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Fußball, ganz unten

Sonntagsschuss

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Schalke 04: Fußball, ganz unten

Als Sportjournalist, zumal als selbstständiger, ist man unkonventionelle Arbeitszeiten gewohnt. Während man Arzttermine ohne mit der Wimper zu zucken auf dienstags um 11 Uhr legen kann, sind Samstag und Sonntag Phasen von erhöhtem Blutdruck und glühenden Displays. Zumal dann, wenn Berufs- und Privatleben so schlecht zu trennen sind wie bei Menschen, die sich der Fußlümmelei verschrieben haben.

Kaum sind nach Abfahrt des Zuges, der einen vom Spiel- zum Wohnort bringt, die ersten Zeilen getippt, geht es los. Die erste dienstliche Nachricht: »80 Z, +Sch.,11h?« ist kein W-Lan-Code aus einem entlegenen Hotel, sondern die Frage, ob man bis um 11 Uhr am Folgetag 80 Zeilen Text mit Aufstellung (»Schema«) schicken könne. So etwas ist schnell zu beantworten.

Deutlich schwieriger ist es hingegen, angemessen einfühlsam zu reagieren, wenn einerseits die Arbeit ruft, man aber gleichzeitig Nachrichten von Freunden aufs Handy bekommt, die irgendwann in einer unglücklichen Phase der frühkindlichen Evolution ihr Herz an den falschen Verein verschenkt haben. Anstatt sich 40 Jahre später mit etwas Hochprozentigem in einer Kemenate einzuschließen, eine Kerze zu entfachen und mal grundsätzlich über das Leben nachzudenken, gehen die Herren noch heute Woche für Woche zu ihren Lieblingsklubs. Nur um mich danach pathetisch über deren neueste Schandtaten zu informieren. Ich habe das Pech, dass einer dieser Kumpels allen Ernstes Fan des 1. FC Kaiserslautern ist.

Man muss in Städten wie Kaiserslautern, Mönchengladbach oder Gelsenkirchen nur mal getankt oder ein Brötchen gekauft haben und merkt sofort, welche Rolle der örtliche Fußballverein spielt. Nehmen wir Kaiserslautern, eine Stadt, um die Touristen aus nachvollziehbaren Gründen einen Umweg machen. Fußballfans hingegen wissen, dass sich dort legendäre Tage verbringen lassen. Das liegt nicht an irgendwelchen Museen oder Denkmälern. Kaiserslautern ist nicht Weimar. Schiller und Goethe heißen hier Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel, Werner Liebrich und Werner Kohlmeyer, die fünf Spieler der 1954er-Weltmeister-Elf, die allesamt aus K-Town stammten. Von 1962 an spielte der FCK gefühlt fast jedes Jahr im Europapokal. Weshalb auch Ronnie Hellström, Andreas Brehme oder Hans-Peter Briegel ein wenig Schiller und Goethe sind.

Der FCK hat vier Deutsche Meisterschaften gesammelt, die letzte 1998. Danach wurde es jedes Jahr finsterer. Irgendwann ging es in die Zweite Liga: gegen Greuther Fürth oder Energie Cottbus. In die dritte gegen Unterhaching oder den VfR Aalen, die 32 Gästefans mitbrachten. Heuer sind Pokalspiele gegen Jahn Regensburg ein Lauterer Saisonhighlight, im Ligaalltag geht’s gegen den SV Meppen und Türkgücü München. Muss ich erwähnen, dass alle erwähnten Spiele verloren wurden?

Erwähnt hat es natürlich mein Kumpel. Mit Tausenden Flüchen und dem Schlimmsten an Totenköpfen, explodierenden Gegenständen und Fäusten, das die Emoji-Auswahl so zu bieten hat. Nach dem 0:3 gegen Türkgücü kamen nur noch zwei Sätze: »Das ist kaum zu ertragen. Das meine ich wirklich!«

Dabei gehören längere Phasen der Enttäuschung zur kollektiven Identität einer jeden Fanszene. Dynamo Dresdens Anhänger reden noch heute gern von den beiden Spielzeiten in der Viertklassigkeit, als es gegen den SV Braunsbedra und Wacker Gotha ging. Fans von Fortuna Düsseldorf schwärmen von den Auswärtsfahrten ins Aachener Umland, als 3900 Gästefans mit 100 Heim-Omas gemeinsam singend dem Schnaps zusprachen.

Nur dass sich sowohl Dynamo als auch die Fortuna längst wieder gefangen haben und wieder »richtigen« Fußball spielen. Den Anhänger des FCK kann hingegen seit Jahren nichts die Illusion vorgaukeln, dass sie bald wieder bei den Bayern statt in Haching landen, wenn sie Richtung München fahren.

Als Fußballfan weiß man genau, wann man ganz unten angekommen ist. Das Ganze hat mit hochverdienten Niederlagen gegen Sonnenhof Großaspach zu tun. Oft aber schon früher mit der Erkenntnis, dass selbst die Fans des größten Rivalen aufhören, einen zu verspotten. Sie merken vielleicht: Ich habe am Wochenende auch ein paar Mails von Fans des FC Schalke 04 bekommen.

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