DDR-Spitzensport

Ende einer Weltmacht

Wie vor 30 Jahren der DDR-Spitzensport gesamtdeutsch zurechtgemacht wurde.

Von Andreas Müller

Im Rückblick auf das Jahr 1990 schüttelt Sven Baumgarten mehrfach den Kopf. Unfassbar erscheint dem 60-jährigen Thüringer im Rückblich das Arbeitspensum, das er als Chef des Referats Leistungssport im Ministerium für Jugend und Sport der letzten DDR-Regierung damals zu bewältigen hatte. Und fassungslos blickt er auf die verpassten Chancen, aus den Spitzensportsystemen von Ost und West ein erfolgreiches Ganzes zu konstruieren. Am 21. September stimmte der Bundesrat dem deutsch-deutschen Einigungsvertrag zu und machte den Weg zum »Tag der deutschen Einheit« am 3. Oktober endgültig frei. Die Uhr für den DDR-Spitzensport lief ab. Die Tage einer sportlichen Weltmacht waren gezählt.

»Es gab keine Zeit, in Ruhe die Stärken und Schwächen des jeweiligen Sportsystems zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen«, erinnert sich Sven Baumgarten. Der Absolvent der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig, parteilos, politisch unbelastet, fachlich bestens ausgebildet und eben noch als junger DHfK-Wissenschaftler vor seinem »Robotron«-Rechner sitzend, wurde in den Wendewirren im Frühjahr 1990 praktisch über Nacht nach ganz oben gespült. Als rechte Hand von CDU- Sportministerin Cordula Schubert erlebte der Arnstädter das Ende des ostdeutschen Leistungssports wie kein Zweiter.

Von sportlicher Überlegenheit keine Spur mehr

In der Hauptsache sei es vor 30 Jahren darum gegangen, »die Leute im DDR-Sport möglichst detailliert auf den bevorstehenden Prozess der Vereinigung vorzubereiten«, berichtet Baumgarten. Er selbst und seine Mistreiter seien zwischen April und September pausenlos in Bonn, Frankfurt am Main und anderen westdeutschen Großstädten unterwegs gewesen. Man habe eine Unmenge von Gesprächen mit den Machern des bundesdeutschen Sports geführt - und parallel dazu mit dem Personal der Sportverbände und Sportklubs zwischen Suhl und Rostock. Schließlich galt es, die Leute im DDR-Spitzensport auf drastische Veränderungen einzustimmen. Athleten, Trainer und Funktionäre mussten darauf vorbereitet werden, dass für sie schon bald die Gepflogenheiten, Regeln und Hoheitsrechte des bundesdeutschen Sportsystems gelten würden, dessen Akteure sie als »Diplomaten im Trainingsanzug« bei großen internationalen Wettkämpfen in den olympischen Sportarten regelmäßig besiegt hatten.

Immer wieder und immer dringender hatte Baumgarten den Trainern im Osten empfohlen, schnellstmöglich die im bundesdeutschen Sport übliche A-Lizenz einzuführen. Nur so könne eine Vergleichbarkeit und damit auch Chancengleichheit hergestellt werden. Die Trainer, die vier Jahre studiert und ein DHfK-Diplom in der Tasche hatten, lachten ihn aus: Wie bitte, sie sollten sich um eine Lizenz bemühen? Das sollte wohl ein Scherz sein. Es war alles andere als das, wie sich schnell herausstellte: Das renommierte Leipziger Diplom war nicht einmal die A-Lizenz wert, sondern gerade mal eine zweitklassige B-Lizenz. Ein Umtauschkurs, der eine schwere Demütigung darstellte.

Im Wendejahr geschätzt zwei Milliarden Ostmark im Sport

Etwa 6500 Sportlerinnen und Sportler umfasste das DDR-Fördersystem 1989. Die Athletinnen und Athleten waren ähnlich dem bundesdeutschen System in verschiedene Kaderkategorien eingruppiert. 4000 Trainerinnen und Trainer standen im Dienst des ostdeutschen Leistungssports, dessen tragende Säulen insgesamt 27 Sportklubs darstellten. Inklusive der 400 Trainingszentren (TZ) an der Basis und des Breitensports habe das komplette Sportsystem der DDR zuletzt vermutlich etwa zwei Milliarden Ostmark gekostet, wie Bernd Hermann von der Arbeitsgemeinschaft Ökonomie der DHfK in einem Interview Ende 1989 ausführte. Bei einem Staatshaushalt von insgesamt rund 270 Milliarden Mark habe das Sportbudget mithin unter einem Prozent gelegen, so die Hochrechnung für einen Bereich, den immer auch der Mythos des Geheimnisvollen umgab. Allein die Zentrale des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) in Berlin war in 26 Fachabteilungen aufgefächert. Nach offizieller Darstellung soll angeblich nur ein Viertel des Gesamtbudgets in den Spitzensport geflossen sein, drei Viertel hingegen dem sogenannten Volkssport vorbehalten gewesen sein - für Sporthistoriker eine schöne Herausforderung, nachträglich Licht in dieses DDR-Dunkel zu bringen.

Als gesicherte Erkenntnis gilt laut Sven Baumgarten, dass aus dem ostdeutschen Leistungssport »nur Wenige und Weniges« übernommen wurde. Anfangs sollten nur 100 Trainer Arbeitsverträge im Westen erhalten, so das Ansinnen des Deutschen Sportbundes (DSB). Eine Offerte, die in zähen Verhandlungen nachgebessert wurde. Man einigte sich auf eine Zahl von 500 BMI-finanzierten Trainerinnen und Trainern, angesichts der Zahl von bis dahin »nur« 125 Bundestrainerinnen und -trainern eine ansehnliche Zahl. Sie sollten in Abstimmung mit den Sportklubs und Fachverbänden ausgewählt werden. Für das Heer der 3500 restlichen Trainer wurde vereinbart, sie über so genannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) aufzufangen. Eine Sonderregelung mit einer Laufzeit von zwei Jahren wurde ausnahmsweise auf den Leistungssport erweitert. »Auch dank juristischer Unterstützung von Experten, die sich bereits um die Kohlekumpel im Ruhrgebiet verdient gemacht hatten«, sagt Baumgarten.

Nur 1500 Kaderathleten von vormals 6500 blieben übrig

Heftig gerungen wurde auch um das Schicksal der 27 ostdeutschen Sportklubs. Diese wurden nicht, wie zunächst bundesdeutsch gewollt, in zwei Olympiastützpunkte, je einen für Sommer- bzw. Wintersportarten, eingeschmolzen. Aus ihnen wurde ein System mit flächendeckend acht Olympiastützpunkten samt Nebenstellen in den neuen Bundesländern gestrickt. »Wären die ursprünglichen Vorstellungen umgesetzt worden, hätte das sicher zu einem schlagartigen Ausbluten zahlreicher Spitzensportstandorte geführt. Dann wäre noch viel weniger an Leistungssportpotenzial übriggeblieben. Aber auch so war der Aderlass in vielen Sportarten enorm«, resümiert Baumgarten, der nach dem Ende des Schubert-Ministeriums von der Sportabteilung des Bundesministeriums des Innern (BMI) übernommen wurde, danach zur Stiftung Deutsche Sporthilfe wechselte und nach einem Intermezzo beim Olympiastützpunkt Hessen seit 2013 beim Deutschen Olympischen Sportbund das Ressort »Duale Karriere« verantwortet.

Das Wort vom Aderlass galt natürlich auch für die ostdeutschen Athletinnen und Athleten. Die besten 1500 von ihnen mutierten mit dem Stichtag 1. Januar 1991 zu Bundeskadern. Was im Umkehrschluss hieß: Rund 5000 Kaderathletinnen und -athleten, vor allem aus dem Bereich der bereits geförderten Nachwuchs- und so genannten Anschlusskader, wurden nicht mehr unterstützt. Sie blieben auf der Strecke und gingen dem gesamtdeutschen Leistungssportsystem gleich zu Beginn verloren. Für jene 1500 aus den neuen Ländern, die es über die Hürde schafften und die nach dem Prinzip der Gleichstellung etwa der Gesamtzahl der Bundeskader in den alten Ländern entsprachen, wurden dank einer bis dahin einmaligen Bundesförderung zugunsten der Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) bis 1994 rund 36 Millionen D-Mark an Sondermitteln bereitgestellt. In dieser Sache gab es zuvor persönliche Gespräche von Sporthilfe-Chef Josef Neckermann und NOK-Präsident Willi Daume mit Helmut Kohl und der Bitte um »grünes Licht« aus dem Kanzleramt.

Die Besten der »Neu-Bundeskader« glänzten 1992 bei den Sommerspielen in Barcelona mit Edelmetall für das gesamtdeutsche Team. Wie die Schwimmerinnen Dagmar Hase und Franziska van Almsick oder der Turner Andreas Wecker, wie Schütze Ralf Schumann und Wasserspringerin Britta Baldus, wie die Leichtathletikasse Heike Drechsler und Jürgen Schult oder wie Petra Roßner und Jens Fiedler auf dem FES-Hightech-Rad. Allesamt im DDR-Sport groß geworden, steuerten sie nun im Zeichen des Bundesadlers ihren Teil zu insgesamt 82 deutschen Medaillen und Platz drei in der Nationenwertung bei. Ein Ergebnis, das gern in die Formel mündete: Sporteinheit geglückt!

»Die DHfK aufzugeben, das war ein unverzeihlicher Fehler«

Eine unzulässige Verallgemeinerung, wie Zeitzeuge Sven Baumgarten befindet. Die schmerzlichste Erinnerung für ihn ist mit dem Schicksal jener Hochschule verknüpft, an der er selbst studierte und anschließend über ein Thema zum Nachwuchsleistungssport promovierte. Die im Oktober 1950 begründete DHfK sei einer der Dreh- und Angelpunkte für den DDR-Sport gewesen, weiß der ausgebildete Schwimmtrainer und ehemalige Spitzensportler im Flossenschwimmen und Orientierungstauchen. Hier erhielten nicht nur Trainer in sämtlichen noch so kleinen und vermeintlich unbedeutenden Sportarten ein gültiges Diplom und Berufsabschlüsse. Hier wurden Spezialisten ausgebildet, wie man sie heute im Sport »mit der Lupe suchen« müsse. Parallel dazu - »was heute kaum einer weiß« - wurden in Leipzig ebenfalls die Funktionäre für den DDR-Sport herangebildet, um von der kommunalen Ebene über die Bezirke bis hin zur Spitze in einem straff organisierten System »mit einer Sprache zu sprechen«. Und es wurden Kommilitonen aus aller Herren Länder ausgebildet, die später in ihrer Heimat oder im internationalen Sport die Karriereleiter erklommen. »Es gab Zeiten, da hatte fast ein Drittel der Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees die Ausbildung an der DHfK absolviert.«

Weder das BMI hatte sich für die Hochschule stark gemacht, noch habe die sächsische Landesregierung Interesse signalisiert. »Keiner wollte diese Einrichtung fortführen, am Ende war es eine rein politische Entscheidung. Die DHfK aufzugeben war ein unverzeihlicher Fehler.« Mit fachlichen, sachlichen Folgen bis in die Gegenwart. Das Trainerthema sei aktuell im bundesdeutschen Sport »eine Riesenbaustelle«. Schon deshalb bleibe dieses Kapitel ein trauriges. Geschrieben, als Ironie der jüngeren Sportgeschichte, in jener Stadt Leipzig, in der die friedliche Revolution 1989 ihren Anfang nahm.

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