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Hier spricht die materielle Kultur!

Handfestes und Kurioses: Industriedesign, Gebrauchsgrafik und Reklame in der DDR

Von Mario Pschera

Kenntnis von frühen Zivilisationen haben wir oft nur durch die Tonscherben, die sie hinterlassen haben. Dass Martin Luther kein enthaltsamer Klosterbruder war, wissen wir durch die Archäologen, die die Abfallgrube hinter seinem Haus gesichtet haben.

Die DDR ist jetzt auch schon dreißig Jahre Geschichte, und so mancher hat sich unredlich bemüht, ihre Errungenschaften und Artefakte auf den Abfall zu befördern. Vieles fiel dem Wendefuror und dem Hunger nach der Glitzerwunderplastikwarenwelt zum Opfer. Es waren ausgerechnet amerikanische Wissenschaftler, Sammler und Kulturbegeisterte, die sich für das kleine Land hinter dem Großen Teich interessierten, die retteten, was noch zu retten war, die forschten, Zeitzeugen befragten, Lizenzen kauften - unter anderem für DEFA-Filmmusik und die Schrifttypen des Leipzigers Albert Kapr. 2002 gründete der junge Historiker Justinian Jampol, der in Oxford und Moskau studiert hatte, im kalifornischen Culver City »The Wende Museum«. Über 100 000 Gegenstände, Dokumente und Tagebücher liegen dort, nicht nur aus der DDR, sondern auch aus der UdSSR, aus Polen und Ungarn. Das Museum ist gleichzeitig Forschungsstelle und Anlaufpunkt für zeitgenössische Künstler, die das Erbe des Ostens thematisieren und verarbeiten.

Der großformatige zweisprachige Katalog »Beyond The Wall. Jenseits der Mauer« ist nicht mehr im Handel (trotzdem noch besorgbar); sein kleinerer Abkömmling »Das DDR-Handbuch. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR« ist um einige Kilo leichter und erschwinglicher.

Gesammelt hat auch der in Zwickau geborene, gelernte Lehrer und Journalist Günter Höhne, der unter anderem fünf Jahre Chefredakteur der Design-Fachzeitschrift »Form + Zweck« war. Etwa 18 Tonnen DDR-Erzeugnisse hat Höhne zusammengetragen, dazu Archivalien und Nachlässe von Formgestaltern. 2012 fand die Sammlung in der Münchner Pinakothek ihr Zuhause. Dieser Tage wurde sein Klassiker »DDR-Design. Kultur im Heim« wieder aufgelegt.

Alles abgegrast? Weit gefehlt! Der in der Linkspartei politisch aktive Brandenburger Tobias Bank hat schon als Halbwüchsiger DDR-Exponate gesammelt und ausgestellt und später unter anderem Zeitgeschichte studiert. Zur letzten Ausstellung hat er einen Katalog verfertigt: »Kabinettstücke. Exponate zur Geschichte der DDR«. Bank beschränkt sich auf ausgesuchte Stücke, die auch die Zeit vor der Staatsgründung einschließen, ordnet sie zeitgeschichtlich ein und erzählt, wo möglich, etwas über die einstigen Besitzer. Fotografien und Biografien verlebendigen die Gegenstände. Neben Emblemen, Auszeichnungen, Zahlungsmitteln sind auch echte Raritäten wie eine elektronische Terminuhr von 1969 oder ein Handfunkgerät von 1986 zu sehen. Eine schöne Idee. Und Tobias Bank plant schon einen zweiten und dritten Katalog. Wer dazu etwas beisteuern möchte, kann den Sammler gern kontaktieren.

Was wären all die schönen Dinge ohne die Pauke, auf die gehauen wird, damit möglichst alle von ihnen erfahren? Die DEFA-Stiftung hat tief in ihren Archiven gewühlt und Reklamefilme für das Kino der 50er und 60er Jahre, nach Themenbereichen geordnet, zusammengestellt. Wobei es sich nicht um Reklamefilme im engeren Sinne handelt. Oft werden eher die Produzenten vorgestellt, Exportmöglichkeiten für dringend benötigte Devisen heraus- und im Vergleich mit dem westdeutschen Systemkonkurrenten das »Wirtschaftswunder Ost« dargestellt. Aber es geht auch um Mode, Autos, Wurstwaren, praktische Küchenmöbel für »die werktätige Hausfrau«. Da war in Sachen Gleichberechtigung noch ein weiter Weg zu gehen. Manche Werbesprüche wirken heute unfreiwillig komisch, insgesamt aber sind beide DVDs ein sehenswerter Rundgang durch die frühe DDR-Zeit.

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