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Endlich Verwandte besuchen

Von Sigrid Armbruster

1989 war für mich das ereignisreichste und emotionalste Jahr in meinem inzwischen 70-jährigen Leben. Da meine Mutter in Lindau im Bodensee beheimatet war, aber schon vor dem Krieg zu ihrem Bruder nach Plauen kam, um im Geschäft und Haushalt zu helfen, lernte sie hier ihren späteren Mann kennen und blieb fern der Heimat bis zu ihrem Tode in dieser Stadt. Dadurch war fast meine gesamte Verwandtschaft im Westen, zu der ich seit 1956, anlässlich einer Trauerfeier in Lindau, nie wieder persönlichen Kontakt hatte. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich bis zum Erreichen des Rentenalters im Jahre 1998 warten musste, um alle wiederzusehen. Meine Heimat zu verlassen, per Flucht oder Ausreise kam nie in Frage, aber das Gefühl, eingesperrt zu sein, hatte mich oft traurig gestimmt.

Mein 30. Dienstjahr als Lehrerin begann wie immer mit zu viel Arbeit: Klassenbuch, Klassenleiterplan, Stoffverteilungspläne, Vorbereitung und Durchführung der FDJ-Gruppenratswahl, Elternaktivwahl, Verbindung zur Patenbrigade, Ernteeinsätze. Der 7. Oktober und damit der 40. Jahrestag der DDR stand unmittelbar bevor. Auch in Plauen kam es zu einer großen Demo, die zwar friedlich verlief und der trotzdem mit dem Einsatz von Wasserwerfern begegnet wurde.

Im November war mein Mann auf einer Dienstreise. Allein zu Hause, verfolgte ich im Fernsehen die Grenzöffnung und konnte kaum begreifen, wie dies so schnell geschah. Als mein Mann wieder zu Hause war, fuhr ich für drei Wochen zu einer Gewerkschaftskur nach Burg im Spreewald. Gemeinsam mit anderen Kurteilnehmern (allein hätte ich das nicht gewagt) fuhren wir nach Westberlin, wo ich in einer Bank auf dem Ku’damm mein Begrüßungsgeld abholte. Anschließend stand ich weinend da und wusste nicht, ob es Tränen der Freude oder der Scham waren. Als ich später erfuhr, dass ein politisch sehr aktiver Funktionär unserer Stadt einer der ersten war, der in der Freiheitshalle von Hof übernachtete, schämte ich mich meiner Tränen nicht mehr.

Im Dezember riefen uns die zur Hochzeit unseres Sohnes eingeladenen Verwandten an und sagten, dass alle in ihrem Ort schon Besuch aus dem Osten bekommen hätten, nur sie noch nicht, und wir sollten doch kommen. Also machten wir uns mit unserem Trabbi und einem großen »Ostpaket« als Gegenleistung für die jährlichen Westpakete auf den Weg. Welch eine Aufmerksamkeit wurde uns auf der Autobahn zuteil! Mercedes-Fahrer winkten uns zu; auf einem Parkplatz fragte eine Holländerin: »Ist das ein Trabant? Sind Sie geflüchtet - über Ungarn?«

Bei unseren Verwandten angekommen, wollten natürlich auch einige mal mit dem Trabant fahren; im Gegenzug musste sich mein Mann ans Steuer eines Westautos setzen. Ein großes Cousinen- und Cousintreffen wurde organisiert. Das neue Jahr wurde euphorisch und freudvoll mit Tränen begrüßt, aber ich spürte auch eine gewisse Befangenheit und Angst vor dem, was die Zukunft bringen mochte.

Am 2. Januar machten wir uns mit dem bis unters Dach mit Geschenken vollgepackten Trabbi auf die Heimreise, auf den Serpentinen des Schwarzwalds eine lange Autoschlange hinter uns herziehend, ohne dass sich jemand über das stinkende, schnaufende Auto empört hätte.

Mein Wunsch, die alte Heimat meiner Mutter zu besuchen, ist damit neun Jahre früher als gedacht in Erfüllung gegangen. Ich hatte mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, dass aus den beiden deutschen Staaten mit ihrer unterschiedlichen Entwicklung jemals wieder ein vereintes Land würde. Wenn es auch noch lange zu dauern scheint, bis die Einheit wirklich vollzogen ist, war es doch ein grandioses Ereignis, und es macht mich glücklich, es erlebt zu haben.

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