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Weichen und Schienen

Zum Tod des DEFA-Regisseurs Joachim Kunert

Joachim Kunert, 1929 geboren im Berliner Stadtteil Pankow, kam auf klassischem Weg zum Film. Er durchlief alle praktischen Arbeiten in den darstellenden Künsten: Studium im DEFA-Nachwuchsstudio, diverse Regieassistenzen bei renommierten DEFA-Regisseuren, Statisterie und Kleinstrollen (»Wurzen«), Abstecher ins Schauspieltheater als Schauspieler und Regisseur. Er lernte seine Profession gründlich von der Pike auf, das sieht man allen seinen Filmen an.

Sein erster eigener Film war ein Dokumentarfilm: eine Flussfahrt auf der Elbe von Hamburg bis Bad Schandau, »Ein Strom fließt durch Deutschland« (1954). Die stimmungsvolle, unaufgeregte Reisebeschreibung spiegelte - mitten im Kalten Krieg - Hoffnung und Sehnsucht nach einem ungeteilten Deutschland und gewann viele Zuschauer. Fortan war er bei der DEFA als Regisseur fest engagiert und blieb es bis zum Ende.

Er war ein solider Arbeiter, fleißig und beständig. Kino-Innovatives hat er nicht geleistet, aber alle seine Filme waren gute Hausmannskost, filmisches Unterfutter. Er schuf Basiswerke einer aufrichtigen, zuschauerfreundlichen, gediegenen, allezeit dem Menschlichen verpflichteten Filmkunst.

Sein wichtigster Film, »Das zweite Gleis« (1962) nach einem Originaldrehbuch von Günter Kunert (mit dem er nicht verwandt war), ging völlig unter (und ist bis heute kaum bekannt), weil er das anonyme »Weiterleben« ehemaliger NS-Täter in der DDR thematisierte. Das wurde nicht gerne gesehen, weil es nicht zu der damaligen DDR-Aufarbeitung der NS-Zeit und zur einseitigen Heroisierung passte. Zudem hatte Kunert die Kriminalgeschichte durch eine besondere Bildsprache charakterisiert, die das Beklemmende der Geschichte unterstrich. Die filmische Attraktivität von Bahnanlagen, Weichen, Schienen, Signalen - in beinahe expressionistischer Manier und effektvollem Schwarz-Weiß von Rolf Sohre gedreht - , assoziierte Verquickungen von Menschenschicksalen. Solche Sichten waren nicht jedermanns Sache. Der Film wurde nicht verboten, jedoch in den Kinoprogrammen »kleingehalten«.

Sein bekanntester (und auch international erfolgreichster) Film war »Die Abenteuer des Werner Holt« (1965), in dem er - nach einem Roman von Dieter Noll - jungen Deutschen der Flakhelfergeneration detailgenau und sehr emotional nachspürte. Die rasanten Stationen (»Abenteuer«) des Flakhelfers Werner Holt und seiner Kameraden (die allesamt sehr jung besetzt waren) in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland zogen Millionen Menschen in die Kinos. Die Verführung durch Macht und den Fanatismus einer blutigen Endzeit konnten viele Zuschauer nachvollziehen.

Um diese Kernwerke herum gruppierten sich noch viele Filme aller Genres. Auch wechselte Kunert immer mal zum Fernsehen. Mit den verschiedenen Formaten der großen Kinoleinwand und dem kleinen Bildschirm kam er zurecht (was der handwerklichen Solidität seines Werkes zuzurechnen ist).

Er hat einfühlsam und sachgerecht einige Erzählungen von Anna Seghers fürs Fernsehen adaptiert. Er bewunderte die Erzählungen der Schriftstellerin, sie sah seine Filme gern an, schließlich arbeiteten sie zusammen: »Die Toten bleiben jung« (1969). Mit »Das Duell« (1970) und »Das Schilfrohr« (1974) fand Kunert zur ihm gemäßen Form von Seghers-Adaptionen: zur Fernseh-Novelle. Diese beiden Endkriegs- und Nachkriegsgeschichten faszinierten durch karge Bildsprache, einfache Personenführung (gemäß einem Grundmotiv der Autorin von der »Kraft der Schwachen«), überzeugende psychologische Tiefenschürfung, klare Konflikte. Dazwischen der Mehrteiler »Die große Reise der Agathe Schweigert« (1972) über eine deutsche Hausfrau, die sich auf der Suche nach ihrem Sohn als Krankenschwester im Spanischen Bürgerkrieg wiederfindet.

Joachim Kunert verstarb am 18. September in Potsdam. Sein Werk bleibt ein Baustein - neben den anderen allen - im Fundament der deutschen Filmkultur.

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