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Einmal Quarantäne und zurück

Coronatest falsch positiv - dieser Fehler kostet Lebensqualität und Einkommen

  • Von Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona und soziale Folgen: Einmal Quarantäne und zurück

Es ist nicht vorbildlich, aber menschennah, sich erst dann über Schnellstraßen aufzuregen, wenn sie den eigenen Garten durchqueren. Etwas Vergleichbares ist mir mit der Quarantäne passiert. Spätabends kommt eine Mail: Die Absenderin ist erschüttert, es tue ihr wahnsinnig leid, aber sie sei positiv auf Covid-19 getestet und habe zwei Tage vorher in einem geschlossenen Raum länger als eine Viertelstunde Kontakt mit mir gehabt. Daher habe sie mich dem Gesundheitsamt gemeldet, und ich müsse in Quarantäne.

Die Nachricht macht mir schnell zweierlei klar: Es ist schwieriger, als ich dachte - und obwohl ich an sich genau weiß, was auf mich zukommt, bin ich aufgewühlt und werde schlecht schlafen, wenn überhaupt. Dabei leistet die eigentliche Gefahr, die der Ansteckung, den weitaus kleineren Beitrag zu meiner Unruhe. Denn da kann ich nichts machen, nichts organisieren. Entweder habe ich das Virus abgekriegt, oder ich habe es nicht. Wir waren korrekt, zwei Meter Distanz, das Fenster geöffnet.

Was mich mehr beschäftigt, ist die Verwirrung meiner sozialen Welt. Ich habe zwei Berufe: Psychoanalyse und Schreiben. Schreiben kann ich in Quarantäne wie sonst auch, aber die Gespräche werde ich absagen oder auf Video und Telefon umstellen müssen. Es belastet mich, den Klienten das zuzumuten. Zumutung wird zu einer Art semantischem Kondensationskern im Dampf meiner Gedanken zu dem Diktat: Du musst in Quarantäne. Dich 14 Tage isolieren! Selbst unter Ansteckungs-Gesichtspunkten unschuldige Aktionen, mit denen ich gegen die Anfälligkeit für Altersmalaisen ankämpfe, wie Radeln im Englischen Garten, fallen für 14 Tage weg.

Bald ruft auch eine Frau aus dem Gesundheitsamt an. Sie fragt, wie ich mich fühle, ob es mir gut gehe ( ein »noch« schwingt mit), und belehrt mich: Meine Frau dürfe mich versorgen, aber bitte getrennte Schlafzimmer, möglichst eigenes Geschirr. Ich arbeite den Tag über am Telefon und per Video. Dann ruft das Gesundheitsamt noch einmal an, erkundigt sich wieder nach meinem Befinden und meldet, es seien Zweifel an dem Testergebnis aufgetaucht, die Untersuchung werde jetzt wiederholt.

Am Abend dann Entwarnung. Die Quarantäne wird aufgehoben. Die positiv Getestete ist persönlich in ein Labor gefahren. Der Test wurde zweimal wiederholt, war beide Male negativ. Gottlob hatte der Test nicht mich erwischt, sondern eine sehr kundige und energische Person, eine Ärztin. Sie rief den Leiter des betreffenden Labors nach dem ersten Schock an und erfuhr, dass ihr Test nur schwach positiv war. Während der Prozedur sei ihre Probe neben einer stark positiven Probe gelegen; es komme schon einmal vor, dass winzige Mengen an Viren-Erbsubstanz nicht dort blieben, wo sie bleiben sollten.

Ende gut, alles gut? So schnell konnte ich mich nicht abregen. In den nächsten Tagen recherchierte ich ein wenig und sprach mit weiteren Medizinern, die sich weniger über mein Abenteuer wunderten, als ich das getan hatte. Ein Facharzt für HNO-Medizin erklärte mir ein statistisches Problem, das ich mir bisher nicht klar gemacht hatte. Wer hört, ein Test sei zu 99 Prozent zuverlässig, hält automatisch die Wahrscheinlichkeit, dass er mit einem falsch positiven Ergebnis in die Quarantäne muss, für sehr gering. Aber wer so rechnet, hat vergessen, dass gegenwärtig unter tausend Getesteten nur sehr wenige positive Fälle identifiziert werden.

Wenn die Fehlerquote ein Getesteter unter 100 wäre, summiert sich das bei 1000 Getesteten auf zehn falsche Ergebnisse. Diese geraten in die Quarantäne-Mühle, müssen ihre Kontaktpersonen melden, die ebenfalls in Quarantäne müssen. Wenn am Ende alle gesund bleiben, atmen sie auf, sind froh - so lange sie nicht wissen, dass der ganze Aufwand entbehrlich gewesen wäre.

Während ich über diese Fragen grübele, lese ich in der »Zeit« ein Interview mit dem Medizinstatistiker Gerd Antes, der die von Jens Spahn angekündigte »neue Strategie« zerpflückt. Der Gesundheitsminister hat für den Herbst Reihentests in Pflegeheimen angekündigt. Antes erkennt darin eher Aktionismus als Strategie. Er sagt: Solange die Zahl der Infizierten klein ist und man ungezielt testet, gibt es verhältnismäßig viele Fehlalarme ... Wenn man dort nun alle Mitarbeiter testet, wird es nur wenige positive Ergebnisse geben - aber von diesen werden viele falsch-positiv sein.

Wer unter die Quarantäne-Glocke gerät, dem wird tröstend gesagt, dass der Staat für die finanziellen Einbußen gerade steht. Entsprechende Anträge nimmt das Gesundheitsamt entgegen. Ein kleiner Fehler kann nicht nur nerven, sondern auch viel Geld kosten. Wer zwei Wochen auf keinen Fall aus seiner Wohnung darf und seine Arbeit nicht via Bildschirm erledigen kann, opfert Lebensqualität und Einkommen. Die erste muss er auf jeden Fall selbst zusetzen, das Geld bekommt er vielleicht wieder, wenn er bereit ist, noch einmal Lebensqualität an das Ausfüllen von Formularen zu wenden.

Falsch positive Tests sind ein ernsthafter Kollateralschaden. Sie versetzen Menschen in einen schwer erträglichen Zustand, gegen den sich nur die wenigsten wehren können. Zur Furcht um die eigene Gesundheit und zu den wirtschaftlichen Beeinträchtigungen kommt die Sorge, für Ansteckungen anderer verantwortlich zu sein.

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