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Der Physiknerd aus der Muckibude

Golfer Bryson DeChambeau gewinnt die US Open, weil er den Sport akribisch auseinander genommen hat

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Während des Lockdowns verbrachte Bryson DeChambeau mehr Zeit im eigenen Fitnesscenter als auf dem Golfplatz. Während seine Kontrahenten die Wettkampfpause nutzten, um an ihrer Technik zu feilen, trank der US-Amerikaner literweise Proteindrinks und stemmte Gewichte an den Geräten der Muckibude in seiner Garage. DeChambeau ist kein normaler Golfer, der ständig versucht, seine Schwächen abzustellen. Er sucht lieber nach Wegen, neue Stärken auszubilden. Am Sonntag hat ihn diese Strategie erstmals zum Major-Champion gemacht. Mit einer beeindruckenden Leistung und einem riesigen Vorsprung gewann er die US Open.

Den 27-Jährigen muss man als Menschen beschreiben, der gern Vorurteile hinterfragt und als solche entlarvt. Wer würde schon jemandem, der stundenlang Hanteln stemmt, und so in den vergangenen Jahren mehr als 20 Kilogramm an Muskelmasse zugelegt hat, den Spitznamen »Wissenschaftler« geben. Doch der Amerikaner, der heute knapp 108 Kilo wiegt, baut eben keine Muskeln auf, weil er das schick findet. Für ihn sind sie nur Mittel zum Zweck, denn mit mehr Kraft kann man einen Golfball nun mal weiter schlagen. 310 Meter übertrifft er im Schnitt mittlerweile vom Abschlag. Niemand auf der Profitour PGA schafft mehr. Doch DeChambeau ist das noch nicht genug. Wenn er sich erst mal 120 Kilo angetrunken und -trainiert hat, soll der Ball bald 340 Meter weit fliegen.

»Es ist nun mal ein Vorteil, wenn man weit schlägt, egal auf welchem Golfplatz man auch spielt«, sagt er gern. Für die US Open sollte aber genau das nicht gelten. Sie werden von der United States Golf Association ausgerichtet, die darauf achtet, dass zumindest bei diesem Major-Turnier noch derjenige gewinnt, der alle Facetten des Sports am besten beherrscht: weite Schläge, aber auch präzise Annäherungen, kurze Pitches aus hohem Gras und schwierige Bogen-Putts auf den welligen Grüns rund ums Loch. Um reinen Kraftpaketen ihren Vorteil zu nehmen, machten die Organisatoren dieser Tage im Winged Foot Golf Club in Mamaroneck die Spielbahnen extrem eng. Wer nicht gerade schlägt und das kurz geschorene Fairway verfehlt, musste ins besonders tiefe Gras, aus dem ein normaler Golfer es mit dem nächsten Schlag nicht mehr aufs Grün zum Loch schafft.

Doch DeChambeau nahm dieses Konzept komplett auseinander. Präzise Abschläge waren ihm egal, er haute trotzdem drauf und traf auf insgesamt 72 Löchern nur 23 dieser Fairways. Dabei schlug er jedoch jedes Mal so weit, dass er es danach auch aus dem tiefsten Gras noch locker bis aufs Grün schaffte. Plötzlich kam es auch bei den US Open auf die Länge der Schläge an, und nicht mehr auf die Präzision. DeChambeau hatte wieder mal ein Vorurteil widerlegt.

Als einziger blieb er nach vier Tagen unter dem Platzstandard. Er brauchte nur 274 Schläge und damit sechs weniger als der Zweitplatzierte Matthew Wolff (USA) - Welten im Golf. »Bei so engen Bahnen trifft keiner immer das Fairway. Und wenn das so ist, wird Länge wieder zum Vorteil. Ich habe also diese Woche bewiesen, dass meine Theorie stimmt«, sagte der glückliche Sieger. Widersprechen konnte ihm niemand.

Allerdings gefällt den Puristen der Trend keineswegs. »Jeder Teil meines Körpers sträubt sich dagegen, dass das Spiel nur auf Kraft reduziert wird«, sagte NBC-Analyst Roger Maltbie, der DeChambeau am Sonntag begleitet hatte. »Aber das war so beeindruckend, dass ich zumindest nicht mehr sagen kann, dass es falsch ist, was er da tut. Auch Kontrahent Rory McIlroy schwankt noch: «Er hat das komplette Gegenteil dessen gezeigt, was ein US-Open-Champion eigentlich tun muss», sagte der frühere Weltranglistenerste aus Nordirland. «Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht für das Spiel ist.»

Nun ist das Streben nach längeren Schlägen keineswegs neu im Golf. Schon der Aufstieg von Tiger Woods vor knapp 25 Jahren ging damit einher, dass der Superstar auf mehr Muskelkraft und längere Schläge setzte als die Konkurrenz. Eine ganze Generation folgte ihm, und längst nennen sich die Profis - durchaus zu Recht - nicht mehr Spieler, sondern Athleten.

Bryson DeChambeau aber tut viel mehr, um voranzukommen. Als einziger Profi hat der neue Weltranglistenfünfte alle Schläger auf eine einheitliche Länge getrimmt. Nur die unterschiedlichen Winkel der Schlagflächen entscheiden nun, ob der Ball flach und weit oder hoch und kurz fliegt. Der Vorteil: DeChambeau kann jedes Mal den gleichen, automatisierten Schwung nutzen. Als Amateur ließ er vor dem Spiel sogar seine Golfbälle in Salzwasser schweben, um sicher zu gehen, dass ihr Schwerpunkt auch wirklich in der Mitte liegt. Seit damals hält er auch Arme, Hände und Schläge in einer Linie. Das wirkt steif, doch der Mann, der am College Physik studierte, ist davon überzeugt, dass es der bessere Schwung sei.

«Er ist der authentischste Golfwissenschaftler, der je gespielt hat», sagte Paul Azinger mal über den Golfnerd DeChambeau. Dabei galt Azinger selbst jahrelang als äußerst smarter Spieler und Trainer. «Je mehr Informationen er sammelt, desto weniger komplex wird Golf für ihn. Bei allen anderen ist es genau andersherum.» Noch ein Vorurteil also, das DeChambeau widerlegt hat: Golf kann doch ganz einfach sein, wenn man die Physik dahinter erst einmal kapiert hat. «Mein Ziel ist es, dieses komplexe, variable und multidimensionale Spiel zu entschlüsseln. Das ist es, was mir so viel Spaß macht», sagte DeChambeau. «Ich habe mich schon so oft auf die Wissenschaft verlassen, und es hat jedes Mal funktioniert.»

Er sei gar nicht so klug, hat er mal erzählt, dafür aber hartnäckig. «Ich kann in allem gut sein, wenn ich es liebe und hartnäckig dran bleibe.» Das trifft übrigens nicht nur auf den Sport zu. So hat sich der Rechtshänder mal antrainiert, mit links und spiegelverkehrt unterschreiben zu können.

Zumindest bei den Ansätzen, die Golf betreffen, dürfte Bryson DeChambeau spätestens jetzt Nachahmer finden. Der Erfolg bei den US Open war der siebente seit seinem Profidebüt 2016. Ohne Frage werden noch viele dazukommen. Er habe nichts dagegen, dass andere ihn kopieren. «Ob sie es auch schaffen, ist aber etwas völlig anderes», warnte er sie dennoch. Die Traditionalisten dürften hoffen, dass es niemandem gelingt.

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