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Gewinnen ist Sein

BEST OF MENSCHHEIT, Teil 38: Individualität

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Individualität ist für den (kleiner werdenden) Teil der Menschheit, der auf der Siegerseite des kapitalistischen Kampf- und Wettspiels steht, das, was er besitzt und gleichzeitig anderen verweigert. Er benötigt Fitness- und Motivationstrainer aller Art, Therapeuten, Gurus, Assistenten in menschlicher wie digitaler Form, damit er das Geld erarbeiten, erpressen und erspielen kann, mit dem er aus dem riesigen Warenangebot, das für ihn die Welt ist, das herauspicken kann, was ihn zum Individuum konfiguriert. Er ist damit beschäftigt, diese Konfigurationen zu präsentieren und ihre Aktualität zu diskutieren, weil er Sich-leisten-können mit Leistung gleichsetzt und seinen Warenkorb zum Distinktionsgewinn gegenüber den Warenkörben anderer benötigt. Gewinnen ist Sein, Trophäen sind das Individuum. Der (oft unter sklavischen Bedingungen) warenproduzierende Mensch erscheint dem kapitalistischen Individuum dagegen als austauschbare Masse.

Der Kapitalismus wäre ohne die europäische Eroberung und imperialistische Ausbeutung des Planeten unmöglich gewesen, die Individualisierung des Europäers als Konsument und Händler seiner selbst ging nicht ohne die Erfindung menschlicher »Rassen«. Ein System, das auf dem Versprechen basierte, dass potenziell alle die Privilegien des Adels erreichen können, musste die Knechtschaft exportieren und -pandieren. Unter anderem mit dem Ergebnis, dass »Weiße« noch immer glauben, Menschen anderer »Rassen« sähen alle gleich aus - obwohl menschliche Gesichtserkennung gar nicht über die Färbung einzelner Elemente funktioniert (Männer können 40 Jahre verheiratet sein, ohne die Augenfarbe ihrer Ehefrau zu kennen - und erkennen sie trotzdem). Wer Menschen in »Rassen« einteilt, macht sie zu Nutz- und Haustieren (denn wo sonst gibt es Rassen?), erzeugt deren Austauschbarkeit. (Ähnliches gilt für Geschlechterkonstruktionen; Individualität ist vor allem männlich.)

Diese oberflächliche Gleichheit, diese historisch vorgeformte Entindividualisierung schützt die einzigen Individuen des Kapitalismus vor der Erkenntnis der Obszönität des eigenen Daseins. Der naive Glaube, alle könnten so leben, wie man selbst, wenn die sich nur anstrengten, legitimiert die Ausbeutung von Mensch und Natur. Alle wissen, unter welchen Bedingungen Kleidung entsteht, das Smartphone oder die ständig verfügbaren Lebensmittel, alle müssen das wegrationalisieren, wenn sie nicht offen den Rassismus der Produktion affirmieren wollen. Die Aufgeklärtesten witzeln es zynisch weg. Was auch tun?

Die Idee der Individualität muss einen sehr weiten Weg hinter sich haben. Ab dem Bewusstsein seiner selbst und mit der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit muss der Mensch Hunderttausende Jahre um das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe und umgekehrt gerungen haben. Und je größer die Gruppe, desto komplexer muss dieser Kampf geworden sein. Schon früh muss es sich als praktisch erwiesen haben, das Leiden und Sterben anderer unempathisch zu betrachten. Vermutlich fand dieser Kampf nur immer dann für ein paar Menschen Ruhe, wenn im Faschismus sich das Individuum im Kollektiv als Herrscher über andere Kollektive als Individuum bestätigt sah. Doch Empathie und Identifikation sind Voraussetzungen, als Mensch gegen die Gnadenlosigkeit der Natur zu bestehen.

Man kann sich also Humanität ohne Anerkennung der Individualität aller nicht vorstellen. Doch ist Individualität längst so energisch, dass die Gesamtheit des Homo Sapiens die Natur zu Tode besiegt. Interessanterweise stirbt sie sogar dabei, ausgebreitet über weltweite Netzwerke, anscheinend unausweichlich in eine Gleichförmigkeit, die wiederum kollektiv bejammert wird. Ob es die Kettenläden der sterbenden Innenstädte sind, die Silhouetten der Großstädte, die Aufteilung der Vorstädte - alles wirkt überall gleich, alles ist Simulation von Einzigartigkeit. Oder deren Musealisierung. Schade, denn irgendwo in dem ganzen Wahnsinn hat bestimmt mal die Möglichkeit gerechter Individualität gesteckt.

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