Die Elefanten am Mekong

Staudämme im Oberlauf gefährden die Fischerei in den Anrainerländern, doch das Problem wird ausgeblendet

Die Staudämme im Oberlauf des Mekong sind die »Elefanten im Raum«, wie in einer englischen Metapher offensichtliche Probleme bezeichnet werden, über die keiner der Anwesenden spricht. So halten elf Staudämme in China und zwei in Laos das für Fischer und Bauern dringend benötigte Wasser samt Sedimenten zurück und blockieren die Wege der Fische zu ihren Laichplätzen. Weitere Großprojekte sind geplant, auch in den Staaten weiter flussabwärts.

Doch das Problem findet kaum Beachtung in den kürzlich von der OECD, der Asiatischen Entwicklungsbank und des Mekong-Institutes, einer Organisation der sechs Anrainerstaaten China, Kambodscha, Laos, Myanmar, Thailand und Vietnam propagierten Maßnahmen zur »Entwicklung der Wasserinfrastruktur« des gut 4000 Kilometer langen Flusses in Südostasien. Die Institutionen setzen stattdessen auf von »langfristig orientierten Investoren aus der Privatwirtschaft« zu finanzierende Projekte zur Verbesserung der Wasserversorgung und -transportwege. Es gehe um »naturbasierte Lösungen« zur Stärkung der Widerstandskraft der lokalen Gemeinden gegen Naturkatastrophen und andere Gefahren. Anders gesagt: Die Privatwirtschaft soll das von Bau- und Energiefirmen aus Thailand, China und Malaysia in Zusammenarbeit mit den Regierungen verursachte Sterben des Mekong freundlicher gestalten.

Aktiv ist in der Region auch der US-Digitalkonzern Facebook, der in Zusammenarbeit mit der Mekong River Commission (MRC) von Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam ein Flut- und Dürreinformationssystem errichten möchte. Im Prinzip eine gute Idee, findet die Journalistin Pianporn Deetes. Informationssysteme gebe es hier aber schon seit Jahrzehnten, weiß die Mekong-Expertin der Nichtregierungsorganisation International Rivers. »Es wurde aber bisher versäumt, den am Mekong lebenden Gemeinden diese Informationen zeitnah zur Verfügung zu stellen«, klagt die Thailänderin gegenüber »nd«.

Pianporn weist zudem auf den »Elefanten im Raum« hin. Datenaustausch zwischen den Anrainerstaaten sei gut und schön, aber ohne den politischen Willen Chinas, den Mekong mit seinen Ressourcen gemeinsam mit den anderen Ländern zu managen, sei eine Lösung der Probleme des Flusses wenig aussichtsreich. Und bisherige Versprechungen der Chinesen zur Zusammenarbeit hätten sich als leer erwiesen.

Verkompliziert wird die Angelegenheit durch eine Vielzahl unterschiedlicher zwischenstaatlicher Institutionen. Dazu gehört auch das 2016 gegründete Lancang-Mekong-Kooperationsforum, das von China dominiert wird. Die Volksrepublik gehört aber weder der seit 1995 existierenden MRC noch der 2009 von den USA mit den vier Staaten am Unterlauf des Flusses ins Leben gerufenen Lower Mekong Initiative (LMI) an.

Besonders hart ist Kambodscha von der Entwicklung betroffen. Die Bevölkerung des Landes deckt 70 Prozent ihres Proteinbedarfs durch Fisch, der vor allem in Asiens größtem Süßwassersee Tonle Sap gefangen wird. »Bis vor kurzem war der Tonle Sap als die weltgrößte Inlandsfischereiregion für rund 500 000 Tonnen Fisch pro Jahr gut«, weiß der Wirtschaftswissenschaftler Brian Eyler, Südostasienexperte der US-Denkfabrik Stimson Center. »Jetzt klagten Fischer über Fangrückgänge von bis zu 70 Prozent.«

Früher stieg der Pegel des Mekong während der Regenzeit zwischen Mai und November so stark, dass Wasser in den Tonle Sap gedrückt wurde. Mit dem landeinwärts fließenden Wasser kamen Fische in den See, der seine Fläche dann verfünffachte und mit nährstoffreichen Sedimenten für fruchtbare Böden sorgte. »2019 aber bezog der See nur für etwa sechs Wochen Wasser aus dem Mekong«, sagt Eyler, der die Probleme in seinem Buch »Die letzten Tage des mächtigen Mekong« beschreibt.

In diesem Jahr ist das Naturschauspiel ganz ausgefallen. Die Wirkung der Dämme in Laos und China wird noch durch eine seit zwei Jahren anhaltende Dürre verstärkt. Diese geht zurück auf ein »Indian Ocean Dipole« genanntes Wetterphänomen, das kurzgesagt das Gegenstück des pazifischen El Niño am äquatorialen Ost- und Westende des Indischen Ozeans ist.

Einen Zusammenhang von Wassermangel und Staudämmen weisen die Chinesen trotz wissenschaftlicher Belege zurück. Mittels Satellitenmessungen der Oberflächenfeuchte konnte das US-Institut Eyes on Earth allerdings belegen, dass die chinesische Provinz Yunnan am Oberlauf des Mekong während der Regenzeit von Mai bis Oktober 2019 leicht überdurchschnittliche Niederschläge aufwies. Die Pegelstände entlang der thailändisch-laotischen Grenze seien dagegen bis zu drei Meter niedriger als normal gewesen.

Gewöhnlich feiern Millionen Kambodschaner im November mit Bootsrennen auf dem Tonle Sap das Ende der Hochwassersaison, die ihnen fruchtbares Land für die Agrarwirtschaft sowie einen See voller Fische hinterlassen hat. In diesem Jahr wird das Wasserfest mangels Wasser ausfallen.

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