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»Brutal, aber mit Marx und Engels erklärbar«

Eckhart Dittrich über die deutsche Vereinigung und sein Leben als Ossi und Wessi

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf die Idee, seine eigene spannende Ost-West-Biografie niederzuschreiben, ist der heute 68-jährige Eckhart Dittrich vor einigen Jahren gekommen. Auf der letzten Etappe seiner Erwerbsbiografie landete der in Dresden geborene und in Gera aufgewachsene Autor trotz hoher beruflicher Qualifikation, reichhaltiger Lebenserfahrung und profunder Kenntnisse von Sprache, Land und Leuten in Russland und der Ukraine in den Mühlen der Hartz-IV-Bürokratie. Bei Wind und Wetter arbeitete er als mickrig besoldeter Angestellter eines privaten Dienstleisters im Auftrag der Stadtverwaltung von Frankfurt am Main als »Knöllchenverteiler« für Falschparker. Weil die Arbeit auf den Straßen der Bankenmetropole mitunter monoton war, hatte er viel Zeit zum Nachdenken über sein bisheriges abwechslungsreiches Leben. Familie und Freunde bestärkten ihn darin, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Diese sind nun, 30 Jahre nach der Auflösung der DDR, auf dem Markt.

Eckhart Dittrich nahm als junger Mensch in der DDR die Chance zum Auslandsstudium in der Sowjetunion wahr. Nach dem Studium am Moskauer Institut für Stahl und Legierungen kehrte er als diplomierter Stahlschmelzingenieur zurück. Erst nach über zwei Jahren als Arbeiter am Schmelzofen fand er dann in der DDR-Stahlindustrie eine seiner Qualifikation entsprechende Anstellung.

Er schildert seinen Aufenthalt in Moskau ebenso wie die Arbeit in staatlichen Stahlwerken und betrieblichen Parteistrukturen und das alltägliche menschliche Zusammenleben im DDR-Alltag. Damit liefert er spannende und ungeschminkte Einblicke in eine nicht mehr existenten Gesellschaft, die auch für eine jüngere Nach-DDR-Generation interessant sein dürften. Eine Station seines beruflichen Wirkens war in den frühen 80er Jahren Brandenburg an der Havel - mit seinem Stahl- und Walzwerk damals ein wichtiger Industriestandort. »Wessis« werden vielleicht darüber schmunzeln, dass eine hoch qualifizierte Fach- und Führungskraft wie Dittrich damals glücklich war über eine Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss, die seiner Familie zugewiesen wurde. Täglich holte er im Winter die Braunkohlebriketts zur Beheizung des giftgrünen Kachelofens aus dem Keller.

Doch schon wenige Jahre später verlagerte sich sein Wirkungsfeld in die Ukraine, wo er als Diplomat in konsularischen Diensten Fachleute aus der DDR betreute, die im Auftrag ihres Industriekombinats am Aufbau eines großen Investitionsprojekts mitwirkten. Unvermittelt wurde er dort gleich nach seiner Ankunft im Frühjahr 1986 Zeitzeuge der durch die Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl ausgelösten Turbulenzen. Die Auswirkungen wurden von den amtlichen Medien »stark heruntergespielt«, so seine Wahrnehmung. »Kiew befand sich im totalen Aufruhr und funktionierte nicht wie eine normale Stadt. Die Atomkatastrophe war allgegenwärtig. Die Bevölkerung begriff immer mehr, dass die Reaktorexplosion für alle unberechenbare Folgen haben konnte«, so seine Erinnerung. Zehn Jahre später habe ihm ein ukrainischer Freund voller Sarkasmus gesagt, »dass es die radioaktiven Wolken nur auf den Klassenfeind abgesehen hätten und die sozialistischen Brüder wider aller physikalischen Regeln in Ruhe ließen«.

Die letzten Monate der DDR und deren Eingliederung in die BRD erlebte der auf Stahlhandel spezialisierte Dittrich in Berlin. Sein staatliches Handelshaus wurde vom Thyssen-Konzern übernommen. In seinem Umfeld wurden massenhaft Menschen von den neuen kapitalistischen Herren auf die Straße gesetzt. »Die Zeit war gekommen, in der auf Meriten des Alters keine Rücksicht mehr genommen wurde. Sie hatten für die Thyssen AG keinen Wert mehr. Brutal, aber mit Marx und Engels erklärbar«, so seine Beschreibung der Privatisierung und Wiedereinführung des Kapitalismus. »Ich verspürte Abscheu vor denen, die die DDR in diese Situation gebracht hatten, aber auch vor denen, die die Schwäche der DDR schamlos ausgenutzt hatten und alles den Bach runtergehen ließen«, so sein Rückblick.

Dittrich hatte zunächst vier Jahre lang Glück, weil Thyssen beim forcierten Ausbau des Handels mit den ehemaligen RGW-Ländern auch auf sein Knowhow zurückgriff. Doch als der Düsseldorfer Stahlkonzern die Berliner Niederlassung schloss, erlebte auch er, was Millionen Ex-DDR-Bürgern vor ihm wiederfahren war. »Ich landete nun auch gefühlt in der kapitalistischen Welt«, so Dittrich. Neue berufliche Tätigkeiten konfrontierten ihn mit den bis heute nachwirkenden Umbrüchen in Russland und der Ukraine.

Schließlich verschlug es den »gelernten DDR-Bürger« in die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, wo er sich bis heute politisch engagiert und jetzt als rüstiger Rentner auf der Liste der Linkspartei für den kommunalen Seniorenbeirat kandidiert. »Die Grundbereitschaft der Menschen, sich gegenseitig zu achten und zu unterstützen, ist in der Bundesrepublik viel weniger anzutreffen als in der früheren DDR«, so sein Fazit.

Eckhart Dittrich: Ein Leben in Ost und West. Twentysix, 464 S., br., 16,99 €.

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