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Totentanz im Schutzanzug

Wenig ansteckend: Yael Ronens düsteres Pandemiespektakel »Death Positive - States of Emergency« am Berliner Maxim-Gorki-Theater

  • Von Michael Wolf
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Theatermetropole Berlin muss sich jedes Haus um ein Profil bemühen - es gilt, sich von den anderen Bühnen zu unterscheiden. So verschreibt sich das Deutsche Theater schwerpunktmäßig der klassischen Schauspielkunst und der Pflege des Dramas, während man an der Schaubühne in Charlottenburg eher noch nach politischer Wirksamkeit strebt. Das Maxim-Gorki-Theater unter der Intendantin Shermin Langhoff verfolgt ganz andere Ziele. Langhoff geht es um die Breitstellung eines Raums, in dem Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und nationaler Herkunft miteinander in Kontakt treten, insbesondere jene Menschen, für die sich die deutsche Kulturbranche in den vergangenen Jahrzehnten kaum interessierte. Am Gorki wird Hochkultur umverteilt, werden die Ressourcen eines aussterbenden Bildungsbürgertums an die »neuen Deutschen«, an Kinder von »Gastarbeitern« oder Geflüchtete delegiert. Es geht an diesem Theater also nicht um die Kunst um ihrer selbst willen, sondern um Teilhabe am öffentlichen Gespräch.

Daraus folgt eine Ästhetik, in der das Ensemble auf Augenhöhe mit dem Publikum agiert, mit ihm redet, statt sich in Rollen zu verstecken. Es handelt sich um eine offene Form, die zumindest vorgibt, dass hier und jetzt auch alles anders laufen könnte, dass man jederzeit von seinem Platz aufstehen und auf die Bühne treten könnte, um mitzureden. Niemand steht stärker für dieses Profil als die israelische Regisseurin Yael Ronen, insbesondere weil die Schauspieler hier in einem - zumindest vermeintlich - privaten Modus agieren. Sie bürgen mit ihren tatsächlichen Namen und ihren persönlichen Biografien für die Authentizität einer Aufführung als kollektive Erfahrung. So zum Beispiel etwa, wenn in der sehr erfolgreichen Inszenierung »Common Ground« Ensemblemitglieder, die dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien entstammen, auf die blutigen Kriege in der Region zurückblicken.

Das Gorki-Theater nimmt nicht den Umweg, zum Beispiel Shakespeares »Macbeth« oder Ibsens »Volksfeind« hinsichtlich gegenwärtiger politischer Kämpfe zu interpretieren, es setzt eigene Themen ganz offen und ausdrücklich. Ronen überträgt die großen historischen und politischen Dramen niedrigschwellig in persönliche Beziehungsgeflechte. Ihre Arbeiten folgen der Logik des Austauschs, des Gesprächs, und so richten sie sich in der Wahl ihrer Themen nach dem gerade Interessanten, Dringlichen. Es ist daher nur konsequent, dass Ronen nun einen Corona-Abend herausbringt: »Death Positive - States of Emergency«.

Niels Bormann - zurzeit in der Netflix-Serie »Deutschland 89« als Stasi-Agent zu sehen - tritt auf die Bühne, begrüßt einzelne Zuschauer namentlich und fordert das Publikum auf, doch die Schuhe auszuziehen, es sich gemütlich machen. »Wir können uns entspannen, wir haben Platz, wir können uns ausstrecken.« Er spielt auf die - wegen der Corona-Beschränkungen - sehr lichten Reihen an, die Sicherheitsvorkehrungen fordern ihren Tribut. Wie zur Entschuldigung trägt Bormann aus den Auflagen des Senats vor, sperrt sich selbst einen Sicherheitsbereich ab und versichert, man werde das Publikum heute weder zum Weinen bringen, noch allzu lustig sein, um Tröpfcheninfektionen durch Tränen oder Gelächter zu vermeiden.

Rasch wird klar, dass kein üblicher Ronen-Abend folgen wird, denn ein solcher lebt von der Konfrontation, in gewisser Weise von der Abschaffung der Abstände. Was bleibt davon, wenn die Darsteller nur in kleinen Gruppen und unter strengen Auflagen zusammen auf der Bühne stehen können? Nicht viel, es folgt eben Corona-Theater, eine Vereinzelung, ein Rückzug ins Private. Knut Berger und Publikumsliebling Orit Nahmias erzählen, wie sie sich von ihren - nicht an Covid erkrankten - Eltern verabschiedeten, als diese im Sterben lagen. Es sind berührende Erfahrungen, die sie hier teilen, aber es ergibt sich wenig mehr daraus als ein Kloß im Hals. Auch wollen sie sich kaum in eine Dramaturgie fügen, es folgt Auftritt auf Auftritt, ohne dass die Reihenfolge zwingend erschiene.

Bormann amüsiert, indem er seine Kollegen beharrlich auf die Einhaltung der Auflagen erinnert. Lea Draeger spricht einen länglichen Monolog, der - einem Tagebuch gleichend - Stadien einer Infektion mit dem Coronavirus nachvollzieht: von der Isolation im Krankenzimmer bis zum Koma. Aysima Ergün schlüpft probeweise in die Rolle eines Corona-Leugners, steigert sich in Verschwörungstheorien hinein und fordert zur Abkehr auf, zum Preppertum. Vom Kinn abwärts trägt sie ein Zelt um den Körper. Kostümbildnerin Cleo Niemeyer hat mit sichtlicher Freude verschiedene Schutzanzüge entworfen, aus Plastikflaschen gebastelte Schutzhelme, mit Röhren versehene Kleider, um den Spielpartner auf Abstand zu halten, oder gleich einen Helm aus Frischhaltefolie, um bloß kein Infektionsrisiko einzugehen. Das passt gut zu diesem 70- minütigen Abend, der wenig wagt und sich mit einer Nummernrevue zufriedengibt. »Death Positive« ist eine bescheidene Sammlung von Assoziationen zum Ausnahmezustand. Weder große Antworten noch große Fragen sollte man hier erwarten. Beides spart sich Yael Ronen wohl für eine Zeit nach Corona auf, wenn wieder alle kommen dürfen.

Nächste Vorstellungen: 9., 10., 11., 17. und 18. Oktober

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