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Begrüßungsgeld

Von Albert Armbruster

Im November 1989 sollte ich eine vorbeugende Kur in der Sächsischen Schweiz erhalten. Da waren bereits die Demonstrationen auch in Plauen im Gange, sodass die Kombinatsleitung andere Sorgen hatte, als einen Kurleiter aus den eigenen Reihen zu stellen, den ich nun als einfacher Angestellter zu vertreten hatte. Ich befand mich also auf Dienstreise und sollte meine Kur im Februar 1990 erhalten - wozu es nie kam.

Gespannt verfolgten meine Frau und ich täglich die Meldungen über geplante Reiseerleichterungen und wurden schon bald von der Nachricht vom Mauerfall überrascht. Sofort setzte in der Bevölkerung der Run auf das Begrüßungsgeld der Bundesrepublik ein. Ein Kind, das wir angesichts des schönen Winterwetters fragten: »Na, da könnt ihr doch morgen wieder Schlitten fahren?«, antwortete weinerlich: »Nein, da muss ich in den Westen!« Wir hielten uns noch zurück, denn sowohl Westberlin als auch der eigentliche »Westen« waren für uns doch ziemlich weit entfernt.

Meine Frau hatte es da besser. Ihr war ebenfalls eine Kur zuteilgeworden, im Spreewald, und sie holte sich ihr erstes Begrüßungsgeld zusammen mit anderen Kurteilnehmern bei einer Fahrt nach Berlin von dort aus ab.

Wieder zu Hause, besorgten wir uns aber schon bald unser Visum, tauschten 15 Mark in 15 D-Mark und warteten auf eine Gelegenheit, in die nur 28 Kilometer entfernte Stadt Hof zu fahren. Unsere Stadt hatte zuvor noch nie so viele Autos gesehen. Sie liegt an der B 173, und die daran vorbeiführende, damals nur zweispurige Autobahn war hoffnungslos überlastet und endete vor der Pirker Autobahnbrücke, deren Weiterbau bei Kriegsbeginn unterbrochen worden war, sodass sich dort die beiden Fahrzeugströme vereinigten, und das kurz vor einem Bahnübergang. Wer die Strecke in weniger als sieben Stunden schaffte, galt als Sieger.

Wir luden die Oma in unseren Trabant ein, nutzten unsere Ortskenntnisse, umfuhren das Nadelöhr über Dorfstraßen und bogen in falscher Richtung auf die Autobahn ein. Dies gelang nur dadurch, dass nicht nur Begrüßungsgeld-Abholer zurückfuhren, sondern ab und zu auch ein Bundesbürger die Grenze passierte. Da diese sich ausweisen mussten, entstand eine Lücke, die aber noch der dazu passenden im westwärts gerichteten Verkehr bedurfte.

Unser Visum brauchten wir nicht - wir wurden durchgewunken. Wegen des Staus aus dem Thüringischen fuhren wir bis Münchberg. Den Weg zum Rathaus brauchten wir nicht zu erfragen, wir gingen einfach den Menschen hinterher. Wir überholten Gehbehinderte und Leute, die Rollstühle schoben, stellten uns an, wiesen uns aus und bekamen von unendlich geduldigen Mitarbeitern der Stadtverwaltung unser Begrüßungsgeld ausgezahlt.

Hatte sich meine Frau noch auf dem Ku’damm des Begrüßungsgeldes wegen geschämt, so waren mir diese Skrupel fremd. Ich wusste, zu welch niedrigen Preisen wir unsere besten Artikel für Westdeutschland produziert hatten, um an ein paar Devisen zu gelangen. Natürlich geizten wir mit dem neuen Geld, suchten aber dennoch ein Café auf und waren von den Preisen ein wenig verunsichert.

Mein zweites Begrüßungsgeld holte ich mir später in Bayreuth ab, wo ich mitten im Winter über eine Schaufensterauslage mit chilenischen Pfirsichen für zwei oder drei D-Mark staunte. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass dieser Preis für 100 Gramm galt, was aber inzwischen längst auch hier, etwa bei Kirschen, gebräuchlich ist. Auf ein in München gezahltes drittes Begrüßungsgeld, für das sogar Sonderzüge von Dresden aus fuhren, verzichteten wir dann aber doch, angesichts der sich in der Folgezeit überstürzenden Ereignisse.

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