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Die Werkbank der Welt war gestern

Die Wirtschaft der Volksrepublik soll sich zunehmend auf den Binnenmarkt fokussieren

  • Von Fabian Kretschmer, PekIng
  • Lesedauer: 3 Min.

Quasi über Nacht machten die Planierraupen und Abrissbirnen im August das Arbeiterstadion im Stadtzentrum Pekings dem Erdboden gleich: Wo früher der sozialistische Prachtbau mit 64 000 Zuschauerplätzen stand, werkeln nun Tag und Nacht Dutzende Arbeiter, um ein neues hochmodernes Fußballstadion zu errichten. In rund zwei Jahren soll es fertig sein, rechtzeitig zur Asienmeisterschaft. Im Coronajahr beweist das Großbauprojekt: Die chinesische Wirtschaft brummt wieder, fast wie zu alten Zeiten.

Dies legen auch die neuesten Zahlen der nationalen Statistikbehörde vom Mittwoch nahe: Der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe stieg von 51,0 im August auf 51,5 im September an. Damit liegt der Wert nicht nur über dem Grenzwert von 50, der positives Wachstum ausdrückt, sondern auch deutlich über den Prognosen der meisten Ökonomen. Ebenso steuerte der Dienstleistungssektor im vergangenen Monat auf seinen höchsten Wert seit fast sieben Jahren zu, was auf eine gestiegene Nachfrage in der Gastronomie und der Reiseindustrie zurückzuführen ist. Auch für den Rest der Welt sind dies gute Nachrichten, profitiert doch insbesondere Europa von einem stabilen Wirtschaftswachstum Chinas. Seit Jahren generiert die Volksrepublik schließlich fast ein Drittel des globalen Wachstums. Und dennoch sorgen sich heimische Unternehmen, dass in Peking bald andere Spielregeln gelten könnten.

Im Mai nämlich hat die Staatsführung ein neues Konzept unter dem Schlagwort »Dual Circulation« vorgestellt. Zwar blieb Präsident Xi Jinping bislang konkrete Details schuldig, doch grob ausgedrückt geht es bei dem Schlagwort darum, die Wirtschaft in zwei Kreisläufe einzuteilen: ein innerer, der vom Binnenkonsum getrieben wird, und ein äußerer, der von Exporten und Importen abhängt. Künftig, so sind sich Experten einig, wolle sich die Volksrepublik vor allem auf den heimischen Markt fokussieren. Dies kann als Schutzmaßnahme gegen Amerikas Handelskrieg unter Donald Trump interpretiert werden. Im Jahr 2006 machten sämtliche Exporte noch 35 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts aus - so viel wie noch nie. Bis zum Vorjahr ist der Anteil bereits auf die Hälfte geschrumpft. »Mittlerweile hat unsere Wirtschaft andere Vorteile als noch vor zehn Jahren. Es ist nicht mehr so, dass wir nur über günstige Arbeitskräfte verfügen«, sagt Yao Jingyuan, ehemaliger Chefökonom des nationalen Statistikbüros: »Über 400 Millionen Chinesen gehören der Mittelschicht an, das sind mehr als in den USA und Japan zusammen.«

Bisher litt die chinesische Wirtschaft jedoch darunter, dass der durchschnittliche Bürger sein Geld vornehmlich sparte. Das hat mit dem rudimentären Gesundheits- und Sozialsystem zu tun sowie mit den niedrigen Löhnen. Noch immer leben 600 Millionen Chinesen von weniger als 1000 Yuan im Monat - umgerechnet 125 Euro. Gleichzeitig gibt es nach wie vor eine starke Einkommensschere: Die urbanen Städter an der Ostküste verdienen im Schnitt fast dreimal so viel wie die Landbewohner in den Provinzen.

»Es ist wichtig, mehr Geld in die Taschen des Volks fließen zu lassen«, sagt Yao. Dafür brauche es vor allem Reformen, etwa durch Sonderwirtschaftszonen und Marktöffnungen. Doch gleichzeitig stellt der Wirtschaftsexperte auch eine kritische Forderung an die eigene Regierung: »Erst wenn die Regierung künftig mit einem schmalen Haushalt auskommt, landet mehr bei den Leuten. Das bedeutet, dass die Regierung ihre eigenen Interessen beschneiden muss.«

Bislang jedoch hat die Regierung im Zuge der coronabedingten Krise gegenteilig gehandelt: Um kurzfristig Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor zu sichern, investierte sie vornehmlich in Infrastruktur oder Bauprojekte wie etwa die Errichtung eines neuen Fußballstadions. Davon profitieren vor allem Staatsunternehmen - Betriebe der Privatwirtschaft haben meist das Nachsehen. Laut chinesischen Ökonomen sei dies die richtige Strategie für Krisenzeiten, doch langfristig müsse ein Kurswechsel hin zur wirtschaftlichen Öffnung erfolgen.

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