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Prostata vs. G-Punkt

Sawsan Chebli (SPD) wurde schon wieder sexistisch beleidigt. Das ist kein Zufall, meint Vanessa Fischer

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Frage, ob Michael Müller (SPD) wegen seiner Prostata der bessere Politiker ist, dürfte den meisten wohl einigermaßen absurd erscheinen. Weniger absurd ist für Stephan Paetow, 77 Jahre alt und ehemaliger stellvertretender Focus-Chefredakteur, dahingegen die Aussage, Sawsan Cheblis (SPD) einziger Pluspunkt gegenüber Müller sei ihr G-Punkt. Hahaha.

Im August war bekannt geworden, dass die Berliner Staatssekretärin bei der nächsten Bundestagswahl im selben Wahlkreis für ein Direktmandat antreten will wie der Regierende Bürgermeister. Mitte Oktober sollen sich die SPD-Mitglieder im Bezirksverband nun bei einer Befragung zwischen den beiden entscheiden.

Natürlich ist der Kommentar von Paetow besonders unterirdisch und plump – auch wenn von einer Seite wie Tichys Einblick, auf der er veröffentlicht worden war, nicht viel mehr zu erwarten ist; ein trauriger Einzelfall ist er dennoch nicht. Im Gegenteil: Chebli ist seit Jahren sexistischen Beleidigungen ausgesetzt. Anstatt die Arbeit der Politikerin aufgrund ihrer Inhalte und Kompetenzen zu beurteilen – wie das bei Cheblis männlichen Kollegen der Fall ist –, geht es bei ihr all zu oft nur darum: wie sie aussieht.

Und das ist weder, wie vielfach behauptet, ein »Kompliment«, noch Zufall, sondern hat vielmehr damit zu tun, dass Chebli eine Frau – noch dazu mit Migrationsgeschichte – ist, die als Politikerin Karriere macht. Die ihren Platz in der Gesellschaft entgegen aller Widerstände erkämpft hat und nun auch noch ihren Chef herausfordert. Und das passt Typen wie Paetow nicht in den Kram: Typen, die es gewohnt sind, dass wichtige Positionen seit Jahrhunderten weißen Männern vorbehalten sind. Typen, die nicht wollen, dass sich an diesem Privileg etwas ändert.

Sie setzen Sexismus - bewusst oder unbewusst - seit jeher als Strategie ein, um Frauen in ihre Schranken zu weisen, um eine Hierarchie herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Die Zeiten, in denen sie das in reiner Männerrunde ungestraft tun konnten, sind vorbei. Es bleibt zu hoffen, dass »Witze«, wie die von Paetow, das Zeichen eines letzten Aufbäumens sind. Ein letzter verzweifelter Versuch, einen alleinigen Platz ganz oben in der Hierarchie zu verteidigen. Vielleicht werden uns dann eines Tages auch sexistische Kommentare über Frauen genauso absurd vorkommen wie die Frage nach Michael Müllers Prostata.

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