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Bei Pittiplatsch am Stasi-Knast

Grüne aus Ost und West spazieren auf den Spuren der Wende durch Potsdam

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie hießen gleich die drei Bürgerbewegungen der DDR, die das Bündnis '90 bildeten, das 1993 mit den westdeutschen Grünen verschmolz? Auf Neues Forum und Demokratie jetzt besinnt sich Brandenburgs Sozial- und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne). Aber sie stammt aus dem Westen und kommt nicht auf die kleinste der drei Gruppierungen. Es war die Initiative Frieden und Menschenrechte, in der sich Brandenburgs erste Stasi-Landesbeauftragte Ulrike Poppe engagiert hatte. Nonnemacher muss sich von der ostdeutschen Potsdamer Stadtverordneten Saskia Hüneke (Grüne) vorsagen lassen.

Nonnemacher und die Bundesvorsitzende Annalena Baerbock unternehmen am Dienstag in Potsdam einen Spaziergang auf den Spuren der Wende. Sie luden sich dazu ehemalige Bürgerrechtler ein. »Wir, die damals nicht dabei waren, alterstechnisch und wohnorttechnisch«, sagt Baerbock, geboren im Dezember 1980 in Hannover, beim Zusammentreffen auf dem Luisenplatz. Das will Nonnemacher so nicht stehen lassen. »Ich war dabei«, versichert sie. Nonnemacher wohnte 1989 in Westberlin und ging rüber in die Ostberliner Invalidenstraße, als die Mauer fiel. Es sei eines ihrer eindrücklichsten Erlebnisse gewesen, betont sie.

Für die Ostdeutschen begann die Wende schon Wochen vor dem Mauerfall. Hans-Joachim Schalinski, der die Fälschung der Kommunalwahl im Frühjahr 1989 in Potsdam aufdeckte und anzeigte, erinnert auf dem Luisenplatz an die Demonstrationen, die dort am 7. Oktober und am 4. November 1989 stattfanden. Am 7. Oktober, als Staats- und Parteichef Erich Honecker noch nicht abgelöst war, traute sich Saskia Hüneke noch nicht hin, erst am 4. November. »Stasi in die Produktion« war eine der Losungen, die da gerufen wurden.

Nächste Station des Spaziergangs ist die ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in der Lindenstraße - heute Gedenkstätte. Eine Nachbarin kommt zufällig vorbei und erzählt, der Gehweg vor dem Haus sei früher abgesperrt gewesen. »Ich wollte hingehen und fragen: ›Was machen sie hier eigentlich?‹ Aber mein Mann hat mir gesagt: ›Bist du verrückt? Die sperren dich ein!‹« Ausgerechnet gegenüber von der Gedenkstätte eröffnete vor einer Woche ein DDR-Laden mit angeschlossenem Ostalgiecafé, als Logo das abgewandelte Symbol der Pioniere. Das stört Bürgerrechtler Frank Ebert. Er gehörte einst zu den Oppositionellen der Umweltbibliothek und begleitet am Dienstag Ursula Nonnemacher und Annalena Baerbock.

Doch der Inhaber des Ladencafés will überhaupt nichts verharmlosen. Er sei selbst mal von der Stasi mitgenommen und verhört worden wegen möglicher Westkontakte, sagt Olaf Hölzel. »Das war kein Spaß«, erklärt der der 57-Jährige. Er fuhr damals zur See. Es hätte sein können, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben darf. Doch dazu kam es nicht. »Es gibt immer gute und schlechte Seiten«, meint Hölzel. In seinem Laden verkauft er Dinge, an die sich die Menschen gern erinnern. Die Einkaufsnetze etwa, die umweltfreundlicher waren als Plastetüten. Das Schaufenster ist dekoriert mit einer Pittiplatsch-Figur. »99 Prozent der Passanten bleiben stehen und lächeln«, ist Hölzel aufgefallen. Nur einer sei mal reingekommen und habe geschimpft, so etwas sei eine Zumutung gegenüber vom alten Stasi-Knast. Hölzel betreibt das Ladencafé übrigens gemeinsam mit seiner Partnerin, die aus Schwaben stammt.

Während der Inhaber das erzählt, sind die Politikerinnen mit ihrem Tross bereits weitergelaufen. Endstation ist der Alte Markt, auf dem ein Teil der Freiluftausstellung zu 30 Jahre deutsche Einheit aufgebaut ist. Ein gläserner Würfel widmet sich den Polikliniken und den Gemeindeschwestern in der DDR. Hier muss der Gesundheitsministerin niemand vorsagen. Sie weiß Bescheid und erklärt ihrer Parteifreundin Baerbock, was es mit dem im Würfel gezeigten Moped vom Typ Schwalbe auf sich hat. Mit so einem Moped sei »Schwester Agnes« in dem gleichnamigen Film von 1975 zu ihren Patienten auf dem Dorf gefahren. »Es war nicht alles schlecht«, sagt Nonnemacher einen Satz, den man sonst fast nur von Ostdeutschen hört.

Bei den Polikliniken und den Gemeindeschwestern lässt es sich auch nicht abstreiten. Die Konzepte wurden unter anderen Namen inzwischen auch im Westen kopiert, erläutert Peter Velling. Er ist Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Medizinischer Versorgungszentren. So heißen die Polikliniken heute. Velling ist im Westen aufgewachsen, hatte aber Verwandte in Pasewalk und kannte die Vorzüge der Art, wie die DDR die Gesundheitsversorgung auf dem Lande organisierte. Rund 4500 Polikliniken - Verzeihung, Medizinische Versorgungszentren - gibt es mittlerweile in Ost und West.

Auch in der Bundesrepublik ist nicht alles schlecht und genauso wenig alles gut. Nur mit knapper Not gelang es, dass nicht sämtliche Potsdamer von westdeutschen Grundstücksspekulanten aus ihren Wohnungen in der Innenstadt verdrängt wurden, weiß die Stadtverordnete Hüneke zu berichten. Es sei ein Glück, dass die kommunale Wohnungsgesellschaft über einen großen Bestand an Plattenbauwohnungen verfüge. Sonst sähe diese Bilanz der deutschen Einheit noch düsterer aus.

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