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Europa, der Mythos?

Die Mitglieder der Ostkreuz erforschen in einer Foto-Ausstellung in Berlin die europäische Gegenwart

  • Von Corinna von Bodisco
  • Lesedauer: 5 Min.

Eine Ausstellungsführung muss nicht immer am Anfang, sie kann auch mal am Ende beginnen. So führt Ingo Taubhorn, Kurator der Ostkreuz-Jubiläumsausstellung »Kontinent - Auf der Suche nach Europa« in der Akademie der Künste in Berlin, zuerst in den letzten der fünf Räume und stoppt bei Stephanie Steinkopfs Fotografien.

Vier Jahre lang porträtierte die Ostkreuz-Fotografin die Finnin Virpi, die nach einer erfolgreichen Karriere als Unternehmerin einen Burn-out erlebte. Die sensiblen Fotografien zeigen Virpi mal in einen Schal gehüllt vor einem schiefen Regal, mal bei der Gymnastik im Bett. Ihr Körper ist von Überarbeitung und Alkoholismus gezeichnet, ein »normaler« Alltag nicht mehr möglich.

Für den Kurator war bei so einem großen Ausstellungsthema klar, dass die Fotograf*innen nur ein Europa zeigen können, ohne die Orientierung zu verlieren: Eines, das geprägt ist von ihren eigenen persönlichen Erfahrungen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. So zeigt auch die sehr persönliche Geschichte der Finnin in ihrem intimen Rahmen etwas, was sich auf andere Schicksale in Europa übertragen lässt. Steinkopfs Fotografien bilden eine von 22 Serien (Positionen) mit insgesamt 401 Einzelbildern der Ausstellung. Taubhorn hat es sich zur Aufgabe gemacht, zwischen den fotografischen Essays ein Spannungsverhältnis herzustellen, das sich in räumlichen Konfrontationen, Dialogen oder Spiegelungen zeigt.

Die Gemeinschaftsausstellung feiert nicht nur 30 Jahre Ostkreuz, sie steht gleichzeitig in einem noch größeren Rahmen: dem »European Month of Photography« (EMOP). Bis zum 31. Oktober werden bei diesem Festival 114 dezentrale Ausstellungen in Berlin zu sehen sein. Zu den 100 Orten gehören große Häuser wie das C/O Berlin und der Gropius Bau - aber auch viele Kleinodien wie das Haus am Kleistpark oder der Freiraum für Fotografie »fhochdrei« in Kreuzberg. Die »Kontinent«-Ausstellung läuft allerdings länger: bis zum 10. Januar 2021, dann tourt sie weiter nach Erfurt.

Wie kam es zur Ausstellung? »Alles hat damit zu tun, was 2015 passiert ist«, sagt die Ostkreuz-Fotografin Linn Schröder. Sie meint das Jahr, in dem viele Menschen Zuflucht in Europa suchten. Und es ist das Jahr der Jubiläumsausstellung »25 Jahre Ostkreuz« in Paris, in dem das Kollektiv bis zum Morgen des 13. November 2015 am Canal Saint-Martin feierte. Etwas später, am Abend desselben Tages, starben bei den terroristischen Anschlägen in der Stadt 131 Menschen, davon 91 in der Konzerthalle Bataclan.

Annette Hauschild und Maurice Weiss haben die Stimmung in Paris nach den Anschlägen fotografisch festgehalten: Absperrbänder, Menschen in Trauer, ein Pappschild mit der Aufschrift »Nous n’avons pas peur« (Wir haben keine Angst). Ihre Fotos sind im Herzen der Ausstellung in einem Kabinettraum zu finden - zusammen mit der Serie der 2010 verstorbenen Ostkreuz-Gründerin Sibylle Bergemann. Ihre poetischen Fotografien zeigen den Sehnsuchtsort Paris 1979/1982 mit einem Blick »der schönen Traurigkeit«, einer herben Melancholie.

In den Jahren nach den Anschlägen in Paris, Nizza, Brüssel und auf dem Berliner Breitscheidplatz entstanden Gräben in Europa, »zur islamistischen Gewalt kam eine fremdenfeindliche, die nie verschwunden war«, schreibt das Kollektiv. »Uns war klar, dass uns das Thema Europa nicht loslässt«, sagt die Fotografin Linn Schröder. Für die Ostkreuz-Fotograf*innen ist »Kontinent« eine »Liebeserklärung an Europa«. Sie berufen sich dabei auf den lateinischen Begriff »continere«, der für »zusammenhängen« oder »zusammenhalten« steht. Die Ausstellung ist aber auch eine kritische Betrachtung verschiedener gesellschaftlicher oder politischer Phänomene.

»Die Projekte haben damit zu tun, was um uns herum passiert: Kapitalismus, Emanzipation, Magie, Demokratie, Migration, Rechtsruck, Öl, Minderheiten«, so Schröder. »Alles zusammen ist unsere Suche nach Europa.« Alle zusammen, das sind 23 Mitglieder, darunter die Mitgründer*innen Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald und Sibylle Bergemann. Das Kollektiv entstand 1990 nach dem Fall der Mauer, aber vor der deutschen Wiedervereinigung. Die jüngsten Mitglieder Johanna-Maria Fritz und Sebastian Wells wurden nach dem Mauerfall geboren.

Auffallend bei allen Arbeiten ist die Tiefe der Recherchen. Die Fotograf*innen haben sich seit 2015 größtenteils über mehrere Jahre mit ihren Projekten beschäftigt. So fuhr Sibylle Fendt drei Jahre regelmäßig immer wieder in eine abgelegene Unterkunft in den Schwarzwald (»Holzbachtal«). Ihre Porträts zeigen männliche Geflüchtete im Zigarettendunst mit zusammengezogenen Stirnfalten oder traurig am Fenster. Die Fotos erzählen von einem eintönigen Alltag, vor allem aber von einer großen Hoffnungslosigkeit. An der gegenüberliegenden Wand wird die Erzählung gespiegelt - mit Fotos vom stillen Schwarzwald. »Die Männer warten auf eine bessere Zukunft, bekommen aber nicht die Möglichkeit, etwas zu machen«, erklärt Taubhorn. Europa, der Mythos?

Beim Gang durch die hinteren Räume Richtung Anfang der Ausstellung läuft die Besucher*in auf eine große, sepiafarbene Fotografie von Annette Hauschild zu. Sie zeigt schemenhaft eine Gruppe wandernder Menschen im Sonnenlicht. Das Bild gehört zur Serie »Die Helfer«, die politische Aktivist*innen und Ehrenamtliche zeigt - bei der Seenotrettung, bei der Kinderbetreuung in Lagern. Doch das große Bild fällt raus, es hat nicht die Sachlichkeit der Helfer*innen. »Man fühlt sich ästhetisch angezogen, gleichzeitig ist es von seinem Inhalt geprägt, der die Romantik sprengt«, erklärt Taubhorn. Der Inhalt: »Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich, Fluchtroute über die Alpen Richtung Westen, 2018« - die Ränder Europas.

»Kontinent« ist so vielfältig wie seine Fotograf*innen. Die Bilder erzählen historische, politische und persönliche Geschichten, zeigen »Ströme«, die ins Meer fließen oder die mit Signalfarben markierten, geschlossenen Grenzen Deutschlands während der Pandemie. Die Ausstellung ist das spielerisch kuratierte Smartphone-Reisetagebuch von Harald Hauswald, händisch mit Pfeilen und Orten beschriftet und mit selbst gemachten Kühlschrankmagneten versehen. Es sind die riesigen Fahnen von Jörg Brüggemann, die Gesichter demonstrierender Europäer*innen zeigen und bei denen sich die Betrachter*in fragen kann: Sind das jetzt Nazis oder Menschen, die für den Frieden kämpfen?

Die Führung von Taubhorn endet diesmal mit dem Anfang: einer Konfrontation der hektischen, anonymen Geschäftigkeit in London (Dawin Meckel) mit einem Kaleidoskop des sozialen Abstiegs der Menschen in Jaywick (Tobias Kruse). Der Badeort wurde 2015 als ärmster Ort Großbritanniens gelistet. »Kontinent« beginnt mit einer Kluft zwischen Arm und Reich.

»KONTINENT - Auf der Suche nach Europa«, bis 10. Januar 2021, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin.

Über ihre Arbeiten sprechen alle Fotograf*innen auch digital - in einem eigens für die Ausstellung produzierten Podcast. Meht Infos unter:

www.adk.de/

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