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Einheit

Die Gewalt der Vereinigung

Andere Perspektiven auf die Einheitsfeier vor 30 Jahren

Von Fabian Hillebrand (Protokoll)

Tumulte, Quietschen, Schreie. Die Schriftstellerin Anne König begegnet in Leipzig Skins, Spießern und Deutschland-Fanatikern.

Ich habe Angst, Angst, Angst.

Knallende Raketen, Muttis, die sich zuprosten, Besoffene, die das Deutschlandlied johlen. Dazwischen die mit den weißen Kapuzen. Reizgas, die Massen treiben auseinander (Rathausplatz). Irgendeine Musikgruppe muss ihr Konzert abbrechen, weil die Weißkapuzen Knaller auf die Bühne werfen. Vom Spießer und Deutschlandfanatiker, der sich die Schwarz-Rot-Goldene um seinen Bierbauch gewickelt hat, bis zu einem 12-Jährigen, dem der Papi die Flagge in die Hand gedrückt, an die Jacke geheftet und für ein paar Minuten an einer Passagenecke abgestellt hat - ein schaudererregendes Bild. Ich schrecke bei jedem Knaller auf, als würde man auf mich schießen. Seltsame Freude in den Gesichtern.

Bullen mit Helm und Schild greifen sich die ersten Skins.

Ein Mädchen mit Fahrrad schreit entgeistert: »Das kann doch nicht sein. Nationalsozialismus pur!«

Die Leute von RTL packen ihre Kameras ein und verschwinden in ihren Autos.

Von feierlicher Stimmung ist nichts zu spüren. Hier geht es ums nackte gesunde Davonkommen.

Die Skins schmeißen Fahrräder die Moritzbastei herunter, Glas splittert. Die Truppe (nicht mehr als 50) wendet sich Richtung Gewandhaus. Die Bullen laufen ruhig.

Plötzlich stehe ich zwischen Skins. C. schiebt mich an einen RTL-Wagen heran und mahnt zu Ruhe: »Bloß nicht rennen.« Ich kriege weiche Knie und bereue, dass ich so neugierig war. Der Typ von RTL guckt verständnislos durch seine Brille aus dem Wagen. Wir fahren ihn an, dass das wohl der Stoff wäre, den man aufzuzeichnen hätte. Ich bekomme auf diese Scheißjournalisten Wut.

Das Gewandhaus wird von den Grünen mit Plastikschild und Helm umstellt. Am Mendebrunnen schlagen sie auf ein Mädchen ein. Tumulte, Quietschen, Schreie. Schaulustige, die sich am Rand der Sensationsarena auf Blumenbeete gestellt haben, besichtigen das Geschehen.

Hupende Autos mit Deutschlandfahnen.

Neben mir ein Kahlkopf: »Eh, das Weib, wie das gequietscht hat!«

Die Bullen stehen da und gucken zu.

»Deutschland, einig Vaterland.«

In Leipzig randalierten am Abend des 2. Oktober 1990 etwa 150 Neonazis in der Innenstadt, darunter auch Mitglieder der »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« aus Franken. Die Leipziger Schriftstellerin Anne König beschreibt diese Szene später in dem von Jan Wenzel herausgegebenen Buch »Das Jahr 1990 freilegen«, Spector Books.

Auf dem Weg zur Arbeit musste die Polizei uns begleiten. Ein vietnamesischer Vertragsarbeiter blickt auf seine Zeit in Magdeburg zurück.

Ende September bis Anfang Oktober 1990 sammelten sich viele deutsche Anwohner*innen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen sozialen Schichten vor und um unser Haus und belagerten unser Wohnheim. Es gab Akte der Gewalt wie folgende: Einige Jugendliche trommelten und schlugen mit Hämmern und Knüppeln auf die Eingangstür.

Wir mussten in unseren Wohnungen zusammenkommen und dort bleiben, um unser Leben zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nicht arbeitslos. Auf dem Weg zur Arbeit musste die Polizei uns begleiten.

Wir haben erst später verstanden, warum Deutsche so etwas getan haben: Viele haben damals gedacht, dass wir ihnen die Arbeit wegnehmen. Einige sind aus Neugier gekommen, um uns zu sehen, aber sie haben keine Gewalt ausgeübt oder irgendetwas gegen uns unternommen.

Der Höhepunkt kam Anfang Oktober 1990. Die Leute verteilten deutschlandweit Flyer und riefen dazu auf, nach Magdeburg zu kommen und unser Wohnheim in Brand zu setzen. Die örtlichen Behörden erkannten die Gefahr und schickten viele Polizisten zu uns, um unser Wohnheim und weitere Wohnblöcke in der Nähe, in denen andere vietnamesische Vertragsarbeiter*innen wohnten, zu schützen. Die Polizei hat uns über die Lage informiert und gesagt, dass, wer im Wohnheim bleiben wolle, in den oberen Etagen zusammenkommen solle; ansonsten könnten wir das Wohnheim verlassen und selbst nach Schutz und Obdach suchen.

Die Kriminalpolizei war im Keller und im Erdgeschoss und mit Schusswaffen ausgerüstet. Sie ging zu den Leuten, die das Wohnheim belagerten, sprach mit ihnen und riet ihnen, die Menschenansammlung aufzulösen. Zum Schluss sperrten die Beamten die Wege zum Wohnheim, damit niemand in dessen Nähe gelangen konnte. Die Rassisten konnten ihren Plan nicht umsetzen, und am nächsten Tag versammelten sich nur ein paar einzelne Jugendliche um das Wohnheim herum.

Unser Leben hat sich dann langsam normalisiert, bis wir von Deutschland Abschied nahmen und in die Heimat zurückkehrten. Ich danke den Deutschen, die uns gerettet haben.

Der Autor dieser Zeilen war im August 1981 in die DDR eingereist und begann nach einem sechsmonatigen Sprachkurs eine dreijährige Ausbildung. Anschließend arbeitete er im Automobilwerk Ludwigsfelde und ab 1987 als Dolmetscher für seine Landsleute im Bekleidungswerk in Magdeburg. Das Verhältnis zu den Betreuer*innen, Lehrer*innen und Kolleg*innen empfand er als positiv, da diese zu den vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen nett und hilfebereit gewesen seien. Er möchte anonym bleiben und lebt inzwischen wieder in Vietnam. Im Zuge der Recherchen schrieb er seine Geschichte auf. Übersetzt wurde sie vom Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein (DVF) Magdeburg.

In dem Wohnheim am Scharnhorstring in Magdeburg-Olvenstedt lebten in den 80er Jahren mehr als 200 vietnamesische Vertragsarbeiter*innen, die in den Werken in der Mittagsstraße und der Großen Diesdorfer Straße arbeiteten. In den Nachbargebäuden lebten Hunderte Vietnames*innen, die in Werken wie dem Schuhfabrik Roter Stern Burg oder dem Gummiwerk Schönebeck arbeiteten.

Wiedervereinigungsbesoffen. Anetta Kahane betreute Anfang Oktober 1990 in Berlin ein Notruftelefon für Migranten.

Wir waren am Abend des 2. Oktober 1990 gerade rechtzeitig mit unseren Vorbereitungen fertig geworden, als die großen Einheitsfeierlichkeiten in Berlin begannen. Ich war damals die erste und zugleich letzte Ausländerbeauftragte des Ost-Berliner Magistrats - vom Mai bis zum Dezember 1990.

Das war eine verrückte und gefährliche Zeit, als ich diesen Job innehatte: Der Rassismus brach sich in dieser Zeit allerorts Bahnen. Schon während der Fußballweltmeisterschaft im Juni und Juli desselben Jahres hatte sich gezeigt, dass es gerade bei solchen Großereignissen vermehrt zu Übergriffen auf Migranten und Migrantinnen kommt. Deshalb hatten wir uns in jener Nacht auch gut vorbereitet: Jemand hatte einen Schlafsack auf das alte Sofa neben dem Diensttelefon gelegt. Die Leitung mit den Dienststellen der Polizei stand.

Die Polizei war zu jener Zeit zwar in einem desolaten Zustand, trotzdem wollten wir in den Dienststellen anrufen, Druck machen. Vor allem, um den Schutz von Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen gewähren. Wir hatten in fast allen Unterkünften jemanden mit Zugang zu einem Telefon organisiert. Das war gar nicht so einfach, es gab ja noch nicht viele Telefone, und vor einigen saß ein grimmiger Pförtner. Wir haben trotzdem unser Möglichstes versucht.

Das Feuerwerk der Einheitsfeierlichkeiten machte ferne, ploppende Geräusche, als das Telefon das erste Mal klingelte. Ein Notruf von angegriffenen Vietnamesen, den wir gleich der Polizei weiterleiteten. Dem folgten noch einige mehr, vier oder fünf insgesamt. Oft meldeten sich die Leute bei uns, nachdem schon Menschen in ihre Heime eingedrungen waren. Viele Leute wurden in dieser Nacht angegriffen. Auch einer unser eigenen Mitarbeiter, der aus dem Irak kam, wurde auf der Straße angegriffen.

Als ich am Tag nach der Maueröffnung im Westen mit Tausenden Freudetaumelnden ankam, empfingen uns türkische Obsthändler. Sie freuten sich über die Stimmung und verschenkten, was sie hatten - auch Bananen. Einige der Ossis nahmen das Obst und schrien gleichzeitig, dass die Türken dann auch gleich verschwinden könnten, denn jetzt seien sie ja da.

Für viele der Vertragsarbeiter aus dem Osten war zu dieser Zeit völlig unklar: Was würde das alles für sie bedeuten? Der Rassismus brodelte überall. Für viele der Ostdeutschen war es schwer auszuhalten, dass dieser Rassismus aus dem Bauch der DDR kam. Es brauch aus ihr heraus, aus dem Land, wo es ihn nicht hätte geben dürfen. Wir mussten in dieser Zeit besonders aufpassen. Jüdische Kinder wie ich, die auf den Rassismus aufmerksam machen wollten - das war nicht gern gesehen.

Ich erinnere mich noch, wie ich bei der Polizei versuchte, auf das Problem aufmerksam zu machen. Die lachten mich aus. Einer drohte mir sogar Schläge an. Es war eine schreckliche Zeit.

Bald danach gab es im vereinten Deutschland die ersten Toten, unter ihnen Amadeu Antonio Kiowa.

Anetta Kahane hat Ende 1998 die Amadeu-Antonio-Stiftung mitgegründet und ist seit 2003 deren hauptamtliche Vorsitzende.

Die haben uns die Hütte ganz schön demoliert. Der 19-jährige Ovidio verteidigte ein besetztes Haus in Jena, während Nazis sein eigenes verwüsteten

Richtig ging das Ganze erst nach der Wende los. Da ist mein bis dahin existierender Freundeskreis zusammengebrochen. Ich hatte bis zur zehnten Klasse in der Schule und meiner Klasse einen festen Freundeskreis. Wir haben auch viel gemacht. Nach der Wende kam es aber bei den ersten zwei Treffen - also ich habe mich dann, glaube ich, nur noch zweimal mit ihnen getroffen - immer wieder zu Anfeindungen und dummen Sprüchen: Ob ich »nicht irgendwie wieder nach Hause will« oder »was ich überhaupt noch in Deutschland suche«. Das war mir dann zu blöd, und ich habe angefangen, mir einen anderen Freundeskreis zu suchen. In einer Disco in Jena-Burgau habe ich Leute mit »Gegen Nazis«-Aufnähern gesehen. Das fand ich gut. Ich habe den Erstbesten angequatscht und gesagt: »Wo gibt es so was?« Da hat er mich eingeladen zu einem offenen Plenum.

Auf dem Plenum wurde dann über die aktuelle Situation gesprochen, Faschoübergriffe und die Wendezeit: Was passiert da überhaupt? Das fand ich interessant. Ich fand es auch sehr schön, dass ich nicht schief angeguckt wurde. Es war scheißegal, wie ich angezogen war oder was für einen Hintergrund ich hatte. Ich wurde lediglich wegen meiner Mitgliedschaft im chilenischen kommunistischen Jugendverband komisch angeguckt. Später bin ich dann in eines der besetzten Häuser gezogen.

Dass es während der Einheit 1990 knallen würde, war klar. Die Faschos haben ja ganz offen gesagt: »Am 3. Oktober stürmen wir eure Häuser.« Wir haben uns darauf vorbereitet, auch in den Plena. Die Polizei wusste zwar davon, riet uns aber, die Häuser zu verlassen. Schützen wollte man uns nicht. Wir wussten , dass wir nicht alle Häuser verteidigen konnten. Wir mussten uns darauf beschränken, wichtige Objekte für uns zu erhalten und da niemanden reinzulassen. Andere Häuser verbarrikadierten wir einfach.

Über Funk haben wir mit den Leuten kommuniziert, die guckten, wo die Nazis waren. Die haben sich ein anderes Haus ausgesucht. Nicht das, in dem wir warteten. Es traf das Haus, in dem ich eigentlich wohnte. Die Barrikaden hielten nicht lange. Die haben uns die Hütte ganz schön demoliert. Eigentlich fast unbewohnbar gemacht.

Wir sind dann in Jena ziemlich in die Offensive gegangen. Ab 1993, sage ich immer, konntest du als Punker, Schwuler oder sonst irgendwas durch die Innenstadt laufen, ohne dass dich ein Nazi angemacht hat, weil wir den schon vorher weggeboxt hatten.

Lesen Sie auch: Im Wendeschatten. Über 1000 Neonazis greifen geplant Linke und Migranten an. Forscher aus Jena belegen, dass die deutsche Vereinigung von pogromartigen Angriffen begleitet wurde.

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