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Merkwürdig wachsende Pflänzchen

Wie marxistisch kann eine Liebesgeschichte sein? »Normale Menschen« von Sally Rooney

Kann eine Liebesgeschichte marxistisch sein? Diese Frage wurde Sally Rooney, dem aus Dublin stammenden 29-jährigen Shootingstar der britischen Gegenwartsliteratur, vergangenes Jahr auf einer Lesung gestellt. »Ich denke, ja. Natürlich kann sie das sein. Ich werde es herausfinden in meinem nächsten Roman«, sagte Rooney lachend, die sich selbst als Marxistin bezeichnet und bei Lesungen und Interviews immer wieder auf dieses Thema angesprochen wird.

Ihr jetzt auf Deutsch erschienener zweiter Roman »Normale Menschen«, wieder ein internationaler Bestseller, der sogar schon von der BBC als Miniserie verfilmt wurde, kann ein Stück weit als Antwort auf diese Frage verstanden werden. Wobei Rooney zwar Bücher über und für ein großstädtisches linkes Publikum schreibt, die interessanterweise darüber hinaus eine breite Leserschaft finden, aber dabei keinerlei Ambitionen hat, politische Theorie in Belletristik zu verpacken. Das wäre viel zu platt und würde der literarischen Qualität ihrer Romane nicht gerecht werden. Wenngleich in ihrer lakonischen und konzisen Prosa eine marxistische Grundhaltung der Autorin immer wieder sichtbar wird.

In »Normale Menschen« erzählt Rooney die Geschichte von Connell und Marianne. Sie sind beide 17, gehen in der irischen Provinz zur Schule und beginnen eine Affäre. Marianne kommt aus der gehobenen Mittelschicht, Connell ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die im Haus von Mariannes Eltern putzt. Niemand in der Schule darf etwas von der heimlichen Affäre erfahren, denn der beliebte Connell will nicht mit der als Sonderling geltenden Marianne in Verbindung gebracht werden.

Rooney erzählt treffsicher, handlungsorientiert und dialogreich die Geschichte dieses jungen Paares, das sich in einem Prozess der Annäherung und Trennung befindet. Mal sind sie Freunde, dann wieder ein Liebespaar, sie missverstehen sich, streiten viel, versöhnen sich, ganz oft geht es auch einfach nur um Sex.

Aber immerhin kommen sie sich so nahe, dass sie gemeinsam ihr Studium planen und Connell wegen Marianne den Sprung von der Provinz in Sligo nach Dublin wagt, wo er statt eines praktischen Berufs ein Literaturstudium am renommierten Trinity-College beginnt, an dem auch Marianne studiert. Aber bevor sie dorthin ziehen, trennen sie sich erst mal, um sich dann in Dublin nach Monaten wiederzutreffen.

Das radikale On-Off ihrer nicht eindeutig definierten Beziehung zieht sich über Jahre. Mal ist es ein Erasmus-Stipendium in Schweden, wo Marianne eine Beziehung mit einem Fotografen eingeht. Dann fehlt Connell schlicht das Geld, um sich im Sommer die Miete in Dublin zu leisten, einer der teuersten Städte Europas, und er zieht für einige Monate zurück zu seiner Mutter in die Provinz. Wieder trennen sie sich. Denn dass Connell einfach gerne bei Marianne wohnen würde, um die Miete zu sparen, bringt er nicht über die Lippen. Und sie würde gerne, dass er bei ihr einzieht, kapiert aber nicht, dass Connell einfach pleite ist.

Wie unterschiedlich ihre Wahrnehmung sein kann, wird an einem Stipendium deutlich, das Connell erhält. Ohne dieses Geld wäre sein Studium nach einiger Zeit einfach zu Ende gewesen. Marianne erhält die gleiche Förderung. Doch für sie ist das eine Art persönliche Bestätigung, was ihr einen besseren Stand gegenüber ihrem Elternhaus verschafft. Zu ihrer Familie hat sie ein von Gewalt geprägtes Verhältnis, um existenzielle wirtschaftliche Nöte wie bei Connell geht es bei ihr aber nicht. Die ökonomischen und sozialen Bedingungen dieser Liebe sind feste Größen in Sally Rooneys Roman.

Connell fühlt sich am Elite-College auch nicht richtig wohl. Ihm wird klar, dass seine Art, sich zu benehmen, sich von anderen Studenten wahrnehmbar unterscheidet und das alle dies bemerken. Sein Habitus ist working-class-geprägt, wenngleich er sich im Lauf des Studiums immer mehr einer bildungsbürgerlichen Identität annähert und am Ende sogar als Nachwuchsautor Erfolg hat. Die Frage, wie sehr Marianne und Connell es schaffen, sich ihrer Umwelt anzupassen, oder ob sie ständig anecken, spielt eine zentrale Rolle in diesem Coming-of-Age-Roman.

Rooney erzählt keine Geschichte über die im Neoliberalismus so gehypte Selbstverwirklichung, sondern über soziales Wachsen und die damit verbundenen Probleme und Widersprüche. Dass Connell am Elite-Bildungsinstitut nicht dazugehört, führt ihm auch Jamie vor Augen, ein hochnäsiges Kind reicher Eltern, mit dem Marianne eine Zeit lang eine Beziehung führt. Connell wiederum bandelt mit Helen an, mit der er eine konventionelle und sehr eindeutig geregelte Paarbeziehung führt, inklusive Besuche bei den Eltern.

»Normale Menschen« handelt vor allem von einer Suchbewegung zweier junger Menschen, die jenseits vorgefertigter gesellschaftlicher Normen ihre Beziehung zueinander immer wieder neu erfinden und heftig darum ringen, wie sie eigentlich zueinander stehen. »All die Jahre waren sie wie zwei Pflänzchen, die sich dasselbe Fleckchen Erde teilten, die umeinander herumwuchsen, sich verbogen, um Platz zu machen, dabei merkwürdige Positionen einnahmen«, heißt es in dem Roman.

»Normale Menschen« ist auch deshalb so bestechend großartige Literatur, weil Sally Rooney nicht nur ein unglaublich gutes Gespür für ihre Figuren und deren Nöte hat, sondern damit auch für eine ganze Generation schreibt, die ihre Volljährigkeit und den Übergang zu Studium und Beruf im Irland der Finanzkrise erlebte. Rooney schafft es, auf kleinteilige und intime Weise die Bedürfnisse ihrer Figuren und ihre gegenseitigen psychologischen, emotionalen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Abhängigkeiten in packender Prosa zu verarbeiten.

Das ist hochpolitisch, ohne belehrend oder didaktisch zu sein. Vielleicht gibt es sie ja wirklich, die marxistische Liebesgeschichte, wenngleich auch Sally Rooney in der eingangs erwähnten Lesung betonte, dass es im Grunde gar nicht wichtig sei, diese Frage eindeutig zu beantworten.

Sally Rooney: Normale Menschen. A. d. Engl. v. Zoe Beck. Luchterhand, 320 S., geb. 20 €.

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