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»Wir müssen uns vor neokolonialer Manier hüten«

Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, spricht über soziale und politische Aspekte der Rückgabe von Kulturgütern

Restituiertes Raubgut: In den 1880er Jahren wurde dieses hölzerne Objekt aus einem Grab an der Südküste Alaskas geraubt. 2018 hat es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Chugach Alaska Corporation zurückgegeben.
Restituiertes Raubgut: In den 1880er Jahren wurde dieses hölzerne Objekt aus einem Grab an der Südküste Alaskas geraubt. 2018 hat es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz an die Chugach Alaska Corporation zurückgegeben.

Sie leiten die neue Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland. Wie funktioniert das genau?

Es ist jetzt schon so, dass uns Menschen kontaktieren - bisher vor allem aus Deutschland. Teilweise sind das Privatmenschen, teilweise Repräsentanten von Institutionen, die konkrete Nachfragen zu Objekten haben, die sich entweder in ihrem Privateigentum befinden oder im Eigentum der Institution. Wir haben aber auch schon Anfragen von Menschen aus dem Ausland, die zu bestimmten Gruppen von Sammlungsgütern wissen wollen: »Wo befinden sie sich? In welchem Zustand sind sie - und mit wem kann ich Kontakt aufnehmen?« Konkrete Beispiele kann ich nicht nennen, weil die Anfragen vertraulich sind.

Warum braucht es so eine Kontaktstelle?

Vielleicht darf ich mit dem Hintergrund anfangen - weil das wichtig für das ist, was wir tun und wie wir das tun: Die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, die Kulturministerinnen und -minister, die Kultursenatorinnen und -senatoren, die Ländergemeinschaft und die kommunalen Spitzenverbände haben sich im März 2019 auf erste Eckpunkte zum Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten verständigt. Das ist ein ganz entscheidender, weitreichender Schritt. Man war sich von Anfang an klar darüber, dass es einen zentralen Ansprechpartner in Deutschland geben müsse, bei dem insbesondere Menschen aus Herkunftsgesellschaften und Herkunftsstaaten Informationen zu Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten erhalten. Wenn Sie zum Beispiel in Afrika leben und wissen wollen, ob sich ein Objekt aus Ihrem Land in einer deutschen Sammlung befindet: Wie gehen Sie vor? An wen wenden Sie sich? Das ist enorm schwierig - auch für Menschen in Deutschland.

Wie ist das bisher gelaufen?

Man musste sich im Internet durchklicken und schauen, was auf Webseiten von Museen zu finden ist. Natürlich gibt es unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch Netzwerke und Kooperationsprojekte. Aber wenn Sie konkrete Namen von Ansprechpartnern bei Museen haben wollten, gab es eigentlich keinen guten Weg - vor allem, wenn man deutsche Strukturen wie die Kulturhoheit der Länder nicht kennt. Genau an diesem Punkt setzen wir an.

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Damit die Kontaktstelle ihre Arbeit richtig machen kann, braucht sie Informationen. Im Moment gibt es keinen Überblick. Wir wissen nicht, in wie vielen Einrichtungen sich entsprechende Sammlungsgüter befinden, um wie viele Objekte es überhaupt geht und in welchem Erschließungs- und Inventarisierungszustand sie sich befinden. Das heißt: Eine ganz wichtige Aufgabe ist auch, Informationen zusammenzutragen, um solche Anfragen bearbeiten zu können.

Allein beim Ethnologischen Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll es laut dpa um eine halbe Million Objekte gehen?

Zu dieser Zahl kann ich nichts sagen. Aber es geht um sehr große Mengen von Objekten. Wenn wir fragen: »Worüber sprechen wir dabei eigentlich?«, lohnt ein Blick in den Leitfaden des Deutschen Museumsbundes. Der unterscheidet zwischen drei Gruppen. Das eine sind Objekte, die aus formalen Kolonialherrschaften stammen. Dann gibt es Objekte, die aus politischen Verhältnissen stammen, die von einer starken Asymmetrie gekennzeichnet sind. Dann gibt es die Fallgruppe drei: Objekte, die koloniales Denken widerspiegeln oder Stereotype transportieren. Die interessieren uns in diesem Kontext momentan nicht primär. Selbst wenn wir nur über Objekte aus formalen Kolonialherrschaften in Deutschland sprechen, gehe ich stark davon aus, dass es um mindestens mehrere Hunderttausend geht. Wahrscheinlich geht es um mehrere Millionen Objekte.

Abgesehen von der Problematik dieser Größenordnungen: Warum werden Sammlungen nicht aufgelöst und Objekte aus kolonialen Zusammenhängen systematisch zurückgegeben?

Ich glaube, da spielen zwei Erwägungen eine Rolle: »Wir lösen alles auf und geben alles zurück« ist nicht unbedingt etwas, was auch von den Herkunftsstaaten und Herkunftsgesellschaften gewollt wird. Wir müssen uns davor hüten, in neokolonialer Manier alles besonders gut machen zu wollen und ohne Rücksprache mit den Herkunftsländern einseitig zu handeln. Der Austausch ist auf allen Ebenen wichtig - beispielsweise, wenn ein Museum sagt: Wir haben bei Forschungen zu einem Objektbestand festgestellt, dass er unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht ethisch und rechtlich nicht mehr vertretbar sind, in unseren Besitz gekommen ist. Da sollte man versuchen, mit der Herkunftsgesellschaft Kontakt aufzunehmen und zu fragen: Was machen wir denn jetzt? Wie gehen wir damit um?

Und die zweite Erwägung?

Das andere ist, dass man in vielen Fällen gar nicht weiß, unter welchen Bedingungen Objekte in deutsche Sammlungen gekommen sind. Man kann natürlich sagen: Wenn eine formale Kolonialherrschaft bestanden hat, dann sind alle Objekte von vornherein mit einem ethischen Makel behaftet und sollten zurückgegeben werden. Die Rückführung von Objekten ist enorm wichtig. Aber sie ist nicht das einzige Handlungsfeld, das wichtig ist, um die Kolonialvergangenheit aufzuarbeiten. Es geht darum, mit denjenigen, die unter deutscher Kolonialherrschaft gelitten haben, die Angehörige und Kulturgüter verloren haben, zu einem Austausch zu kommen. Vielfach gibt es großes Interesse an Kooperationsprojekten, um diese Objekte gemeinsam zu erforschen. Rückführung ist ein Baustein, aber sie steht in vielen Fällen am Anfang des Prozesses.

Einige Museen setzen sich in Ausstellungen kritisch mit der eigenen Sammlungsgeschichte auseinander. Meinen Sie solche Möglichkeiten?

Genau. Ein Handlungsfeld ist die Präsentation und Vermittlung. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Museen zuerst einmal sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen, wie ihre Sammlungen zustande gekommen sind - und das in ihren Ausstellungen thematisieren und vermitteln. Ich glaube, was nicht mehr geht, ist die nicht-kontextualisierte Ausstellung solcher Objekte. Es muss erklärt werden, warum sie in Deutschland sind - und was in Zukunft mit ihnen passieren soll. Meine Erfahrung ist, dass gerade jüngere Menschen sich sehr stark für die Herkunftsgeschichte der Objekte interessieren. Diese werden nicht mehr nur als Kunstwerke oder Quellen für archäologische Forschung wahrgenommen, sondern als soziale Dinge.

Was bedeutet es, dass es sich um soziale Objekte handelt?

Ich glaube, bei menschlichen Überresten ist das am deutlichsten und gleichzeitig auch am bewegendsten. Wir sprechen mit Menschen aus Afrika, die in Deutschland sind, um die Gebeine ihrer Vorfahren zu suchen. Stellen Sie sich vor, Ihre Urgroßmutter läge in irgendeinem Land der Welt in einem Museumsdepot oder einer wissenschaftlichen Sammlung - und sie wüssten nicht, wo. Wenn man sich das vor Augen führt, wird deutlich, was für eine politische Brisanz das Thema hat - und auch, welche menschliche Dimension es hat.

Sie selbst waren im vergangenen Jahr mit einer Delegation in Namibia, um die Bibel und Peitsche des legendären Nama-Anführers Hendrik Witbooi zurückzugeben. Wie war das für Sie?

Als diese Objekte, die so eng mit der Geschichte des Landes verknüpft sind, in Namibia ankamen, waren sie auf einmal von Nachfahren von Hendrik Witbooi umgeben. Da war eine Person, die von ihrer Mutter erfahren hatte, dass die Bibel geraubt worden war. Es gab tatsächlich noch eine persönliche Erinnerung. Man merkt: Die Bibel ist nicht nur ein Buch mit handschriftlichen Eintragungen. Es ist ein soziales Objekt, das eine ganz bestimmte Bedeutung für lebende Menschen hat.

Was passiert denn mit Objekten, die zurückgegeben werden?

Das entscheidet die Gesellschaft oder der Staat, der oder dem die Objekte dann rechtmäßig gehören. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Peitsche und Bibel sind nun im Nationalarchiv, beziehungsweise im Nationalmuseum in Namibia und stehen auch der Forschung zur Verfügung. Ich könnte mir vorstellen, dass menschliche Überreste anders behandelt werden und gegebenenfalls bestattet werden. Schön ist, wenn Objekte, die zurückkehren, im Land gesehen werden können - auch von jüngeren Menschen, die so mit der Geschichte des Landes in Berührung kommen.

Wie läuft ein Restitutionsprozess genau ab?

Nehmen wir mal an, eine Kuratorin in Namibia würde im Internet ein Objekt finden, das sich in einem Museum in Trägerschaft einer deutschen Kommune befindet und unter Anwendung von Gewalt aus dem Land entfernt worden ist. Sie würde sagen: »Wir finden, dieses Objekt gehört nach Namibia.« Das ist bei Witboois Bibel und Peitsche ganz ähnlich gewesen. Das Museum würde die Bitte prüfen, sich an seinen Träger wenden und sagen: »Wir sind als Museum bereit, der Anfrage zu entsprechen. Wie steht ihr dazu? Könnt ihr dafür sorgen, dass eine Rückführung ermöglicht wird?« Der Träger würde die Anfrage im Idealfall unterstützen - vielleicht nach Rücksprache mit dem Land. Spätestens dann wäre es sinnvoll, das Auswärtige Amt einzubeziehen, das den Prozess begleitet.

In den letzten Jahren wurde der Umgang mit Kolonialobjekten in deutschen Sammlungen - auch durch die Debatten um das Berliner Humboldt Forum - öffentlich diskutiert. Ist das eine Chance?

Absolut. Ich bin Kulturwissenschaftler und weiß, dass dort postkoloniale Ansätze schon viel länger verhandelt werden und einen wichtigen Perspektivwechsel herbeigeführt haben. Im Kern bedeutet das, dass man die Geschichte Afrikas, Lateinamerikas oder des sogenannten Vorderasiens nicht mehr aus einer eurozentrischen Perspektive erzählt, sondern die Sichtweise der betroffenen Länder und Gesellschaften einnimmt. Dass diese Perspektive in die Museumspraxis dringt, ist gut, weil Museen eine Brücke zwischen der materiellen Kultur, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit sind. Ich glaube, dass wir über das Thema Kolonialismus auch an die Fragen des strukturellen Rassismus herangeführt werden - beispielsweise beim Umgang mit Denkmälern oder der Umbenennung von Straßen. Es ist eine Chance zu fragen: Wollen wir eine Gesellschaft sein, die diesen Teil der Geschichte komplett ausblendet? Oder wollen wir offen und progressiv mit diesem Erbe umgehen?

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