Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

In Tegel beginnt der Abschied

In einem Monat gehen am Berliner Flughafen endgültig die Lichter aus

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist empfindlich kühl, zugig, und es nieselt immer wieder. Dennoch bummeln ein paar Schaulustige auf der riesigen Besucherterrasse oberhalb des markanten sechseckigen Flugsteigrings am Tegeler Flughafen auf und ab: Ältere Paare, Eltern mit Kindern - man hört Gesprächsfetzen in allen möglichen Sprachen. Hin und wieder starten oder landen Passagiermaschinen - dann werden die Handys gezückt oder die Teleobjektive ausgerichtet. KLM, Ryanair, Easyjet, Swissair, die portugiesische TAP und natürlich Lufthansa, die Palette der vertretenen Luftfahrtgesellschaften ist noch immer recht bunt. »Wann startet denn endlich wieder einer?«, fragt ein ungeduldiger Sohn seinen frierenden Papa.

Ein Paar in mittleren Jahren, ausgestattet mit professionellem Foto-Equipment, hat eine strategisch günstige Position mit Blick auf das weite Flugfeld bezogen. »Planespotter«, Flugzeugnarren, würde man denken. Aber weit gefehlt. Klaus und Katrin Henze aus Charlottenburg wollen zum ersten Mal Flugzeuge fotografieren. Sonst seien sie an Kirchenarchitektur, Land und Leuten interessiert, sagen sie. Eher ein Hobby. »Wir haben in der Presse gelesen, dass man noch einmal auf die Dachterrasse kann. Da haben wir uns kurz entschlossen angemeldet«, sagt er. Und sie ergänzt: »Wir sind zwar meistens im Land unterwegs, wollen aber doch Abschied von Tegel nehmen, solange das noch geht.« Die beiden sind Ur-Berliner, sie aus dem Osten, er aus dem Westen - einander gefunden haben sie sich einst an der Ostsee. Aber Tegel gehört eben zu ihrer gemeinsamen Heimatstadt.

Am Flughafen Berlin-Tegel »Otto Lilienthal« herrscht Abschiedsstimmung, auch wenn dort große Plakate etwas anderes suggerieren wollen, die für die Zukunft nach der Schließung werben, für den geplanten Wissenschaftscampus »Urban Tech Republic« und das in der Nachbarschaft projektierte Schumacher-Quartier mit 5000 Wohnungen. Denn immerhin gehen am Standort 120 Jahre Berliner und auch deutscher Luftfahrtgeschichte zu Ende.

1900 war die kaiserliche Luftschifferabteilung hierher in die Jungfernheide verlegt worden. 1948 errichteten die französischen Alliierten (Forces françaises à Berlin) dann auf dem Areal den Militärflugplatz für ihre Berliner Besatzungszone. Ab 1960 durfte Tegel auch zivil genutzt werden - am 2. Januar wurde mit der Landung einer Passagiermaschine der Air France der Linienflugbetrieb eröffnet. Der in seiner heutigen Form zwischen 1965 und 1979 errichtete Flughafen stammt von den Architekten Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels. Als »Flughafen der kurzen Wege« galt der 1975 eröffnete Komplex als architektonisch beispielgebend. 1990 machte der Einigungsvertrag aus dem Westberliner einen gesamtdeutschen Flughafen.

Seit dem 29. März 2019 ist er denkmalgeschützt - aufgrund seiner geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung. Die Öffnung der Besucherterrasse vom 3. Oktober bis zum 7. November - man muss sich für den einstündigen Besuch online anmelden - ist Teil der Abschieds-Choreografie, die etwa die Eurowings auch mit speziellen Rundflügen bereichert. Am 8. November, eine Woche nach Inbetriebnahme des neuen Hauptstadt-Airports BER in Schönefeld, wird Tegel unwiderruflich schließen.

Noch einmal Flughafen schauen. Wer die bleierne Stille erlebt hat, die dort im April, auf dem Höhepunkt der Coronakrise, herrschte, kann statt der damals fast menschenleeren Terminals noch einmal den Hauch der »guten alten Zeit« spüren. Jüngsten Angaben der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg zufolge wurden im September 2020 infolge der Corona-Pandemie 480 000 Fluggäste in Tegel abgefertigt, pro Tag im Schnitt 16 000. Eine Kleinigkeit für den, der das einst dort herrschende Gewimmel vor Augen hat: Im September 2019 zählte Tegel 2,8 Millionen Passagiere.

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup weiß, was die Betreibergesellschaft und ganz Berlin Tegel zu danken haben: »Auf dem eigentlich längst zu klein gewordenen Flughafen konnten deutlich mehr Passagiere abgefertigt werden, als man für möglich gehalten hat - zuletzt 24 Millionen Passagiere 2019«, erklärte er jüngst. »Tegel am Laufen zu halten, war eine wichtige Bedingung, um den BER fertig bauen zu können. Tegel hat Berlin einen großen Dienst erwiesen.«

Am 8. November 2020 wird sich der Kreis schließen. Um 15 Uhr soll eine Maschine der Air France als letzte in Berlin-Tegel abheben - mit dem Ziel Flughafen Paris Charles de Gaulle.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln