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Hier lässt’s sich glücklich sein: Mündung der Kamtschija ins Schwarze Meer.

Zwischen Alltag und Glück

Mit nd-Leserreisen erstmals nach dem Lockdown ins Ausland: September in Bulgarien

Von Michael Müller

Tags noch heiß, nachmittags schon eher im Schatten des Witoscha-Gebirges, zum Abend hin anschwellend quirlig. Auch im Spätsommer zeigt Sofia, was sein Wappenspruch verspricht: »Raste, no ne staree« (Wächst, aber altert nicht). Den derzeit frischen Wind in der bulgarischen Hauptstadt bekommen wir gleich zu spüren: Im Zentrum demonstrieren Abertausende junge Leute. »Mutri wyn!«, skandieren sie. »Raus mit den Schnauzen!« heißt das, und es zielt auf die Führungsriegen in Politik und Wirtschaft. Die waren in der Wendezeit 1990/91 hochgespült worden und dominieren das Land bis heute realkapitalistisch. »Das 30. Jahr werden sie nicht überdauern«, versichert Wladko, 24, Physikstudent, kämpferisch. Er wolle nicht auf ein Foto, nur die Forderung »Mutri wyn!« auf seinem T-Shirt solle es. Wir drücken ihm die Daumen, aber gegen diese Mutri wird in Bulgarien schon fast 30 Jahren demonstriert.

Anderentags touren wir entlang des Balkangebirges durch wunderschöne Landschaften. Doch die einstige agrarische und urbane Kultur wird hier zuschanden geritten. Überall ist Landflucht sicht- und greifbar. Bulgarien ist nicht nur das ärmste EU- und Euroland, auch seine Bevölkerungszahl sank von 8,9 Millionen im Jahr 1990 auf inzwischen 6,5 Millionen. Ein intaktes Dorf wie Goljam Iswor erscheint wie aus einer anderen Welt. Ljuba Popowa ist der gute Geist der Gemeinde. »Ich bin so erzogen worden, Altes zu ehren und zu pflegen«, sagt sie. So macht sie es als Leiterin des Klubhauses, beim Schulmuseum, mit den Denkmälern. »Aber wir haben ja hier auch einen jungen Bürgermeister, wohl den besten in Bulgarien«, schwärmt sie. Leider lernen wir ihn nicht kennen. »Haushaltsberatung beim Oblast in Lowetsch«, sagt Ljuba Popowa entschuldigend. »Kinder sind für die Zukunft wichtig, aber ein bisschen Geld kann auch nicht schaden.«

Unser Weg bis zum Schwarzen Meer ist eine Reise in die Vergangenheit. Wir erkunden Hauptstädte dreier mittelalterlicher Bulgarenreiche: Pliska (680 bis 893), Weliki Preslaw (893 bis 972) und Weliko Tyrnowo (1187 bis 1393). Dann überrannten und beherrschten die Osmanen alles, fast 500 Jahre lang. In der Handwerkergasse von Weliko Tyrnowo schauen wir Rumjana Stojanowa beim Drechseln zu. Sie ist eine der wenigen bulgarischen Holzkünstlerinnen. »Ob ich damit noch lange auskommen kann, ist fraglich«, meint sie. »Dem Inlandsmarkt fehlen Menschen, somit uns Kunden, und Touristen kommen auch fast keine mehr.«

Neben Sofia und diesen drei alten Hauptstädten nennt man in Bulgarien noch eine fünfte: Um die Wende zum 11. Jahrhundert thronte Zar Samuil in Ochrid, 17 Jahre lang. Das liegt allerdings im heutigen Nordmazedonien. In dieser Konstellation steckt expansiver chauvinistischer Zündstoff, der auf dem Balkan hochgefährlich ist. Der hatte nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches zu millionenfachem slawischen Bruder- und Schwesternmord geführt. Drahtzieher waren meist europäische Großmächte; das reicht bis zum Nato-Krieg gegen Kosovo 1999. In Bulgarien schwärmen manche noch von Zar Samuils Großreich. So sieht man T-Shirts mit der Aufschrift »Slawna Bylgaria na tri moreta« - Ruhmreiches Bulgarien auf drei Meeren, nämlich auf Ägäischem und Ionischem sowie dem Schwarzen. Wohltuend, dass Mustafa Mustafow, Imam der Tombul-Moschee in Schumen, in unserem Gespräch über Propheten, Gott und Welt gerade diese Koranzeilen zitiert: »Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit. Wer einen Menschen rettet, rettet die Menschheit.«

Wir besuchen und bestaunen natürlich auch die legendären Klöster, Kathedralen und Kirchen. Sie waren und sind ein Hort bulgarischen Nationalbewusstseins. Viel Trost ist dort zu spüren - Glück verheißen Fresken nur für nach dem Tod.

Einen glücklichen Menschen treffen wir dort, wo die Kamtschija ins Schwarze Meer mündet. Koljo Bratonow war einst Kraftfahrer und tuckert nun als Rentner mit Ausflüglern und Touristen auf dem Fluss herum. Er wohnt traumhaft direkt am Biosphärenreservat und sagt: »Hier bin ich glücklich«. Auf die Frage, was ihn denn besonders glücklich mache, erzählt er: »Fast ein Jahr lang war der Motor von meinem Boot kaputt. Dann brachte mir mein Schwager einen Mercedes-Motor aus Deutschland mit, auch alt und kaputt. Wir reparierten ihn, nun läuft er schon vier Jahre lang, tadellos. Und das Beste: Der alte verbrauchte für eine meiner Touren 1,5 Liter Diesel, der neue nur 400 Gramm. Wie kann man da nicht zufrieden sein?«

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