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Verschwunden und wieder ausgegraben: Das Lenin-Denkmal von Nicolai Tomski 2015 auf dem Weg zur Zitadelle Spandau
DDR

Am anderen Ende des Regenbogens

Über das Verschwinden der DDR aus den Diskursen.

Von Kathrin Gerlof

Vor dreißig Jahren, will man es exakt bestimmen, am 3. Oktober 1990, hätten 16,43 Millionen Menschen aufwachen und sagen können: »Toto, ich glaube, wir sind nicht mehr in Kansas.« Die hübsche Dorothy und ihr Hündchen hatte ein Wirbelsturm aus ihrer kleinen beschaulichen Welt in ein Märchenland und zum Zauberer von Oz getragen. Die Menschen in der DDR hatten für sich selbst entschieden, dass sie am anderen Ende des Regenbogens leben möchten. Ihr Zauberer hieß Helmut Kohl, konnte gar nicht zaubern, war aber groß genug, den Eindruck zu erwecken, es läge in seiner Macht. Die zu der Zeit etwas anderes wollten, waren überstimmt und überrollt worden. Sowohl jene, die gewollt haben, dass alles bleibt, wie es war, als auch die, denen die Vorstellung einer neuen, offenen, klugen, reformierten DDR im Kopf spukte.

Tatsächlich könnte man in einem Film, der sich jene Nacht des endgültigen Übergangs, oder besser der Auflösung, zum Thema macht, um null Uhr Ortszeit von schwarz-weiß auf Farbe wechseln. Aber die Farben müssten etwas grell sein, ein bisschen in den Augen wehtun, denn sie malten ja erst einmal nur Träume und Vorstellungen nach, die sich Menschen von dieser neuen Welt gemacht hatten. Sagen wir, grell sein und glitzern müsste jener zweite Teil des Films. Wie die Auslage eines Kaufhauses drei Wochen vor Weihnachten oder der Katalog eines Reiseanbieters für Cluburlaube mit ganztägiger Bespaßung und »geben Sie Ihren Verstand bitte am Eingang ab, Sie bekommen stattdessen ein All-inclusive-Bändchen um den linken Arm«.

Am Morgen des 3. Oktober 1990 gab es die DDR noch in 16,43 Millionen Köpfen minus der Zahl jener, die gerade erst geboren waren oder laufen gelernt hatten. Und es war nun deren Job, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie das Leben, das sie bislang geführt hatten, in ein Kästchen packen und den Schlüssel wegwerfen, oder ob sie versuchen, mit diesem Leben, das zugleich ein schwerer Rucksack war, in der neuen Welt klarzukommen. Die ungelöste Frage schien zu sein, ob der Rucksack ein einziger Ballast werden würde oder nützliche Dinge beherbergte. Ob er Wegzehrung enthielt oder nur die restlichen Inhalte einer Schrottimmobilie. Nicht mehr zum Gebrauch geeignet. Denn eins war klar: Die 16,43 Millionen Menschen würden nicht, wie Dorothy im »Zauberer von Oz«, zu Nationalheldinnen und -helden erklärt, weil sie die böse Hexe des Ostens erschlagen hatten und magische rote Schuhe trugen. Ihr kleines Armenhaus, das der Wirbelsturm Richtung Westen geweht hatte, geriet unter den Hammer und erst auf dessen Trümmern sollten die blühenden Landschaften wachsen. So war es versprochen. Das Wissen und die Lebenserfahrungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte verschaffte keinen Vorteil. Stattdessen war es zuerst einmal Ballast.

Der Sozialwissenschaftler Steffen Mau beschreibt jenen Zustand, in den die Menschen der Nicht-Mehr-DDR am Anfang - oder sollten wir sagen Ende? - gerieten, als Duldungsstarre. Mit der Folge, dass eine »frakturierte Gesellschaft« unausgeheilter Brüche entstand. So viel DDR, wie nach deren Ende, war vorher möglicherweise nie gewesen. Im Osten. Im Westen, wo zu Beginn die Befürchtung bestand, man könne sich an dem Brocken ökonomisch und mental verschlucken, verdaute sich dann doch recht schnell, was sich so frei und willig und weil es keinen anderen Ausweg mehr zu geben schien, als Sättigungsbeilage angeboten hatte. Die DDR hatte sich auf eine irreparable Weise verspielt. Sie war verdorben gestorben. So verdorben, dass es schwer schien, ihr Bewahrens- und Erinnerungswertes abzuringen.

Erst im vergangenen Jahr - 30 Jahre nach der Wendefriedlichenrevolution - ist es ein wenig gelungen, darüber hinauszukommen, dass die Reste des Vergangenen sich höchstens materialisieren in drei Nazis, die auf einem Hügel stehen, und niemanden zum Verprügeln finden (Reinald Grebe). Aber das vergangene Jahr hat auch gezeigt, dass trotz aller klugen Texte in intelligenten Feuilletons, trotz vieler schöner Bücher, die mit notwendiger Distanz und ausreichend Empathie über das Vergangene reflektierten, trotz manch später, aber guter politischer Einsicht, dass es nicht richtig ist, eine vierzigjährige Geschichte auf Begriffe wie Stasi, Obrigkeitsdenken, Diktatur, Unrechtsstaat, Neonazi und Demokratiedefizit zu reduzieren, ein Phänomen zu beobachten ist, das in der digitalen Welt mit dem Begriff »Bit Rot« beschrieben wird. Dateien können sich, sagt dieser Begriff, plötzlich und schnell auflösen. Gegen die Silent data corruption - schleichende Datenkorruption - scheint es kein Mittel zu geben. Die Gesellschaft, wie sie gegenwärtig verfasst ist, bietet keinen Schutz gegen Informationsverlust. Im Gegensatz zur digitalen Welt allerdings auch deshalb, weil an den Informationen nur geringes oder gar kein Interesse besteht.

Bit Rot heißt: Informationen gehen unwiederbringlich verloren. Kaum zu glauben, möchte man meinen, in einer Zeit, da die Informationsbeschaffung und -verknüpfung geradezu zum Heiligen Gral erklärt wird - was aber eine vorrangig ökonomische Angelegenheit ist. Ließe sich heute aus den Informationen, die in vierzig Jahren DDR zusammenkamen, ein ordentlicher Profit schlagen, sähe die Sache anders aus.

Die DDR verschwindet also. Bits werden hinweggerafft oder führen in vermeintlich abgeschlossenen Subgegenden östlich der Elbe ein Schattendasein, das sich auszeichnet durch Beharrungsvermögen und Duldungsstarre, weniger durch Widerstand und einer sich aus der Distanz nährenden Neugier auf das, was war und auf die Spuren, die es bis heute hinterlässt.

Es wäre auch - und in dieser Anerkenntnis liegt keine Arroganz - sehr mühevoll gewesen, sich aufeinander zu, statt übereinander hinweg zu bewegen. Dafür hätte es sozusagen einer intrinsischen Motivation bedurft, die es auf beiden Seiten so nicht gab. Im Osten, der mal DDR war, nicht, weil die Notwendigkeit, sich nun wie ein Neugeborenes alles in möglichst kurzer Zeit anzueignen und anzulernen, übermächtig war. Die Lust am Ganzen konnte sich nur wenig entfalten, obwohl es doch so viel gab, was sich zu begehren lohnte. Im Westen nicht, weil sich herausstellte, dass das alte Leben doch weitergehen konnte, fast wie bisher, und das Dazugekommene sich im Zweifelsfall höchstens in einem ärgerlichen Zusatzpunkt auf dem Lohnzettel namens Solidaritätszuschlag manifestierte.

Beste Voraussetzungen also, dass die DDR langsam - dass es nicht allzu sehr wehtut - verschwindet.

Nun ließe sich sagen, dass es vieles gibt, was dem zuwider arbeitet. Eine gewisse Form von Erinnerungskultur, die allerdings nicht hoheitlich in den Händen jener Menschen liegt, die in der DDR gelebt haben. Eine Unterlagenbehörde, die jene noch immer notwendige Arbeit leistet, die es zu tun gibt, wenn eine Obrigkeit sich vierzig Jahre lang bemüht hat, seine Bürgerinnen und Bürger zu beobachten, vermessen, verängstigen und drangsalieren. Ein jährlicher Feiertag, der in meist lustloser Weise daran erinnert, dass am 3. Oktober 1990 zusammenkam, was vorher getrennt war. Als besuchte man einen Friedhof. Stetig wiederkehrende Fragestellungen und Erklärungsversuche, wenn es um ostdeutsche Demokratiedefizite, ostdeutsches Wahlverhalten, ostdeutsche Nationalismen und die verletzte ostdeutsche Seele geht. Alles zusammengenommen ließe sich mutig postulieren, dass die DDR nicht verschwindet. Lässt man außer Acht, dass alles zusammengenommen auch bedeuten kann, über eine ausreichend große Palette an Anstandsformeln und Beschwichtigungsinstrumenten zu verfügen, um nach der anfänglichen Schocktherapie eine angemessene Trauerbegleitung vorzuhalten.

Dem etwas entgegenzusetzen hieße, der DDR und ihrer vierzigjährigen Existenz eine Bedeutung für die Gegenwart und für die Zukunft zuzuweisen. Eine Bedeutung, die über das eigentliche Ding hinausweist. Dafür aber stehen wir nicht weit genug vom Bild entfernt. Oder haben uns längst abgewendet, weil dort hinten ein viel bunteres und schöneres Bild zu hängen scheint. Die Vogelscheuche wartet noch immer auf mehr Verstand, der Zinnmann auf ein Herz und der Löwe auf Mut.

»Toto, ich glaube, wir sind nicht mehr in Kansas.«

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