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Die Großen für den Westen, die Kleinen für den Osten

Die Treuhandanstalt verkaufte vor allem die produktiven DDR-Firmen an die Konkurrenz aus den alten Bundesländern

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
30 Jahre Deutsche Einheit: Die Großen für den Westen, die Kleinen für den Osten

Die Privatisierung der volkseigenen Betriebe (VEB) der DDR ist bis heute beispiellos in der Geschichte moderner Industriegesellschaften. Sie veränderte nicht allein die Wirtschafts-, sondern auch die Eigentumsstruktur Deutschlands langfristig. Im Privatisierungsprozess nahm die Treuhandanstalt, die 1990 Anteilseignerin der in Kapitalgesellschaften umgewandelten VEB wurde und damit verantwortlich für rund vier Millionen Beschäftigte war, eine zentrale Rolle ein.

Selbst 30 Jahre nach der Vereinigung liegt noch vieles im Dunkeln, was die Arbeit der Treuhandanstalt angeht. Um Aufklärung bemüht sich eine jetzt vorgestellte Studie des ZEW - Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim -, des Ifo-Instituts in München und der Universität Brüssel. Demnach verkaufte die dem Bundesfinanzministerium unterstellte Behörde produktive Firmen häufiger und rascher als weniger produktive Betriebe und bekam dafür mehr Geld. Brisanter ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Treuhand übergab solche erfolgreichen Unternehmen mit höherer Wahrscheinlichkeit an westdeutsche Investoren. »Gerade produktive DDR-Firmen blieben seltener in ostdeutschem Eigentum«, erklärt Ifo-Forscher Lukas Mergele.

Die Ökonomen erklären die westdeutsche Dominanz mit dem besseren Zugang zu Finanzkapital. Westdeutsche Unternehmer und Manager seien außerdem erfahrener in der Führung marktwirtschaftlich orientierter Firmen und »wahrscheinlich« auch wirtschaftlich und politisch besser vernetzt gewesen. Nach den von der Treuhand festgesetzten Kriterien waren westdeutsche Investoren einfach besser geeignet, aber, wie ZEW-Ökonom Moritz Lubczyk betont: »Es bleibt die Umverteilung von Firmenbesitz von Ost nach West festzuhalten.«

Laut der Studie fanden sich nach Abschluss der Haupttätigkeit der Treuhand im Jahre 1995 rund 51 Prozent der Firmen, die für 64 Prozent der Umsätze und 68 Prozent der Arbeitsplätze der früheren DDR-Unternehmen standen, mehrheitlich in westdeutscher Hand. Je erfolgreicher die Unternehmen, desto höher der Anteil von Westdeutschen unter den Eignern. Dagegen landeten die »kleinen Privatisierungen« von Geschäften, Restaurants und Hotels größtenteils bei ostdeutschen Eigentümern.

Die Studie beruht auf allgemeinen statistischen Auswertungen. Für eine Aussage über konkrete Privatisierungsentscheidungen reicht dies natürlich genauso wenig wie für eine umfassende Historie der Treuhandanstalt. An Letzterer arbeitet das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ), und zwar schon seit 2017. Bei der Präsentation erster Zwischenergebnisse stellten die Forscher der Treuhand vor Kurzem ein schlechtes Zeugnis aus. Die Transformation der Wirtschaft habe zu Massenarbeitslosigkeit und zu einem neuen Stadt-Land-Gefälle mit plötzlich abgehängten Regionen geführt. Darüber hinaus betont das IfZ, dass die Privatisierung der Betriebe »nicht alternativlos« war.

Die Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 hatte die Kombinate in der noch bestehenden DDR schlagartig und unvorbereitet den kapitalistischen Weltmarktbedingungen ausgesetzt. Mit katastrophalen Folgen: Die Betriebsumsätze auf dem heimischen und den wichtigen osteuropäischen Märkten brachen dramatisch ein. Im Ergebnis waren die Betriebserlöse immer weniger kostendeckend. Aus diesem Liquiditätsproblem entwickelte sich dann rasch ein Rentabilitätsproblem. Dies, so das IfZ, »prägte die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern maßgeblich«.

Die Treuhandanstalt, anfangs unter dem Sozialdemokraten Detlev Rohwedder zu einer funktionsfähigen Institution ausgebaut, wurde von der Politik im Stich gelassen, so die Historiker. Weder auf ost- noch auf westdeutscher Seite habe es einen Masterplan gegeben. In der BRD ging es zunächst nur um eine Währungsunion. Rohwedder, der zuvor den Dortmunder Stahlkonzern Hoesch saniert hatte, wurde dann auch noch vielen westdeutschen Industrievertretern unbequem. Überhaupt nahm die Treuhand an der Schnittstelle zwischen Staat und Wirtschaft eine eigentümliche Sonderrolle ein. Nach Rohwedders Ermordung im April 1991 führte dies unter der Hamburger CDU-Politikerin Birgit Breuel zu weiterem Kompetenzgerangel. Verschiedenste wirtschaftliche und politische Interessen tobten sich so in der Treuhand aus. Mit einem Ergebnis, wie es in der ZEW-Ifo-Studie nachzulesen ist.

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