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Coronakrise

Flug ohne Fliegen

Stephan Kaufmann erkundet den Kapitalismus im »Dreamliner«

Von Stephan Kaufmann

Pandemie und Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben die Wirtschaft hart getroffen. Doch für das Klima haben die Umsatzrückgänge auch etwas gebracht. So wurde weniger CO2 emittiert, auch weil weite Flugreisen wegfielen. Das macht den Fluggesellschaften und ihren Aktionären zu schaffen - weswegen die australische Airline Qantas nun spektakulär Neues anpreist: den »Flug nach Nirgendwo«.

Auf der Suche nach »neuen Geschäftsmodellen« bietet man eine siebenstündige Reise von und nach Sydney an. Dabei können Uluru, Great Barrier Reef und der Hafen von Sydney betrachtet werden, die Boeing 787-9 Dreamliner fliegt extra niedrig. Was für die Menschen am Boden nicht so erfreulich sein dürfte, soll die Nachfrage nach Qantas-Diensten ankurbeln. Das Ticket kommt auf 480 bis 2300 Euro. Der Jungfernflug am 10. Oktober soll nach zehn Minuten ausverkauft gewesen sein.

Die Geschäftsidee ist natürlich schamlos kopiert. Trendsetter war wohl die Linie Eva Air aus Taiwan, die schon im August solche Flüge anbot. Rasch folgte der Konkurrent Starlux Airlines, der mit exquisitem Catering lockte. All Nippon Airways ist längst dabei - und Singapore Airlines will nun nachziehen, wie »Bild der Frau« berichtet.

So kehrt die Branche einerseits zu ihren Wurzeln zurück: neben dem Kriegs- stand der Rundflug am Beginn der Luftfahrt. Dass das Fliegen selbst nun aber nicht in Doppeldeckern, sondern in Riesenvögeln verkauft wird, versinnbildlicht auch das herrschende Wirtschaftssystem: Die Passagiere stehen nach sieben Stunden dort, wo sie abgeflogen sind. Allein bei jenem Qantas-Flug wurde hierfür mehr als eine Tonne CO2 in die Luft geblasen plus Stickoxide und Wasserdampf: Maschinen müssen nun mal laufen, zu welchem Zweck auch immer.

Was geschieht, wenn’s nicht so ist, zeigt ebenfalls die australische Airline: Ende 2019 hat sie ein Sparprogramm aufgelegt, 1000 Stellen wurden gestrichen. »Wir machen alles, was nötig ist, um unsere Zukunft zu sichern«, so Vorstandschef Alan Joyce. Mit ähnlichem droht nun VW-Chef Herbert Diess: Sollte die EU die CO2-Richtlinien zum Schutz des Klimas verschärfen, koste das Jobs. »Eine schnellere Transformation bedeutet auch, dass mehr Arbeitsplätze und ganze Firmen in bestimmten Bereichen unter Druck geraten oder verloren gehen«, sagte er der »Welt am Sonntag«.

Diess kennt das Gewicht solcher Warnungen. Es ist allgemein akzeptiert, dass von Umsatz, Gewinn und Aktienrendite alles abhängig sei. So können Manager die Schädigung der Umwelt als soziale Tat - Arbeitsplätze! - verkaufen und die Welt vor eine Wahl stellen: Klima oder Jobs!

Doch ist das etwas kurz gedacht. Deshalb sollte VW - bevor man auf die für krisengeplagte Mobilitätsanbieter offenbar systemisch naheliegende Idee kommt, Autobahnrundfahrten anzubieten -, noch einmal innehalten. Um sich dann konsequent an Fernost zu orientieren: Wo der Kapitalismus so richtig abhebt, gibt es natürlich schon den Flug ohne Fliegen: Gepäckaufgabe, Sicherheitscheck, Shopping, Boarden, Anschnallvortrag, Plastikbecherdrink, Ausstieg, Passkontrolle, Flughafenrestaurant - das Angebot von China Airlines soll ein Hit sein. Das zeigt: Das herrschende Wirtschaftssystem ist vollkommen absurd, geht aber vielleicht auch in etwas grünlicher.

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