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»Space Dogs«

Mensch Hund!

Auch dies ein Wettlauf mit den US-Amerikanern: Die Dokumentation »Space Dogs« erzählt von artigen Hunden und randalierenden Schimpansen im All.

Von Gunnar Decker

Am Anfang ist ein Blau, sehr hell und weit, wie das Meer in der Sonne. Dann wird es dunkel. Der Kosmos, so zeigt dieser Farbwechsel gleich zu Beginn des Films, spielt mit diesen die Sinne überwältigenden Eindrücken - und wird dann nicht selten zum Grab für jene Pioniere, die das glückliche Pech hatten, als erste Lebewesen dorthin vorzudringen.

So wie Laika, die Moskauer Straßenhündin, die 1957 nicht ganz freiwillig zur ersten Kosmonautin wurde (sechs Jahre vor Walentina Tereschkowa). Eine Stimme aus dem Off erklärt in Märchenerzählertonfall, dort oben kreise eine tote Hündin in einer Raumkapsel, »kosmisches Treibgut« folglich, das nach einer gewissen Zeit in der Erdatmosphäre verglüht.

Elsa Kremser und Levin Peter haben mit »Space Dogs« einen ebenso poetisch verklärenden wie nüchtern protokollierenden Film gedreht, der der Idee folgt, Laika, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte Hündin, sei als Geist in den heutigen Moskauer Straßenhunden wieder lebendig geworden. Also ausdauernd, klug und treu. Allerdings trotz dieser mustergültigen Eigenschaften als Hund doch auf der Verliererseite des Lebens stehend. So sehen wir hier zweierlei: eine nächtliche Hundemeute, die von der Kamera wie unauffällig begleitet wird, und gleichzeitig dokumentarisches Filmmaterial vom Ende der 50er Jahre, als man im sogenannten Sternenstädtchen unweit von Moskau für die bemannten Raumfahrt forschte.

Auch dies ein Wettlauf mit den US-Amerikanern. Während die Russen auf Moskauer Straßenhunde setzten, die man zu Forschungszwecken einfing, experimentierten die Amerikaner mit Affen. Sieht man »Space Dogs«, dann weiß man, dass die Amerikaner vielleicht genau darum den Wettlauf um den ersten bemannten Raumflug verloren haben. Denn die Schimpansen waren entschieden unwillig, mit sich Experimente machen zu lassen. Treu bis in den Tod, das funktionierte mit ihnen nicht. Sie gerieten in Raumanzügen in Panik, rissen sich die Sensoren heraus, kurz: Die randalierten. Als dann doch einige Schimpansen ins All geschossen wurden - und zurückkamen, waren sie völlig traumatisiert. Beim Anblick einer Raumkapsel gerieten sie so in Wut, dass an einen Wiederholungsfall nicht zu denken war.

Die Moskauer Straßenhunde waren anders. Dankbar für jede Fürsorge, mit einem schier unendlichen Vertrauen in das, was die forschenden Menschen in ihrem Drang nach technischem Fortschritt alles mit ihnen anstellten. Nach Laika kamen andere Hunde, die meisten starben. Alexander Kluge schreibt in seinem Buch »Russland-Kontainer«: »Anatolij W. Kordelijew, der Skeptiker unter den Planern, bestand darauf, dass im Innern des Gehäuses des Raumfahrzeugs, der Kapsel in der Kapsel, in welcher Laika saß oder lag, eine Giftspritze eingebaut würde, die dem Tier, wäre es verloren, unter die Haut führe und es augenblicklich umbrächte. Der Mechanismus funktionierte dann aber überhaupt nicht.« Kluge sieht darin zu Recht einen »Verrat am Hund«.

Aber immerhin, so suggeriert »Space Dogs«, lebt Laikas Geist in Moskaus Straßen weiter. Wilde Hunde geben sich zahm, wollen keine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen. Was wir sehen, ist eine Art Hundekontakthof: Man schnüffelt, knurrt, beißt, liegt beieinander - und dann stellt sich das Hauptproblem ein, man bekommt Hunger. Menschen lässt man vorsichtshalber in Ruhe, nicht aber Katzen. Eine wird von einem der Hunde wütend zu Tode gebissen. Das ist unschön anzusehen, zumal die Katzen nichts dafür können, dass dies hier die Unterdogs sind.

Ende der 50er Jahre wurden die Straßenhunde für kurze Zeit zu den Lieblingen der Moskauer. Denn nach dem Heldentod Laikas kamen 1960 Belka und Strelka, die lebend zurückkehrten und - anders als die Schimpansen der Amerikaner - auch danach geduldig und friedlich blieben. Bereit für neue Experimente! Manchmal ist die Treue der Hunde wirklich zum Verzweifeln. Die Kinder lernten in der Schule, wie man mit Straßenhunden umgeht (gut, denn auch sie dienen dem Sozialismus), und Laika wurde zur Legende. Bis dann Menschen an die Stelle der Hunde traten und mit dem ersten Kosmonauten Juri Gagarin ein neues Idol gefunden war.

Aber Straßenhunde sind wie alle Opportunisten aus lauter Not klug - gerade den Menschen gegenüber, die sie leben lassen können oder auch nicht. Als die ersten Weltraumhunde lebend auf die Erde zurückkamen, mussten sie sich paaren, obwohl ihnen nach den Weltraumstrapazen vermutlich nicht danach war, aber die Verantwortlichen des Raumfahrtprogramms wollten unbedingt schnell Weltraumhundewelpen haben, den lebendigen Beweis dafür, wie ungefährlich für den Organismus eine Reise ins All doch ist. Aber natürlich ist es im All mindestens ebenso gefährlich wie auf der Erde, nicht nur für Moskauer Straßenhunde.

In gewisser Weise nimmt »Space Dogs« hier die Idee von Wes Andersons Animationsfilm »Isle of Dogs« auf, mit dem die Berlinale 2018 eröffnete. Hunde gelten in einem Orwell’schen Staatswesen, das heimlich von Katzen regiert wird, als Hauptfeinde - sie werden auf eine Insel verbannt, die ein einziger großer Müllplatz ist. Aber was ein echtes Hundeherz ist, das beginnt jetzt erst kämpferisch zu schlagen. Und der einzige echte Freund des Hundes, ein kleiner Junge, ist auch als Retter zur Stelle.

»Space Dogs« spielt dieses Märchen mit echten Hunden weiter; und es ist durchaus ansehenswert, wie die Kamera unauffällig zum Teil der Meute wird, die mal friedlich und satt darauf wartet, dass jemand vorbeikommt, um sie am Hals zu kraulen, und ein paar Augenblicke später bereits wieder darauf lauert, einer nicht zur Meute gehörenden Kreatur an den Hals zu gehen. Das Wesen des Straßenhundes, so lernen wir hier, bleibt widersprüchlich, zwischen hohen Gefühlen und niedrigen Instinkten gefangen.

Aber den Verrat an Laika, diesem sich aufopfernden Weltraumpionier, der nicht lebend zur Erde zurückgeholt wurde, haben die Moskauer Straßenhunde den Menschen nicht vergessen. Alexander Kluge hat das so auf den Begriff gebracht: »Hätten Laikas Vorfahren, die den Bund mit den Menschen schlossen, von diesem Schicksal gewusst, hätten sie einen weiten Bogen um die frühen Höhlen und Holzunterkünfte gemacht, und Laika selbst hätte das ›Sternenstädtchen‹ nie freiwillig betreten.« Hat sie auch nicht - aber was soll der Hund machen, der, anders als der Wolf, dem Menschen immer wieder aufs Neue seine guten Absichten glauben will?

»Space Dogs«: Deutschland, Österreich 2019. Regie und Drehbuch: Elsa Kremser und Levin Peter. 91 Min.

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