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Ausgehöhltes Wahlrecht

Die Amazon-Prime-Dokumentation »All In« gewährt erschütternde Einblicke in politische Strukturen der USA

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Glänzende Karriere, herbe Niederlage: Stacey Abrams wäre beinahe die erste schwarze Gouverneurin eines US-Bundesstaats geworden.
Glänzende Karriere, herbe Niederlage: Stacey Abrams wäre beinahe die erste schwarze Gouverneurin eines US-Bundesstaats geworden.

Es hätte für die USA ein historischer Tag werden können. Ausgerechnet im erzkonservativen US-Bundesstaat Georgia stand die Demokratin Stacey Abrams am 6. November 2018 kurz davor, als erste Afroamerikanerin Gouverneurin zu werden. Wegen Donald Trump herrschte Aufbruchstimmung, alle Umfragen sprachen für die Demokratin, es roch nach Revolution. Weil ihr republikanischer Konkurrent Brian Kemp als Innenminister jedoch Hunderttausende nichtweißer Bürgerinnen und Bürger von den Urnen fernhielt, verlor die Demokratin mit nur 55.000 Stimmen Rückstand.

Von diesem Ergebnis aus führt uns Abrams fortan durch eine Dokumentation mit verblüffendem Inhalt, aber noch viel verblüffenderem Personal. Es geht ums amerikanische Wahlrecht, das schwarze Menschen mit kurzer Unterbrechung Mitte der 1960er-Jahre gezielt vom zentralen Gut parlamentarischer Demokratien fernhält. Ein Wahlunrecht also, dank dem der amtierende US-Präsident trotz klarer Niederlage vor vier Jahren jetzt sogar vor einer zweiten Amtszeit stehen könnte. Und es ist eine Kunst, dass der, dessen Name hier nicht genannt wird, in »All In - Fight for Democracy« praktisch keine Erwähnung findet. Warum auch?

Wer den Recherchen der vielfach preisgekrönten Autorinnen über 140 zuweilen qualvolle Minuten auf Amazon Prime wachsam folgt, wird rasch merken: Donald Trump mag vom ungerechten Abstimmungsverfahren profitiert haben wie kaum ein Amtsinhaber zuvor - und daraus brutal politisches Kapital schlagen; nüchtern betrachtet ist er nur das Symptom einer Demokratie, die sich unaufhaltsam den Weg Richtung Tyrannei bahnt. Um diesen aufzuzeigen, führen uns die Filmemacherinnen Liz Garbus und Lisa Corés mit großer Faktenliebe durch die Geschichte amerikanischer Wahlen seit der Unabhängigkeitserklärung vor 244 Jahren.

Denn über der Gründungsurkunde vom 4. Juli 1776 stand zwar in schön geschwungener Schrift »We The People«. Gemeint war damit aber keineswegs die amerikanische Bevölkerung jener dünn besiedelten Tage, sondern ganze sechs Prozent weiße Landbesitzer, denen die Verfassung seinerzeit das Recht zubilligte, ihre Vertreter selbst zu wählen. Besitzlose, Frauen, Jungerwachsene, vor allem aber Sklaven, deren Nachkommen nun auch bei uns unter »People of Colour« (PoC) firmieren, waren davon ausgenommen - und letztere sind es im Grunde bis heute.

Obwohl erst der Sezessionskrieg, später die Sozialreformen der vorvorigen Jahrhundertwende und zuletzt Lyndon B. Johnsons »Civil Rights Act« das Wahlrecht um Benachteiligungen jeder Art reinigten, blieb es im Kern schließlich eines für Weiße. Zur Veranschaulichung dieses immerwährenden Betruges an aktuell 40 Prozent der Amerikaner ist Abrams die denkbar beste Kronzeugin. Als Urahnen befreiter Sklaven zählten ihre Eltern zu den ersten PoC Georgias mit akademischer Bildung und ließen die kleine Stacey von Geburt an daran teilhaben. Mit zwiespältigem Erfolg.

Denn als die Jahrgangsbeste ihrer Highschool einst - wie alle Jahrgangsbesten des Bundesstaats - zum Gouverneur nach Atlanta eingeladen wurde, wies sie der Wachmann am säulengesäumten Portal ab. »Ihr«, das ließ er die Familie ohne Blick auf die Gästeliste von oben herab wissen, »gehört hier nicht her.« Um ihm und dem Rest dieser beharrlich rassistischen Nation das Gegenteil zu beweisen, trat die Prädikatsjuristin folglich den Weg durch sämtliche Institutionen an und schaffte es als erste schwarze Frau überhaupt ins Rennen um jenen Amtssitz, den sie 30 Jahre zuvor nicht betreten durfte.

Ihr Werdegang dient demnach eigentlich als Beweis, dass Amerikas Klassengesellschaft durchlässiger wird - wäre da nicht der 6. November 2018, als sie zurückschlug. Um die nichtweiße Bevölkerung von politischer Partizipation abzuhalten, wird das Wahlrecht besonders in den Südstaaten konsequent ausgehöhlt. Mit wie viel Kreativität, lernen wir in der manchmal seifig untermalten, aber aufschlussreichen Doku über ein Land, das im Grunde noch nie eine vollwertige Demokratie war, sondern ein Apartheidsystem. Donald hin, Trump her.

»All In - Fight for Democracy« auf Amazon Prime

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