstemperatur der fünf Erntemonate liegt jetzt bei fast 20 Grad.

Geschichte eines guten Auskommens

Die Geschichte des Kaffeeexports aus Santa Rosa begann vor 120 Jahren mit einer Landnahme der Familie Lehnhoff. Die deutschen Einwanderer gründeten die erste große Kaffeefinca in dem Gebiet des indigenen Volkes der Xinca. Seitdem hat der Export der braunen Bohnen mehreren Generationen ein gutes Auskommen gesichert. Auch der junge Rechtsanwalt Quelvin Jiménez hat einige Hektar Land geerbt. Vor allem aber widmet er sich seiner Arbeit für eine Umweltschutzkommission in Santa Rosa. »Früher konnten Familien mit nur einem Hektar Land genug verdienen, um gut zu leben und ihre Kinder zur Schule zu schicken. Sie konnten 100, 200 oder gar 300 Säcke Kaffee ernten. Heute füllen sie womöglich nicht mal mehr fünf Säcke. Die Leute haben nicht genug Geld, um ihre Pflanzungen zu pflegen und ihren Familien menschenwürdige Lebensbedingungen zu bieten.«

Quelvin Jiménez meint, der Temperaturanstieg in Santa Rosa sei definitiv eine Konsequenz des Klimawandels: »In den Höhenlagen gab es früher nie solche Hitze. Heute wird es auf 1200 Metern genauso heiß wie auf 100 Metern über dem Meeresspiegel. Der Kaffeerost hat sich ausgebreitet, weil der Pilz überall auf günstige Bedingungen trifft. Darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet.«

Im Temperaturanstieg sieht der Umweltaktivist ein Menschenrechtsthema, weil die Überlebensgrundlage von Menschen wie Doña Angela und Don Sixto zerstört wird. Quelvin Jiménez ist wütend, dass einige mächtige Politiker diesen Zusammenhang abstreiten.

Immer mehr Kleinbauern in Santa Rosa verkaufen ihr Land, um Schulden begleichen zu können oder um ein Familienmitglied in die USA zu schicken. So sind die Grundstückspreise in der Kaffeeanbauregion drastisch gefallen. Doch das ist Sixto Pérez ziemlich egal, er besitzt ja kein Land mehr. Für ihn und seine Familie geht es ums nackte Überleben. »Als meine Eltern gestorben sind, mussten wir für die Beerdigung zahlen. Dafür habe ich das letzte Grundstück verkauft, das ich geerbt hatte. Seitdem haben wir nur noch Schulden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als für einen Tageslohn zu arbeiten. Aber auf den meisten Parzellen kann man nicht mehr viel ernten. Einige Landbesitzer investieren viel Geld und machen Verluste. Der Kaffeeanbau ist zu einem Verlustgeschäft geworden.« Die Krise trifft die Kleinbauern in Guatemala doppelt. Neben der Umweltproblematik macht ihnen der niedrige Weltmarktpreis zu schaffen. Der liegt schon seit Jahren unter ihren Produktionskosten.

In Guatemala ist es üblich, dass die Tagelöhner den Kaffee über Wochen in Intervallen ernten. Unreife Kirschen bleiben hängen, damit sie nachreifen können. Diese Handarbeit führt zu einer besseren Qualität als beim Einsatz von Erntemaschinen wie auf den flachen Großfarmen Brasiliens. Doch sie ist langwierig und teuer, sagt der Anwalt Quelvin Jiménez: All das habe zu einer Krise geführt. »Immer mehr Kinder sind unterernährt. Auch die Migration hat zugenommen. Ganze Familien entscheiden sich, in die USA zu gehen. Sie wollen der Wirtschaftskrise entkommen und ihre Schulden bezahlen. Manche verkaufen ihr Land für einen schlechten Preis, in der Hoffnung, mit dem Geld die Reise bezahlen zu können. Sie wollen in den USA ein neues Leben beginnen.«

Während viele der Älteren verarmt zurückbleiben, ziehen immer mehr junge Leute weg aus Santa Rosa. In manchen Dörfern stehen die meisten Häuser und Hütten leer. Auch die interne Migration nimmt zu. Ehemalige Kaffeebauern gehen in die Städte und arbeiten etwa für private Sicherheitsdienste, die ihnen einen Elendslohn zahlen. Die Entwicklung in den Gemeinden stagniert. Manchen Familien bleibt nichts anderes übrig, als ihre Kaffeesträucher zu fällen und stattdessen Mais und Bohnen anzubauen. So haben sie zumindest etwas zu essen.

Kaffee auf dem Weltmarkt

Inmitten von großen Kaffeefeldern steht eine kleine Kirche. Das bunt bemalte Holzgebäude ist umgeben von ein paar Häusern mit Wänden aus Lehmblöcken und Dächern aus rostigen Wellblechplatten. Einer der Laienprediger der Gemeinde heißt Tereso Ramos, ein resoluter Kleinbauer mit sonorer Stimme. »Wenn Jesus hier wäre, würde er genauso reagieren wie damals mit seinem Volk. Ich bin mir sicher, dass er protestieren würde. Er sah das Unrecht und kämpfte dagegen an. Er würde auch heute erkennen, dass die Armen ausgebeutet werden, dass man uns ausnutzt. Ich glaube nicht, dass er das gutheißen würde.«

Tereso Ramos ahnt nicht, dass Kaffee längst zu einem Spekulationsobjekt geworden ist. »Wir Bauern verdienen am wenigsten, obwohl wir das Produkt am besten kennen«, klagt Tereso Ramos. »Wir müssen uns dem Preisdiktat der Reichen unterwerfen. Die Brüder aus der Gemeinde, die ein paar Kaffeefelder besitzen, können ihren Arbeitern auch nicht mehr zahlen. Sie bekommen ja selber keinen gerechten Preis. Schuld an diesem Unrecht sind die Mächtigen.«

Anfang des Jahrtausends gehörte Guatemala noch zu den fünf Spitzenproduzenten der Welt. Seither ist das Land auf den zehnten Rang zurückgefallen. In diesem Jahr wird die Kaffeeernte wahrscheinlich noch schlechter werden. Völlig anders ist die Situation in Vietnam, wo erst seit 40 Jahren in großem Stil Kaffee angebaut wird. Das asiatische Land belegt heute den zweiten Rang der Kaffee produzierenden Länder, auch wenn dort kein Qualitätskaffee angebaut wird. Der meiste Kaffee stammt aus Brasilien. Dort wächst rund ein Viertel der weltweiten Kaffeepflanzen.

Solange der Kaffeepreis an den Börsen der reichen Industrieländer definiert wird, haben die Kosten und die Not der Kaffeebauern in Guatemala keinen Einfluss auf die Preisgestaltung. Doch weder Kleinbauern wie Tereso Ramos noch die Tagelöhner sind sozial abgesichert. Die Coronakrise hat dieses Problem noch einmal deutlich verschärft. Wer krank wird oder sich verletzt, bekommt keine Hilfe. Das kann lebensgefährlich werden, weiß Doña Angela. Vor einem Jahr hat sie sich heftig mit einer Machete geschnitten. Die Wunde hat sich entzündet, aber sie hatte kein Geld für einen Krankenhausaufenthalt. »Wir hatten uns verschuldet, um ein Stück Land zu pachten und Mais und Bohnen anzubauen. Die Wunde habe ich dann selbst mit Hausmitteln behandelt. So wurde es langsam besser, aber es hat zwei Monate gedauert. Ich hatte schlimmes Fieber, habe aber immer weiter gearbeitet. Ich dachte, ich würde sterben.«

Die Kaffeekrise macht den Alten das Überleben schwer, den Jüngeren verbaut sie die Zukunft. Frühere Generationen hatten es leichter. Die Eltern von Quelvin Jiménez konnten ihm dank ihrer Kaffeeproduktion eine Universitätsausbildung ermöglichen. »Die sozialen Veränderungen durch die Kaffeekrise sind enorm«, sagt der Anwalt. »Früher konnten die Kinder zur Schule gehen. Viele haben sogar private Sekundarschulen besucht, die eine etwas bessere Bildung bieten als die lausig schlechten öffentlichen Schulen. Heute schaffen es viele Familien nicht einmal mehr, ihre Kinder durch die sechs Jahre der Grundschule zu bringen.«

Don Sixto ist stolz auf seine älteste Tochter, die noch zur Sekundarschule gegangen ist. »Sie hat ihren Abschluss gemacht und sich dann mit ihrem Mann zusammengetan. Ich konnte ihr helfen, weil ich damals noch die finanziellen Möglichkeiten hatte. Mit meinen jüngeren Töchtern wird das schwieriger. Sie sind in der Grundschule, aber ich glaube nicht, dass sie danach weiter lernen werden. Wir können uns die Sekundarschule nicht mehr leisten. Die Mädchen werden eine andere Zukunft haben. Sie bekommen nicht mehr dieselbe Bildung, wie es früher noch möglich war.«

Der Staat hilft nicht

In den wohlhabenden Ländern des Globalen Nordens ist es selbstverständlich, dass der Staat Subventionen zahlt, wenn eine krisengebeutelte Region Hilfe braucht. Aber die guatemaltekische Regierung kümmert sich nicht um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme von Santa Rosa.

Anwalt Quelvin Jiménez nimmt die transnationalen Kaffeekonzerne in die Verantwortung. Sie fahren weiterhin gute Profite ein. »Diese Unternehmen quetschen die kleinen Kaffeebauern aus. Die Ausbeutung trägt zu ihren enormen Gewinnen bei. Deshalb ist es nötig, dass die Verbraucher sich bewusst machen, wo der Kaffee herkommt. Sie sollten sicherstellen, dass den Produzenten gerechte Preise gezahlt werden.«

Quelvin Jiménez ist sich bewusst, dass die guatemaltekischen Kaffeeproduzenten flexibler werden müssen. Denn auch unter den derzeitigen Bedingungen und im Rahmen des Wirtschaftssystem ist es möglich, mit Qualitätskaffee aus Santa Rosa Geld zu verdienen. »Wenn wir die traditionellen Methoden der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre beibehalten und den unausgereiften Kaffee weiter an den Zwischenhändler verkaufen, werden wir die Krise nie überwinden. Dann machen andere die Profite: die Besitzer der Verarbeitungsanlagen, die Exporteure, die Röster.«

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