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In der Knochenmühle

Angesichts des engen Spielplans droht Spitzenfußballern Überlastung

Champions und Nations League, WM-Qualifikation und Pokal, Supercups und Bundesliga: Für Fußballstars ist der Terminkalender ohnehin schon voll. Corona hat das Problem noch verschärft. Die Lösung wäre einfach, kostet aber viel Geld.

Frank Hellmann, Frankfurt am Main

Anzeichen von Müdigkeit am Montagabend hatte nicht einmal Jürgen Klopp entdeckt. 3:1 gegen den FC Arsenal, dritter Sieg im dritten Spiel der Premier League. Da gab es für den deutschen Teamchef wenig zu meckern. Erst bei der Frage, ob dieser Saisonstart ein Statement gewesen sei, kam der Kulttrainer auf das Kernproblem dieser Spielzeit zu sprechen: »Heute Abend bin ich sehr glücklich, aber in drei Tagen spielen wir wieder; und dann schon wieder in zwei Tagen. Das ist ziemlich intensiv.«

Liverpool trifft am Donnerstag gleich noch einmal auf Arsenal: diesmal im Ligapokal, den sie auf der Insel auch schon mal Worthless Cup oder Mickey Mouse Cup nennen, weil er als wertlos gilt. Auf die Idee, ihn in der Corona-Pandemie mal ausfallen zu lassen, um Platz im Terminkalender zu schaffen, kam aber offenbar niemand. Dabei hatte Klopp schon vor einem Jahr mal martialisch gewarnt: »Wenn wir nicht lernen, besser mit unseren Spielern umzugehen, töten wir dieses wunderschöne Spiel.« Dass der englische Meister derzeit noch vergleichsweise frisch wirkt, ist mit seiner Abstinenz beim Champions-League-Endturnier leicht erklärt.

Viel besorgter klang da bereits Kollege Pep Guardiola, der mit Manchester City nicht ganz so gut wie Klopp aus den Startlöchern gekommen ist und daher schon vor der 2:5-Heimpleite gegen Leicester City eine Grundsatzklage anbrachte: »Niemand kümmert sich um die Spieler. Sie hatten eine zweiwöchige Vorbereitung und müssen jetzt elf Monate lang alle drei Tage spielen. Sie sind keine Maschinen.« Dennoch würden die nationalen Ligen und auch Europas Dachverband Uefa alle nur ihre eigenen Bereiche verteidigen.

Die Spielfrequenz ist unerbittlich, weil pünktlich am 11. Juni 2021 die um ein Jahr verschobene EM beginnen soll, das Milliardengeschäft der Uefa. Dass aber gerade die tragenden Säulen der jeweiligen Nationalmannschaften die Taktung bis dahin kaum durchhalten, sollte offensichtlich sein. Die Muskelverletzung, die sich Real Madrids Toni Kroos zuletzt zuzog, könnte zum Vorboten der bevorstehenden Malaise werden.

In ihrem Report »Am Limit« hielt die Spielergewerkschaft FIFPro schon 2019 fest: »Der Match-Kalender ist dichter geworden. Gleichzeitig ist das Spiel schneller, physischer und globaler als je zuvor.« Bemängelt wurde vor allem die Terminhatz der Stars. »Während ein paar Hundert Spitzenspieler überladen werden, bieten sich Tausenden ihrer Kollegen zu wenige Möglichkeiten, um sich eine nachhaltige Karriere aufzubauen«, schrieb FIFPro-Generalsekretär Theo van Seggelen, der mindestens vierwöchige Sommer- und zweiwöchige Winterpausen forderte.

In der Pandemie ist jedoch genau das Gegenteil passiert: Der Spielkalender wurde noch weiter verdichtet, um alle Formate unterzubringen. Auch in Deutschland: Weil Quotenbringer Bayern München erst letzten Donnerstag den europäischen Supercup und an diesem Mittwoch die deutsche Ausgabe gegen Dortmund spielen muss, kamen diese Septembertermine für Spieltage der Bundesliga in der Woche nicht infrage. Bald beginnen die Europapokalwettbewerbe. Also passen gerade mal 13 Bundesligaspieltage in die Hinrunde. Die Winterpause wurde daher auf wenige Tage gekürzt: Gleich am 2. Januar 2021 rollt der Ball wieder.

Bundestrainer Joachim Löw schlug zu Monatsbeginn Alarm: »Der Terminkalender ist wahnsinnig voll. Wenn man nicht aufpasst, haben wir große Probleme im März, April, Mai.« Löw hatte zwar zuletzt im Nationalteam auf viele Akteure aus München und Leipzig verzichtet, aber im Oktober wird er nicht noch mal so rücksichtsvoll sein. DFB-Direktor Oliver Bierhoff verwies auf die Verpflichtung, »nicht aus der Nations League abzusteigen« und dann bald gegen schwächere Gegner antreten zu müssen. Thomas Müller - obwohl gar nicht mehr für die DFB-Auswahl nominiert - hat trotzdem das Gefühl, dass kaum noch Rücksicht genommen wird: »Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt.«

Eigentlich wäre die Lösung recht einfach: Die Nationalteams müssten auf Freundschaftsspiele verzichten, Nations League und WM-Qualifikation würden in einfachen Spielrunden ausgetragen. Sportlich fragwürdige Vergleiche wie Supercup oder Klub-WM werden ganz gestrichen. Pro Nation reicht ein Pokalwettbewerb. Auch Champions und Europa League könnten reduziert werden, indem in der Gruppenphase auf Rückspiele verzichtet wird. Das Problem: Es würde deutlich weniger Geld generiert, weil die Medienverträge an eine bestimmte Zahl von Spielterminen geknüpft sind. Für Korrekturen ist es ohnehin längst zu spät. Das Motto: Augen zu und durch. Bis Bänder, Sehnen oder Muskeln reißen. Von den mentalen Langzeitfolgen dieser Knochenmühle ganz zu schweigen.

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