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Kränkungen machen krank

AOK-Bericht: Beschäftigte mit als fair eingeschätzten Führungskräften haben weniger Fehltage

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.
Junge Frau hustet
Junge Frau hustet

Der perfekte Arbeitsplatz: Rückhalt, Wertschätzung und Vertrauen im ganzen Unternehmen für alle, die dort tätig sind - naheliegend, dass Menschen dort gern hingehen und auch mehr Engagement zeigen würden. In der Realität ist das aber häufig anders, und das schlägt auf die Gesundheit. Diesen Zusammenhang zwischen erlebter Gerechtigkeit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz untersuchte der »Fehlzeitenreport 2020«. Herausgegeben wurde der in dieser Woche vorgestellte, mehr als 800 Seiten umfassende Band vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (Wido) in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Beuth-Hochschule für Technik Berlin.

Zusätzlich zu den ausgewerteten Routinedaten befragten Wido-Wissenschaftler 2500 Beschäftigte zu ihrem Gerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz und stießen dabei auf interessante Zusammenhänge. Diejenigen, die ihren Vorgesetzten die besten Noten für Fairness geben, kommen durchschnittlich auf nur 12,7 Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr. Dagegen weist die Gruppe der Berufstätigen, die ihren Chef als eher ungerecht wahrnehmen, im Durchschnitt 15 Fehltage auf. Fehlende Fairness von Führungskräften löst offenbar zunächst emotionale Irritationen aus: Von den Befragten berichteten 23 Prozent über Gefühle der Gereiztheit, rund ein Fünftel über Lustlosigkeit, eine ebenso große Gruppe über Erschöpfung und Schlafstörungen.

Es folgen dann auch körperliche Beschwerden: Rücken- und Gelenkschmerzen traten bei einem Viertel der Befragten auf. Ein Zehntel der Befragten klagt über wiederkehrende Kopfschmerzen. In der Gruppe derer, die mit ihren Führungskräften zufrieden sind, liegen die hier abgefragten gesundheitlichen Beschwerden insgesamt nur bei einem Viertel der Angaben jener, die sich ungerecht behandelt fühlen.

Der Report informiert weiterhin darüber, dass der Krankenstand im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozentpunkte auf 5,4 Prozent gesunken ist. Datenbasis sind die Arbeitsunfähigkeitsmeldungen der 14,4 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitglieder in Deutschland. Unter den Bundesländern verzeichneten Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt und Thüringen mit jeweils 6,2 Prozent den höchsten Krankenstand. In Bayern (4,8 Prozent) und Hamburg (4,6 Prozent) lag der Krankenstand am niedrigsten.

Für den Pflegesektor gibt es einen Befund, der auf überdurchschnittlich viel Stress deutet: So zeigten Routinedaten der AOK, dass die dort Beschäftigten durchschnittlich 25,3 Tage im Jahr arbeitsunfähig geschrieben sind. Der Durchschnitt der Mitarbeiter aller Branchen liegt hingegen bei 19,8 Tagen. Die längere Krankschreibung kann als Hinweis für eine dauerhaft zu hohe Belastung gewertet werden, meint auch AOK-Vorstand Martin Litsch. Wenn in Unternehmen allerdings die Fehlzeiten der Mitarbeiter allein beobachtet werden, spricht das aus Sicht von Bernhard Badura, Gesundheitswissenschaftler der Universität Bielefeld, schon für ein Organisationsversagen. Ein Instrument, mit dem gearbeitet werden müsse, seien zum Beispiel Gefährdungsbeurteilungen.

Der Report stuft das Verhalten von Führungskräften als zentral für die Unternehmenskultur ein. Wenn sie das Gerechtigkeitsempfinden ihrer Mitarbeiter verletzen, hat dies laut der Studie nicht nur Einfluss auf den Krankenstand im Betrieb, sondern auch auf die Bindung der Beschäftigten an ihr Unternehmen. Das geht natürlich weiter in Richtung Leistungsbereitschaft und dürfte kaum jemanden überraschen. Am Ende sind die Menschen, die ihren Vorgesetzten die besten Noten für Fairness geben, auch nur durchschnittlich 12,7 Tage im Jahr krankgeschrieben.

Für Schlussfolgerungen aus diesen Befunden steht Krankenkassen wie den AOK nur ein sehr begrenztes Repertoire zur Verfügung. Prävention kann in diesem Zusammenhang zwar auch bedeuten, endlich über einen Tarifvertrag für die Altenpflege eine gerechtere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen in die Wege zu leiten. AOK-Vorstand Martin Litsch wies aber auch darauf hin, dass die Verantwortung der Arbeitgeber für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mit einem solchen Tarifvertrag erst anfange.

Litsch möchte hier mehr sehen. Dafür sollen sich Führungskräfte, unter anderem in der Pflege, schulen und beraten lassen. Gemeinsam mit verschiedenen Universitäten hat die AOK daher ein neues, speziell auf die Pflege abgestimmtes Konzept für das betriebliche Gesundheitsmanagement entwickelt. Ab Oktober können sich im Rahmen des Online-Lernprogramms »Resist« auch Nichtmitglieder der AOK zu Themen wie psychischer Widerstandsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge beraten und telefonisch coachen lassen.

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