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Allegorie menschlicher Leidenschaften

»Dekadenz und dunkle Träume« - belgischer Symbolismus in der Alten Nationalgalerie in Berlin

Traum, Mythos, Melancholie, Dekadenz, Schönheit und Vergänglichkeit, Verlorenheit und Sehnsucht, Verführung, Ekstase und Obsession, das psychisch zerrissene Ich, die Abgründe der menschlichen Seele, ausschweifende Fantasie - das sind die Werke der belgischen Symbolisten, die abgesehen von einzelnen Künstlern wie James Ensor, Fernand Khnopff, Félicien Rops oder George Minne hierzulande kaum bekannt sind.

Als eine Wiederentdeckung und museale Neubefragung dieser Kunstströmung am Ausgang des 19. Jahrhunderts kann die große Zusammenschau mit etwa 200 Exponaten - allein 180 kommen aus Belgien - gelten, die jetzt in der Alten Nationalgalerie in Berlin, thematisch geordnet in 13 Sälen, gezeigt werden. Ergänzt werden die belgischen Symbolisten durch ihre deutschen und europäischen Zeitgenossen, die teilweise im Bestand der Nationalgalerie vertreten sind, durch Böcklin, Klinger, Stuck, Gustave Moreau, Jan Theodor Toorop, James McNeill Whistler bis hin zu Klimt, Hodler und Munch. Sie regen den Betrachter zu aufschlussreichen Vergleichen zur europäischen Kunst um die Jahrhundertwende an.

Eingangs empfängt den Besucher der »Jünglingsbrunnen« (1905, Gips) von George Minne - fünf identische Knaben, die den eigenen Oberkörper umarmen und den Blick zu Boden richten. Ein Symbol von Melancholie, Einsamkeit und Trauer. Über jegliche Funktion von Plastik hinweg hat sich Minne hier für eine neue inhaltliche Offenheit jenseits von Zeit und Raum entschieden. Ist die Hinwendung der Symbolisten zu einer mythischen Zivilisationsferne aber tatsächlich eine Verweigerung der geschichtlichen Welt, eine Absage an die Gegenwart, der die ursprüngliche, elementare Einheit verloren gegangen ist?

Trotz aller Sehnsucht nach einer zeitlosen, außergeschichtlichen Existenz spricht jedoch aus ihren Werken auch Lebensbejahung und Daseinsfreude. Allerdings waren sie nicht fähig, sich die Frau als soziales Wesen vorzustellen. Sie hatten eine neurotische Beziehung zu Frauen, sahen sie als Elementargewalt, als Vampir, Medusa, Sphinx oder als Urmutter und Quelle des Lebens an. Zum Bild der Femme fatale, dem das der Femme fragile, der zerbrechlichen Kind-Frau, gegenübergestellt wird, gehört auch das Mischwesen aus Frau und Tigerkatze, das in Khnopffs querformatigem Bild »Liebkosung« (1896) einen jungen Mann täuscht. Wie schnell kann sich die Liebende in ein mit seiner Pranke zuschlagendes Raubtier verwandeln. Dagegen symbolisiert Khnopffs »I lock my door upon myself« die Unergründlichkeit der Frau. Rops wiederum, ein Meister der Inszenierungskunst, karikierte mit den Themen Erotik und Sexualität schonungslos bürgerliche Lebenslügen.

Die Maske ist eine Allegorie der menschlichen Leidenschaften, sie trägt das Innere des Menschen nach außen, und gerade Ensor, der Maler des Grotesken, konnte hinter seine eigene Maske schauen, seine Ängste und Neurosen mit Fantasie und schwarzem Humor umsetzen. 1888 malte er einen dämonischen Karneval bedrohlicher Masken beim »Einzug Christi in Brüssel«. Ist Ensor selbst der verspottete Christus? Auf jeden Fall ist er der verspottete Maler. Die handkolorierte Radierung von 1895, die man in der Ausstellung fast übersieht, ist eine seitenverkehrte Kopie des Gemäldes mit erkennbaren Zusätzen und Veränderungen. Jetzt zieht die chaotische Menschenmenge Fahnen und Transparente schwenkend am Betrachter vorbei. Ist es eine Massenprozession, ein Triumphmarsch, ein Karnevalszug oder gar eine Arbeiterdemonstration? Triumphierend erhebt sich Ensor als Christus über die Menge und verkündet allen seine radikale künstlerische Botschaft.

Auf ein Foto von 1896, das Ensor vor der Staffelei sitzend in seinem Dachatelier zeigt, geht das Bild »Skelett mit Staffelei« (1896/97) zurück. Alle auf der Fotografie abgebildeten Masken, Schädel und sonderbaren Objekte, für Ensors Werk zentral, sind Stück für Stück auf die Leinwand übertragen. Inmitten dieser Kuriositätenkammer steht der Maler als Skelett vor der leeren Staffelei, auf der ein Totenkopf ihn höhnisch angrinst. Figuren in einer Welt, in der Wirklichkeit und Traum, Körper und Seele, Vernunft und Irrsinn miteinander streiten, bevölkern immer wieder die Bilder Ensors und der Symbolisten. Die Grenzen zwischen Realem und Surrealem sind aufgehoben. Diese Künstler, die wohl an dem litten, was Freud eine »Zwangsneurose mit Obsessionen« genannt hätte, haben in ihrer Malerei dem tiefen Unbehagen des modernen Menschen Ausdruck gegeben.

Konfrontieren solche Bilder den Betrachter mit seinen eigenen Ängsten und können sie ihm helfen, sie loszuwerden, indem er sie mit dem Künstler teilt? Im antiken griechischen Drama wurde diese Erfahrung als Katharsis, als Reinigung bezeichnet, und Sigmund Freud hat diese Erfahrung zu Zeiten des Symbolismus neu interpretiert. Es ist sicher eine sehr Freud’sche Art, sich so selbst zu sehen, umgeben von seinen eigenen Ängsten, Bedrückungen und Neurosen. Auch uns ist der Wunsch nicht verloren gegangen, in nicht zu enträtselnde Geheimnisse einzudringen. So kann sich der Symbolismus heute wieder als historisches Modell und offenes Bezugsfeld erweisen.

»Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus«, bis 17. Januar 2021, Alte Nationalgalerie Berlin, Bodestr. 1-3; Katalog (Hirmer, 32 €).

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