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Berufswunsch Wikinger

Die Genforschung zeigt: Schon bei den nordischen Kriegern des frühen Mittelalters gab es welche mit Migrationshintergrund

  • Von Andreas Knudsen
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Klischee vom plündernden Wikinger greift zu kurz.
Das Klischee vom plündernden Wikinger greift zu kurz.

Die blonden Riesen aus dem Norden zücken ihre Schwerter, springen über Bord der Drachenschiffe und stürmen an Land, um zu rauben, plündern, Sklaven zu fangen und wieder übers Meer zu verschwinden. Dieses Klischee wird in Filmen und der Abenteuerliteratur immer wieder gern benutzt. Natürlich ist das nicht einfach falsch, aber viele wesentliche Nuancen verschwinden dabei. Solche Nuancen zu finden war das Ziel der bisher umfassendsten genetischen Studie von Wikingern sowie ihrer unmittelbaren Vorfahren und Nachkommen, die am Kopenhagener GeoGenetics Centre unter Leitung von Eske Willerslev durchgeführt wurde.

Die Forschergruppe analysierte dafür DNA-Material aus 442 Skelettfragmenten, die alle aus Gräbern stammen, die von Archäologen als wikingertypisch eingestuft worden waren. Da die Welt der Wikinger nicht eben klein war und von Grönland über Island, die britischen Inseln, die nordatlantischen Inselgruppen, Skandinavien, und das Baltikum bis nach Russland und Italien Sizilien reichte, waren zahlreiche europäische Institutionen einbezogen. Das Alter der untersuchten Skelette datiert von 2400 v. u. Z. bis in die eigentliche Ära der Wikinger zwischen 750 und der Schlacht von Hastings 1066, in der romanisierte Normannen von Nordfrankreich die angelsächsischen Herrscher Englands besiegten. Für die Forscher war es wichtig, die Herkunft der Wikinger zu bestimmen und die Auswirkungen der Handels- und Kriegszüge der skandinavischen Seefahrer und Krieger auf die Bevölkerung ihrer Herkunftsländer aufzudecken.

Wenig überraschend war das Ergebnis, dass die Wikinger von jener skandinavischen Bevölkerungsgruppe abstammen, die seit der Bronzezeit in Nordwesteuropa ansässig war. Überraschend war eher, wie wenig die im heutigen Dänemark, Norwegen und Schweden ansässigen Gruppen sich miteinander mischten. Zwar gab es zeitweilige Zweckbündnisse, wenn das angestrebte Eroberungsziel zu groß war für einzelne Herrscher, aber die große skandinavische Verbrüderung in Form umfangreicher Familienbande blieb aus.

Darüber hinaus bestätigte die Genuntersuchung frühere historische Erkenntnisse, wonach schwedische Wikinger meist in Richtung Russland, dänische gen England und norwegische nach Schottland, Irland und die nordatlantischen Inseln zogen. Es gab aber auch überraschende Funde. Vier Skelette aus einem Schiffsbegräbnis von 42 Wikingern in Salme (Estland) aus der Zeit um 750 erwiesen sich als Brüder, die sich dem für sie tödlich endenden Kriegszug angeschlossen hatten. Man darf also annehmen, dass zumindest zum Beginn der Wikingerzeit Gruppen von Verwandten zu den Kriegszügen aufbrachen. Ähnliches ist in römischen Berichten über die Gefolgschaft germanischer Fürsten überliefert. Auch die bestanden zunächst aus Verwandten, wurden aber später, mit wachsenden Kriegserfolgen, durch Krieger aus anderen Gegenden aufgefüllt.

Analog bei den Wikingern: Der Anteil an Personen, die als Wikinger lebten und starben, genetisch aber anderen Gruppen angehörten, war größer, als bisherige archäologische Befunde vermuten ließen. So waren Personen aus Wikingergrabstätten auf den Orkneyinseln genetisch mit Schotten jener Zeit verwandt, hatten aber den Lebensstil der Skandinavier übernommen. Viele der analysierten Skelette aus Island und Grönland erwiesen sich als Frauen von den britischen Inseln. Andere Wikinger erwiesen sich als Menschen, die aus Sibirien stammten; vermutlich Nachfahren von Samen oder Nenzen. Die Sagas erzählen von Geirmundur Heljarskinn, einer der ersten Siedler auf Island, der Hunderte christlicher Sklaven besaß. Sein Spitzname Heljarskinn bedeutet »Haut so dunkel wie die Hölle (= Hel)«. Diese verdankte er seiner Mutter Ljufvina, die aus einem der sibirischen Völker stammte. Alles in allem zeigt die DNA-Analyse, dass nur ein Teil der Wikinger wirklich dem gängigen Klischee entsprachen, viele waren eher braun- oder schwarzhaarig.

Wikinger zu sein war weniger eine Frage ethnischer Herkunft, sondern der Lebensweise: Kannst du kämpfen, und bist du bereit, dafür Strapazen auf dich zu nehmen, um vielleicht fern der Heimat zu sterben? Dann bist du hier richtig, denn »Wikinger« bedeutete »Seekrieger«.

Andere Skelette bewiesen den großen Aktionsradius der Wikinger. Zwei Skelette wurden als Brüder identifiziert, die etwa 400 Kilometer voneinander entfernt in Schweden beerdigt worden waren. Andere Funde erwiesen sich als nahe Verwandte wie Onkel und Neffe oder Halbbrüder, die in Dänemark bzw. England ihre letzte Ruhestätte fanden. Dass die Welt der Wikinger identisch war mit der damals in Europa bekannten, geht wiederum deutlich aus den Sagas und der historischen Geschichtsschreibung hervor. Als Beispiel kann der norwegische König Harald Hårderåde dienen. Er stand 1030 auf der Seite der Verlierer in der Schlacht von Stiklestad in Norwegen, flüchtete über die Rus nach Byzanz, wo er in der Varägergarde für den Kaiser in Bulgarien und Italien kämpfte, bis er in die Heimat zurückkehren konnte. Auf der Heimreise mit einem Teil der Garde, die ausschließlich aus Wikingern bestand, heiratete er eine Tochter des Großfürsten Jaroslaw des Weisen, Herrscher der Kiewer Rus. Der stammte seinerseits von schwedischen Wikingern ab. Sein neuer Reichtum ermöglichte es Harald, Anhänger in Norwegen zu sammeln und die Königswürde zu erringen. 1066 sah Harald die Möglichkeit, auch Anspruch auf den englischen Thron durchsetzen zu können, und sammelte eine Flotte. In der Schlacht von Stamford Bridge unterlag er jedoch den englischen Truppen und fand den Tod.

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