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AfD häutet sich weiter

Mit Konrad Adam verlässt das letzte Mitglied des Gründungsvorstandes die Partei

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Politisch besaß Konrad Adam längst kein Gewicht mehr, am Dienstag zog der 78-Jährige schließlich die letzte Konsequenz: Zum Jahreswechsel werde er die AfD verlassen, kündigte Adam an. Und während der Ehrenvorsitzende Alexander Gauland dies höhnisch mit den Worten kommentierte, man solle Reisende nicht aufhalten, steckt in Adams angekündigten Austritt Symbolkraft. Mit ihm verlässt das letzte ehemalige Mitglied des Gründungsvorstandes aus dem Jahr 2013 die Partei. Neben Adam gehörten dem Gremium Frauke Petry und Bernd Lucke an, die bereits 2017 und 2015 der AfD nach Niederlagen im innerparteilichen Streit den Rücken kehrten.

Und obwohl seitdem einige Jahre vergingen, ähnelt Adams Begründung dem, womit auch Petry und Lucke ihre Abgänge einst offiziell begründeten. Er sehe für die AfD keine Zukunft mehr als »bürgerlich-konservative« Kraft, so der Publizist. Für diese Erkenntnis benötigte er offenbar sieben Jahre. Und dies, obwohl Adam als Ursache für die Entwicklung der Partei einen Mitstreiter benennt, der ebenso von Beginn an dabei ist. Gauland habe sich stets schützend vor »Rechtsausleger wie Andreas Kalbitz und den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke gestellt«, wodurch der Rechtsaußenflügel der Partei stetig gewachsen sei. Adams Beschreibung trifft zu, ist aber unvollständig. Gaulands Funktion bestand lange darin, die verfeindeten Parteiströmungen aus Marktradikalen - zu denen auch Adam zählt - und den völkischen Nationalisten zusammenzuhalten.

Aus diesem Grund war Gauland zeitweise auch AfD-Bundesvorsitzender. Diese Rolle verließ er erst, nachdem der amtierende Parteichef Jörg Meuthen die Konfrontation mit dem völkischen »Flügel« auf ein Niveau eskalierte, wie es Lucke und Petry nie gelang. Als Brandbeschleuniger diente der von Meuthen forcierte Rauswurf von Andreas Kalbitz.

Auch wenn Adam heute so tut, als sei die AfD früher inhaltlich und ideologisch gemäßigter aufgetreten, schreckte auch er vor gezielten Provokationen nicht zurück. Als ihn der »Spiegel« 2013 fragte, warum er sich in seinem Alter noch in einer neuen Anti-Euro-Partei engagiere, erklärte er: »Das fragen mich meine Kinder auch. Ich erkläre dann immer etwas pathetisch, dass ich zu einer Generation gehöre, die ihre Eltern immer wieder gefragt hat: Was habt ihr eigentlich in den Jahren der Nazi-Diktatur gemacht? Ihr habt doch gesehen, was passiert. Habt ihr weggeguckt?« Auch der »Spiegel« nannte dies einen »ziemlich gewagten Vergleich«. Mit solch einer Äußerung nahm Adam die spätere AfD-Medienstrategie des gezielten Tabubruchs vorweg. Doch es musste ihm klar sein, dass in einer Partei, in der fast alles gesagt werden darf, irgendwann auch alles gesagt wird.

Der am Montag fristlos entlassene Pressesprecher der AfD-Fraktion im Bundestag ist da nur das jüngste Beispiel. Christian Lüth, der bisher als enger Vertrauter Gaulands galt, fand seinen Weg in die Rechtsaußenpartei, nachdem die FDP 2013 aus dem Bundestag geflogen war. Das Etikett des Ex-Liberalen machte aus ihm aber noch lange keinen »Gemäßigten«. Bereits im April sorgte Lüth für Schlagzeilen, nachdem Vorwürfe laut wurden, er habe sich in einem Chat als »Faschist« bezeichnet und sei stolz auf seine »arische« Abstammung. Die Fraktion stellte ihn daraufhin von seiner Arbeit frei und prüfte die Vorwürfe. Erst vor zwei Wochen verlor er seinen Posten endgültig. Es wurden aber Möglichkeiten diskutiert, um ihn in anderer Position weiter zu beschäftigen.

Davon mussten selbst Lüths Unterstützer in der Fraktion Abstand nehmen, als am Montag bekannt wurde, dass er im Februar in einem vermeintlich persönlichen Gespräch in einer Berliner Bar das Erschießen und Vergasen von Migranten als Möglichkeiten bezeichnete. Zudem habe die AfD ein strategisches Interesse daran, dass »noch mehr Migranten kommen«. Um Schadensbegrenzung bemüht, erklärte die AfD, Lüth sei kein Parteimitglied, seit drei Jahren kein Sprecher der Partei und seit dem Frühjahr kein Sprecher der Bundestagsfraktion mehr. Ganz so, als habe seine einstige Funktion und Vernetzung in der AfD nie eine Rolle gespielt.

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