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Verkaufen und Lohn kürzen

Trotz der Milliardenhilfen vom Staat saniert sich der Lufthansa-Konzern auf Kosten der Beschäftigten

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Lufthansa: Verkaufen und Lohn kürzen

Auch nach dem im Juli beschlossenen milliardenschweren Rettungspaket der Bundesregierung ist eine heile Welt bei der angeschlagenen Lufthansa nicht in Sicht. Die wirtschaftlichen Probleme, massive Existenzängste der Beschäftigten und Konflikte um Lohn- und Tarifdumping schwelen weiter. An der Basis der Gewerkschaften brodelt es. So beklagt die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) die Gründung einer neuen Billigtochter für Ferienflieger unter der Bezeichnung Ocean. Entsprechende Stellenangebote seien bereits im Umlauf. »Die Beschäftigten gelten nicht als gesetzt, sondern müssen sich dann auf ihre eigenen Strecken zu deutlich verschlechterten Bedingungen neu bewerben und dürfen auch nur auf einen befristeten Arbeitsplatz hoffen«, so VC-Chef Markus Wahl.

Kritische Töne gibt nun auch die Flugbegleitergewerkschaft Ufo von sich, die sich im Sommer im Vergleich zu den anderen Gewerkschaften wie ein Musterknabe verhalten und der Lufthansa weitreichende Zugeständnisse gemacht hatte. Viele Beobachter hatten der Ufo-Führung einen »Schmusekurs« mit Konzernchef Carsten Spohr vorgeworfen. Nun sagte Ufo am Wochenende die Teilnahme an einem »strategischen Dialog« zwischen Lufthansa und Gewerkschaften ab. Ufo wirft Spohr Wortbruch gegenüber den Beschäftigten der Konzerntöchter Germanwings und SunExpress vor, die vor einem harten Stellenabbau beziehungsweise der Abwicklung stehen. Dies sei »Ausdruck für das Gegenteil von verantwortlichem und partnerschaftlichem Vorgehen, gerade wenn gleichzeitig für einen mickrigen Lohn beim Projekt Ocean eingestellt wird«. Daher werde sich seine Organisation »nicht länger als Feigenblatt eines funktionierenden Umgangs miteinander missbrauchen lassen«, so Ufo-Chef Daniel Flohr.

Hochoffiziell aus der »Lufthansa-Familie« verstoßen werden jetzt die Beschäftigten der für Bordverpflegung zuständigen bisherigen Konzerntochter LSG Sky Chefs (LSG). Die Belegschaft hatte bereits in den vergangenen Jahren in der Hoffnung auf sichere Jobs im Konzern auf Teile des Einkommens und auf Urlaubstage verzichtet sowie unentgeltlich länger gearbeitet. Nun wird ihre Firma von der Gategroup übernommen, die ihren Sitz in der Schweiz hat und einem renditehungrigen Investmentfonds aus Singapur gehört. Nach Insiderangaben hat der Lufthansa-Vorstand, der die LSG wie eine heiße Kartoffel abstoßen will, jüngst dem Drängen der Gategroup-Manager nachgegeben und den Verkaufspreis noch einmal drastisch reduziert.

Nach einem von der Gewerkschaft Verdi mit Gategroup ausgehandelten Haustarifvertrag drohen mit dem Betriebsübergang vielen Beschäftigten gewaltige Lohnkürzungen von bis zu 30 Prozent und weitere Verschlechterungen. Ein über sieben Monate ausgehandelter neuer Überleitungstarifvertrag konkretisiert die Lohnopfer, die nun über mehrere Stufen gestreckt vollzogen werden. Nach Angaben einer Verdi-Mitgliederinfo soll das Ergebnis einer Urabstimmung Mitte dieser Woche verkündet werden.

Mehrere Dutzend LSG-Beschäftigte protestierten in der vergangenen Woche vor dem Frankfurter Gewerkschaftshaus gegen den Vertrag und forderten ihre Gewerkschaft Verdi auf, Transparenz zu schaffen über den Ablauf der Gespräche mit der Gategroup. Sie kritisierten, dass es während der Verhandlungen keine wirkliche Kommunikation mit der Basis gegeben habe und dies mit den Corona-Beschränkungen begründet worden sei. »Statt die Tarifverträge auf LSG-Niveau anzuheben, werden wir auf Gategroup-Niveau abgesenkt«, bemängelte ein Betriebsrat und Verdi-Mitglied. Diese »faulen Kompromisse« seien ein Bruch mit der gewerkschaftlichen Zielsetzung einer »Besitzstandssicherung« und würden vielen ohnehin nicht üppig entlohnten Beschäftigten Einkommen auf dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns und Altersarmut bescheren, so seine Kritik.

Derzeit und wohl auch noch in den kommenden Monaten befinden sich 95 Prozent der bisherigen LSG-Beschäftigten in Kurzarbeit und beziehen also Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit. Die im Überleitungstarif gemachte Zusage, dass ihre Einkommen in den ersten zwölf Monaten nicht angetastet werden, läuft somit ins Leere. Insider vermuten, dass die Gategroup-Manager nach dem Ablauf der Kurzarbeit ohnehin einen massenhaften Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen vornehmen werden und darauf spekulieren, dass viele der heutigen LSG-Beschäftigten entnervt von sich aus kündigen.

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