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Küssen verboten

157 junge Polizisten erhalten ihre Zeugnisse unter Wahrung von Hygieneregeln

  • Von Andreas Fritsche, Oranienburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Gewöhnlich sitzen die Polizeischüler dicht an dicht. Das dürfen sie nun nicht mehr.
Gewöhnlich sitzen die Polizeischüler dicht an dicht. Das dürfen sie nun nicht mehr.

»Eins, zwei, drei«, wird vorgezählt. Auf Drei werfen die 42 jungen Polizisten ihre alten Schulterstücke hoch, auf denen nur je ein Streifen ist. So ist es Tradition. Ihre neuen Schulterstücke mit blauen Sternen drauf haben sie zuvor angelegt. Sie sind nun keine Anwärter mehr, keine Schüler, sondern richtige Polizisten zunächst im Range von Polizeiobermeistern.

Am Mittwoch haben sie in der brandenburgischen Hochschule der Polizei in Oranienburg ihre Zeugnisse und Ernennungsurkunden erhalten. »Sie werden dringend gebraucht«, sagt Hochschulpräsident Rainer Grieger den Absolventen.

In Oranienburg werden inzwischen zwar mehr als 1000 Polizisten ausgebildet, pro Jahr kommen 400 neue. Doch die Kapazitäten reichen kaum aus, genug Nachwuchs für die vielen Kollegen zu bekommen, die in Pension gehen. Und dabei will die rot-schwarz-grüne Koalition die Zahl der Stellen - gegenwärtig sind es 8250 - noch um 250 aufstocken.

42 Absolventen wirken da wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber das sind ja nur diejenigen, die ihre zweieinhalbjährige Ausbildung gemacht haben und sich so für den mittleren Dienst qualifizierten. Außerdem schlossen noch 115 junge Männer und Frauen ihr dreieinhalbjähriges Studium an der Hochschule ab. Das befähigt sie für den gehobenen Dienst, in den sie als Polizeikommissare starten. Sie wechseln jetzt ebenfalls in die Direktionen - und sechs von ihnen zum Landeskriminalamt. Das sei noch nicht alles an neuen Kollegen für dieses Jahr, verspricht Hochschulpräsident Grieger. Denn ein paar junge Leute sind durch die Prüfung gefallen, dürfen sie aber wiederholen.

»Eins ist sicher: Ihre neuen Kolleginnen und Kollegen in den Dienststellen warten bereits sehnsüchtig auf Sie«, versichert der oberste Dienstherr aller Polizisten im Land Brandenburg. Wer das ist, hat Hochschulpräsident Grieger vorher in Erinnerung gerufen: »Öffentliches Recht, zweite Stunde, wissen wir alle.« Es ist der Innenminister. Seit Ende 2019 ist das Michael Stübgen von der CDU.

Polizeiliche Maßnahmen werden heutzutage genau beobachtet und hinterfragt. Manchmal filmen Bürger Einsätze, stellen die Videos ins Internet und kommentieren sie wenig schmeichelhaft. Doch Stübgen winkt ab. »Lassen Sie sich von Berichten über Rassismus und Polizeigewalt nicht verunsichern«, empfiehlt er. »80 Prozent der Brandenburger vertrauen der Polizei.« Dieses Vertrauen sollen die jungen Polizisten durch bürgerfreundliches Auftreten rechtfertigen. Es werde aber auch der Tag kommen, da sie mal Angriffe parieren und Zwang anwenden müssen. Stübgen wünscht sich von seinen Untergebenen einen Mix aus Bürgernähe und Handlungsstärke. »Sie sind Polizist beziehungsweise Polizistin geworden, um für Gerechtigkeit zu sorgen, Straftaten zu verhindern und zu verfolgen«, gibt er den jungen Kollegen mit auf den Weg. Von erfahrenen Polizisten können sie künftig noch etwas lernen. Aber sie sollen auch Dinge hinterfragen und kritisch sehen. Denn sie haben an der Hochschule Wissen erworben, für das mancher ältere Kollege noch eine Weiterbildung benötige, meint der Innenminister.

Die Übergabe der Zeugnisse und Ernennungsurkunden erfolgte in zwei Schichten, um die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus einzudämmen. So sind am Morgen zunächst die 42 neuen Obermeister dran und gegen Mittag die 115 neuen Kommissare. Sie müssen in der Mehrzweckhalle auf dem Gelände der Hochschule mit Abstand zueinander Platz nehmen und auch oben auf der Bühne Distanz halten. Das alles ist gut organisiert. Es hindert die jungen Leute freilich nicht, sich anschließend draußen vor der Tür in die Arme zu fallen und auch zu küssen. Eine Polizistin rechtfertigt das, als sie einem Polizisten die Lippen auf die Wange gedrückt hat, im Weggehen fröhlich mit den Worten: »Ich habe mich verliebt!«

Hochschulpräsident Grieger ist froh, dass die Zeremonie, wenn auch reduziert, nun überhaupt wieder stattfinden konnte. Im Frühjahr hatte sie noch ganz ausfallen müssen. Die Familien durften aber nicht wie sonst üblich teilnehmen, da es in der Mehrzweckhalle mit ihnen zu eng geworden wäre. Das Programm musste reduziert werden, da die Zeugnisübergabe in zwei Schichten erfolgte und zwischendurch der Saal extra desinfiziert wurde. Das Polizeiorchester spielte aber wie gewohnt auf, und anwesend war der Vorsitzende des Innenausschusses im Landtag, Andreas Büttner (Linke). Er ist von Beruf Polizist und zuletzt in seiner Uniform im Streifenwagen in Berlin-Spandau unterwegs gewesen, bevor er 2018 zum zweiten Mal in seinem Leben in die Politik wechselte. Die Jahre als Abgeordneter bremsen seine Karriere bei der Polizei. Er hängt einstweilen im Rang eines Oberkommissars fest. Normalerweise wäre er inzwischen drei Mal befördert worden und Erster Polizeihauptkommissar.

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