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Eine Tochter des 20. Jahrhunderts

Mit Rossana Rossanda starb eine der letzten Ikonen der italienischen Linken

  • Von Wolf H. Wagner
  • Lesedauer: 4 Min.

Rossana Rossanda war eine der letzten Grandes Dames der italienischen Linken. Die Journalistin und Philologin verstarb am Sonntag in Rom im Alter von 96 Jahren. Mit ihrer Kenntnis des Marxismus, des Feminismus und der linken Organisierung prägte sie die politische Meinung etlicher Generationen des vergangenen Jahrhunderts. Erst als wichtige Funktionärin der Partito Comunista Italiano (PCI), der Italienischen Kommunistischen Partei und dann als Mitbegründerin der dissidenten linkskommunistischen Zeitschrift »Il Manifesto«. Gleichbedeutend mit ihren politischen Publikationen waren ihre literarischen Arbeiten, zu deren bedeutendsten die Übersetzungen von Heinrich Kleist und Thomas Mann ins Italienische zählten.

Rossana Rossanda wurde 1924 im istrischen Pola als Tochter eines Notars geboren, die Familie verarmte in der Weltwirtschaftskrise und zog nach Mailand um. Im Zweiten Weltkrieg schloss sie sich der Resistenza an, mehr aus persönlicher Wut über die deutsche Besatzung ihrer Heimat als aus politischer Überzeugung. Als Kurierin im Norden Italiens erwarb sie sich nicht nur organisatorische Fähigkeiten, sondern kam auch in Kontakt mit Gruppen der unter Mussolini verbotenen Kommunistischen Partei.

In der Resistenza lernte sie auch ihren späteren Mentor, den Philosophie-Professor Antonio Banfi kennen, der wie Rossanda einer bürgerlichen Familie entstammte und sich in der Folge des Krieges der PCI zuwandte. Nach dem Krieg, mit 23 Jahren, trat auch Rossanda der Partei bei und arbeitete ab 1947 hauptberuflich im Apparat. In ihrer Autobiografie »La Ragazza del Secolo scorso« (Titel der deutschen Ausgabe: Die Tochter des 20. Jahrhunderts) erinnert sie liebevoll an Banfi, der ihr in der von Männern dominierten Partei zum Aufstieg verholfen hatte.

Zunächst war sie Parteisekretärin in Mailand, die Parteichef Palmiro Togliatti schon bald zur Kulturbeauftragten der PCI ernannte, sie wurde Mitglied des Zentralkomitees und Parlamentsabgeordnete.

Mitte der sechziger Jahre kommt es zu ernsthaften Streitigkeiten innerhalb der PCI. Während der gemäßigte Flügel unter Luigi Longo und später Enrico Berlinguer die real existierende kapitalistische Gesellschaft akzeptierte und die PCI darin als einen wichtigen Bestandteil definierte, setzte der linke Flügel um Rossanda, Luigi Pintor, Luciana Castellina und Aldo Natali weiter auf eine revolutionäre Ablösung des Systems, auch in Sympathie mit der 68er-Bewegung. Verstärkt wurde der Dissens von der heftigen Kritik, die die Gruppe um Rossanda am Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrags in die Tschechoslowakei übte. Daraufhin wurden sie als »Linksabweichler« ausgeschlossen. Ironie der Geschichte: Auf dem Moskauer Treffen der kommunistischen Parteien widersetzte sich die von Berlinguer geleitete italienische Delegation der Erwartung, ein Abschlussdokument zu unterzeichnen, in dem die führende Rolle der KPdSU festgeschrieben und unter anderem auch die Invasion in der CSSR abgesegnet werden sollte.

In ihren Memoiren beschrieb Rossanda ihren Ausschluss aus der Partei nicht als Niederlage, sondern als eine neue intellektuelle Herausforderung und Chance. Gemeinsam mit Pintor, Castellina und Natali und anderen gründete sie die Zeitschrift »Il Manifesto«, die sich im Frühjahr 1971 vom Monatsblatt zur Tageszeitung wandelte - dem historischen Vorbild der »Libération« in Paris und der »Taz« in Westberlin. Im Wettbewerb mit der PCI-offiziellen »L’Unità« veröffentlichen hier linksradikale Autoren. »Wir hofften, eine Brücke zwischen den Vorstellungen der jungen und der Weisheit der alten Linken bauen zu können«, erinnerte sich Rossanda in ihrer Autobiografie an die Anfangstage von »Il Manifesto«.

Allerdings scheiterte Mitte der siebziger Jahre der Versuch der Redaktion, gemeinsam mit anderen Linken eine neue Partei zu etablieren, die radikaler kommunistische Ideen vertreten sollte als die PCI. Daraufhin zog sich Rossanda aus der aktiven Politik zurück und widmete sich theoretischer Arbeit und literarischen Übersetzungen. So veröffentlichte sie Werke zum italienischen Feminismus, zu marxistischen Theorien, zur Kulturpolitik und zur allgemeinen Lage der Linken in Italien.

Auch der Niedergang der Sowjetunion und des Realsozialismus änderte nichts an der Überzeugung Rossandas, sich zum Kommunismus zu bekennen. »Wie kann man es ertragen, dass die meisten Menschen auf der Erde nicht einmal die Chance haben, darüber nachzudenken, wer sie sind und was sie werden wollen, weil das ganze Abenteuer des Lebens von Anfang an ruiniert ist? Entweder gibt es einen furchtbaren Gott, der dich auf die Probe stellt und im Jenseits belohnt, oder es ist unannehmbar. Ich bin nicht gläubig und kann deshalb nur versuchen, Dinge zu ändern - oder den Zustand, den ich nicht ertrage, wenigstens nicht ausarten zu lassen, ihn abzumildern«, bekennt sie in »Tochter des 20. Jahrhunderts«. So werden sie Freunde, Genossen und auch politische Gegner im Gedächtnis behalten.

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