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  • Berlin
  • Mahnmal gegen rassistische Polizeigewalt

»Wo ist unser Denkmal?«

Demonstrant*innen fordern, Opfern von Rassismus und Polizeigewalt zu gedenken

  • Von Jordi Ziour
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg ragt seit neustem ein grauer, hüfthoher Steinklotz aus dem Boden. »In Gedenken an die Opfer von Polizeigewalt«, ist auf der Plakette zu lesen. Die rund 120 Demonstrant*innen, die sich hier am Samstagvormittag versammelt haben, um ein Mahnmal für die Opfer von Polizeigewalt und Rassismus zu fordern, staunen nicht schlecht. Waren ihnen doch Aktivist*innen in der Nacht zuvorgekommen, und hatten kurzerhand selbst einen Gedenkstein hingestellt. Wer das war, wissen die Organisator*innen der Initiative »Wo ist unser Denkmal?« laut eigenen Angaben nicht. »Wir sind positiv überrascht und freuen uns natürlich darüber«, sagt Ferat Kocak, Sprecher der Initiative und Linke-Politiker aus Neukölln, zu »nd«. »Wir hoffen, dass der Bezirk und die Polizei das Ding nicht abreißen.«

Neben dem Gedenkstein steht ein weißer Pavillon, davor sind in ausreichendem Abstand Stühle aufgebaut. Teil des Bündnisses ist neben der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt und Migrantifa Berlin auch die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Deren Redner ruft die Geschichte des 2005 qualvoll in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Geflüchteten aus Sierra Leone in Erinnerung und kritisiert, dass der Fall bis heute von offiziellen Stellen nicht aufgeklärt wurde. 178 Menschen sind laut der Initiative seit 1990 in deutschem Polizeigewahrsam gestorben. Um an diese Menschen zu erinnern und Gerechtigkeit zu fordern, fehlte bislang jedoch der Ort. In Berlin gebe es zahlreiche Denkmäler von Kolonialisten und Sklavenhändlern, aber kein Mahnmal zum Thema Rassismus und Polizeigewalt, kritisiert Kocak. »Unser Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass es eine Leerstelle in unserem Stadtbild gibt, aber auch in unseren Herzen.«

Dafür inszenieren Schauspieler*innen des alternativen Projekts »Theater X« eine Performance über rassistische und polizeiliche Gewalt. »Sie bringen uns um, seit Jahren schon. Die Medien. Die Gesellschaft. Der Staat. Sie schauen Weg. Sie bringen uns um«, ruft einer der Darsteller*innen. Die anderen haben ihre Blicke starr über die Stuhlreihen hinweg gerichtet. »Ich werde nicht aufhören, ihre Namen zusagen. Wir sind hier, um zu erinnern. Wir sind hier, um zu kämpfen«, sagen sie. »No Justice, no Peace«, schreien sie abschließend. »Fight the Police«, flüstert eine Demonstrantin vor sich her.

Eine Vertreterin der Denkmal-Initiative verliest anschließend die Namen von Menschen, die durch Polizeigewalt und Rassismus gestorben seien sollen. »Die Liste ist lang. Die Liste ist unvollständig. Die Liste ist Ausdruck des grassierenden Rassismus«, erklärt sie. Nach einem »Moment der Stille« werden Kränze und Blumen auf die Steinplatte gelegt. Einige Aktivist*innen weinen und liegen sich in den Armen.

Was mit dem Denkmal passiert, das nach wie vor auf dem Oranienplatz steht, ist noch unklar. Auf »nd«-Anfrage teilte die Polizei mit, dass sie von dem errichteten Denkmal weiß und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Montag davon in Kenntnis setzen werde. Ermittlungen wurden noch keine aufgenommen, so die Polizeisprecherin am Sonntag. Die Entscheidung über den Erhalt des Denkmals liege beim Bezirksamt.

Am Sonntagnachmittag versammelten sich rund 70 Leute an dem neu errichteten Mahnmals und gedachten Hussam Fadl, der am 27. September 2016 von der Berliner Polizei erschossen wurde. »Wir fordern ein Gerichtsverfahren gegen die Polizisten, die auf Hussam Fadl geschossen haben«, sagt Laura Janßen von der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP), das die Veranstaltung organisiert hat. Die Ermittlungen gegen die Polizist*innen waren 2017 mit Verweis auf Notwehr und Nothilfe eingestellt worden. Mit einem Klageerzwingungsgesuch konnte KOP 2018 erreichen, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufnehmen musste. Ob es jedoch jemals zur Anklage kommt, ist unklar. »Wir fordern, dass es zu einem juristischem Verfahren kommt und nichts vertuscht wird«, so Janßen.

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