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Ausstieg aus der Holzklasse

Warum die Linke die Diskussion um den Klassismus-Begriff forcieren sollte

  • Von Riccardo Altieri
  • Lesedauer: 5 Min.

In der orthodoxen Linken gibt es Vorbehalte gegen den Begriff »Klassismus«. Vermutlich hat das den Grund, dass er nicht von Karl Marx stammt. Doch das kann als Antwort nicht genügen - weder in der Kritik noch in der Analyse. Für mich, der ich in diesem Themengebiet forsche und publiziere, genügt als grobe Definition dessen, was man sich unter Klassismus vorstellen kann, eine irgendwie geartete Diskriminierung auf Basis der sozialen Herkunft. Ursachen können individuelle Eigenheiten oder ein familiärer Kontext sein. Zum Beispiel eine ostdeutsche Herkunft, auf die auch 30 Jahre nach der Einheit oft despektierlich herabgeblickt wird.

In englischer Variante existiert der Begriff »classism« seit dem späten 19. Jahrhundert und zeigt an, wie alt die Debatte inzwischen ist. 1890 schrieb eine US-amerikanische Gesellschaft für Ingenieurswissenschaften mit Bezug auf Dritte-Klasse-Abteile in Personenzügen: »Der Klassismus macht uns alle unmanns, macht uns egoistisch und grob.« Diese Abteile hießen in den USA auch »workmen’s trains«. Hierzulande gab es jenseits der »Holzklasse«, in der Kissen dazugebucht werden mussten, noch eine 4. Klasse von Abteilen: ganz ohne Sitzgelegenheit.

Auch die methodistisch-episkopale Kirche machte sich 1896 Gedanken darüber, wie Spezialisierung und Technik in der Bildung Klassismus beförderten und wie sich dieser zu Sozialismus, Materialismus und Kapitalismus, zu sozialer Geordnetheit, zu Ungleichheit und sittlicher Empfindsamkeit verhalte. Mit weiteren Beispielen ließe sich die Existenz eines Begriffes vom Klassismus kontinuierlich nachweisen. Politische Breitenwirkung erhielt er, der es bis heute nicht in den Duden geschafft hat und von Textverarbeitungsprogrammen meist als typografischer »Fehler« identifiziert wird, in der Frauenrechtsbewegung der USA während der 1970er Jahre.

Die Erkenntnis des Betroffenseins von Klassismus erfordert eine Sichtbarmachung. Bisher gelang dies meist, indem Parallelen zwischen Rassismus, Sexismus und Klassismus gezogen wurden, da in allen drei Unterdrückungssystemen eine ähnliche Vorgehensweise verfolgt wird. Auf Basis eines Merkmals (Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft etc.) wird die bezeichnete Person darauf reduziert und diskreditiert. Die Gemeinsamkeiten oppressiver Ismen überwiegen dabei die Unterschiede.

Wie selten diese Diskriminierungsformen voneinander zu trennen sind, zeigt das Schicksal von Black Persons of Color (BPoC) aus der Working Class innerhalb der Frauenrechtsbewegung, wobei auch die Sozialwissenschaftlerin Bettina Roß, im Anschluss an Kimberlé Crenshaw, feststellte, dass sich die drei Ismen im Zweifelsfall gegenseitig nicht nur bedingen, sondern sogar verstärken können. Alle drei Termini müssen dabei im Rahmen einer Kritik am Kapitalismus verstanden werden, worin das Kausalverhältnis zu suchen ist.

Anders als bei Rassismus und Sexismus liegen für das Klassismus-Theorem allerdings noch keine allgemeinen Definitionen vor, Studien sind sogar deutlich seltener vorhanden. Insofern lässt sich der Klassismus auf der Ebene der politischen Unterdrückung durchaus als »klassischer Ismus« (»nd«, 19.09.2020) bezeichnen, hinsichtlich des Umgangs mit seiner Existenz besteht jedoch erheblicher Nachholbedarf. Es ist erfreulich, dass derzeit mehrere diesbezügliche Studien erschienen sind oder noch erscheinen werden, wie demnächst der Sammelband »Solidarisch gegen Klassismus« von Francis Seeck und Brigitte Theißl. Bisher wurde vermehrt auf den Klassismus in der Wissenschaft eingegangen, wie im Sammelband »Vom Arbeiterkind zur Professur« von Christina Möller und ihren Kolleginnen wie Kollegen. Dass Klassismus darüber hinaus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, ist nicht von der Hand zu weisen und wurde schon 2009 von Andreas Kemper und Heike Weinbach in deren »Einführung« in den Klassismus festgestellt.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes will die Diskriminierung aufgrund der »sozialen Herkunft« deshalb 2021 in das Gleichbehandlungsgesetz integrieren. Das hätte zur Folge, dass klassistische Handlungen oder Äußerungen bald potenzielle Straftaten sein könnten, wenn analog zum Rassismus und Sexismus verfahren wird - in Ländern wie Belgien, Finnland, aber auch Großbritannien ist das schon so. Erwartbar wird es in vielen Fällen aufgrund der üblichen »Grauzonen« nur schleppend zu Konsequenzen kommen. Deshalb ist es notwendig, die Gesellschaft weiter dafür zu sensibilisieren, dass es Klassismus gibt, wie er sich darstellt und wie man ihm entgegentritt.

Wenn in der orthodoxen Linken künftig weiter darauf gepocht wird, dass praktischer wie auch theoretischer Anti-Klassismus bloß vom »Klassenkampf« ablenke, wird dadurch womöglich die Erosion durch Separation erheblich stärker vorangetrieben als durch die Akzeptanz neuer Termini der Politikwissenschaft - auch wenn sie aus den USA stammen. Gegenüber einer europatypischen, hochtheoretisierten Wissenschaftssprache Pierre Bourdieus oder Michael Vesters hat der Klassismus-Begriff internationale Anschlussfähigkeit und kann durch eine einzige Bezeichnung ein Theorem erklären, das vielen bereits bekannt ist, für das sich jedoch noch kein Name etabliert hat. Durch eine verständliche Sprache Partizipationsmöglichkeit zu schaffen, ist bereits Bestandteil anti-klassistischer Praxis. Das beinhaltet auch, Begriffe wie »Klasse« nicht einfach durch »Milieu« zu ersetzen, weil damit schlicht nicht dasselbe gemeint ist.

Bei der Aufarbeitung individueller Erlebnisse in autobiografischen Texten ist darauf zu achten, dass die vermeintliche Einseitigkeit der subjektiven Erfahrung nicht die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung überschattet. Doch eröffnen solche »Egodokumente« die Chance, allgemeine Tendenzen dingfest und benennbar zu machen. In den bisher erschienen Bänden zu »Klassismus und Wissenschaft« ist erkennbar, dass viele zunächst außergewöhnlich anmutende »Einzelfälle« Abbild eines Phänomens sind, das sich von der politischen Ökonomie herleitet und systematisiert werden kann. Im Sinne eines aktiven Anti-Klassismus können derartige Zeugnisse dazu dienen, Bewältigungsstrategien in Handlungsempfehlungen umzuwandeln, die einen Ausstieg aus dem Leben in der Holzklasse ermöglichen.

Das setzt voraus, dass der Begriff Klassismus sich durchsetzt: Seine politische Anerkennung ist auf gutem Weg, sprachpolitisch gibt es Handlungsbedarf. Doch am eklatantesten sind die Missstände hinsichtlich der allgemeinen Kenntnis des Theorems selbst. Kritikern lässt sich entgegenhalten, dass die Gegenüberstellung von Identitätspolitik und Klassenkampf, also von partikularen und universellen Interessen, einen Gegensatz konstruiert, der nicht existiert. Die Kunst bestünde darin, vermeintliche Partikularinteressen zu analysieren und durch Systematisierung gesellschaftsfähig zu machen.

Wenngleich der Terminus Klassismus international bereits über 130 Jahre alt ist, so erfuhr er in Deutschland erst in den 1990er Jahren eine gewisse Konjunktur und verzeichnet seit 2014 erneut einen ansteigenden Trend. Ziel der anti-klassistischen Arbeit muss es sein, diese Entwicklung nicht wie in den 1970er (USA) und 1990er Jahren (Deutschland) erneut abebben zu lassen, sondern dem Thema endlich die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Intersektionalitätstheorie, in der davon ausgegangen wird, dass diverse Ismen sich oft überlagern, wobei Klassismus neben Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Ableismus und anderen Unterdrückungsformen bisher die wenigste Aufmerksamkeit erhielt, obwohl so viele Menschen davon betroffen sind.

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