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Ostdeutschland

Zu wenige Frauen

In vielen ostdeutschen Regionen leben deutlich mehr Männer - das beeinflusst auch ihr Wahlverhalten.

Von Julia Trippo

Im Osten leben mehr Männer als Frauen. Seit der Wende sind viele Frauen, vor allem aus ländlichen Regionen, in den Westen abgewandert. Katja Salomo, Gastforscherin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, hat sich mit der Frage befasst, wie Sozialstruktur und politische Kultur zusammenhängen. Als Beispiel wählte sie Thüringen. Und kommt zu dem Schluss, dass eine Verbindung bestehen könnte zwischen den Auswirkungen von Abwanderung und Alterung in den neuen Bundesländern und dem Erfolg rechtspopulistischer Parteien. Denn in thüringischen Landkreisen, in denen Alterung und Männeranteil der Bevölkerung besonders hoch ist, lägen auch fremdenfeindliche und chauvinistische Einstellungen weit über dem Durchschnitt. Die Abwanderung vieler Menschen nach der Wende wirkte sich laut Studie destabilisierend auf das soziale Geflecht aus.

Nach 1992 waren fast zwei Drittel aller Menschen, die Ostdeutschland verließen, weiblich, ermittelte eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung 2007: Frauen waren höher gebildet und fanden so leichter einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Die Zurückgebliebenen mussten um die wenigen Jobs konkurrieren, die nach der Abwanderung auch von Firmen im Osten noch blieben.

2004 kamen in der Altersgruppe der 22- bis 32-Jährigen schließlich auf 100 Männer in den Ost-Bundesländern weniger als 90 Frauen. Ein Zustand, der sich auch auf die Familiengründung auswirkte: Männer fanden schwieriger eine Partnerin. Das könnte die Wahrnehmung des Zurückgelassenseins verstärkt haben, so eine Überlegung der WZB-Studie.

Der Beitrag, den Frauen häufig für die Gemeinschaft leisten, sei nicht einfach zu ersetzen, meint Salomo. Deshalb leide der soziale Zusammenhalt. Leerstehende Wohnungen oder der zunehmende Verfall von Häusern würden die verbliebenen Einwohner*innen täglich an die hohe Abwanderung erinnern. Dass oft auch Bahnhof, Post und Schwimmbad schließen mussten, tat sein Übriges. Kein Wunder, dass sich ein Gefühl von Benachteiligung, von Abgehängtsein breitmachte.

Das hatte laut Salomos Studie Konsequenzen für die politische Kultur: Rassistische, demokratieskeptische und nationalchauvinistische Einstellungen seien stärker unter jenen Menschen in Thüringen zu finden, die sich selbst auch als benachteiligt oder abgehängt bezeichneten. Was folgt, ist eine Abwärtsspirale: Die dagebliebenen Menschen sehen sich von der Gesellschaft ungerecht behandelt. Um diese innere Spannung abzubauen, wird die eigene Identität aufgewertet, indem »andere« soziale Gruppen abgewertet werden.

Demografisch ist der Freistaat vor allem alt und männlich. Wäre Thüringen ein Nationalstaat, hätten nur neun Länder auf der Welt in der Gruppe der 15- bis 49-Jährigen einen stärkeren Überhang an Männern. Und im Vergleich zu 200 anderen Ländern weltweit hätte nur Japan einen höheren Altenquotienten.

Bislang wurden fremdenfeindliche, intolerante Anschauungen oft mit der wirtschaftlichen Situation und Arbeitslosenquote in Ostdeutschland erklärt. Durch Salomos Studie konnten auch Rückschlüsse gezogen werden, dass die Faktoren Frauenschwund und Alterung Einfluss auf das Wahlverhalten einiger Menschen haben kann. Diese demografische Entwicklung sei eine »verkannte Gefahr für eine offene Gesellschaft«, meint Salomo.

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