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»Wem gehört welcher Raum?«

Die Ausstellung »Uferhallen Manifest« in Berlin-Wedding thematisiert urbane Verdrängungsprozesse

»Manifest« ist ein großes Wort. Was will die Ausstellung manifestieren?

Isabelle Meiffert: Wir wollen ein Manifest machen, weil es um die Raumfrage geht, die in Berlin so relevant ist, aber auch darüber hinaus. Dabei wollen wir uns ein bisschen lösen von den Uferhallen selbst. Sie bleiben aber der Ausgangspunkt.

Letztes Jahr haben Sie bereits die Ausstellung »Eigenbedarf« hier in den Uferhallen kuratiert. Da ging es um die Angst der etwa 100 Künstler*innen, ihre Ateliers zu verlieren. »Manifest« ist jetzt also die Weiterentwicklung?

Meiffert: Genau. Wir haben letztes Jahr die Diversität des Geländes vorgestellt, die verschiedenen Künstler*innen, die hier arbeiten, und die Sorge, ob sie überhaupt noch über den Jahreswechsel hinaus bleiben können. Dieses Jahr ist das Thema noch einmal ein bisschen größer gedacht. Die Uferhallen sind ja nur ein Beispiel für Kulturstandorte, die gefährdet sind. Und nicht nur Kulturstandorte sind gefährdet. Wir wollten diese Raumthematik größer denken, mit unterschiedlichen Ebenen, aus unterschiedlichen Perspektiven.

Wie ist die Situation der Uferhallen selbst?

Meiffert: Die Verhandlungen laufen gerade, zwischen Investor, der Stadt und den Künstler*innen.

Investoren sind weiterhin die SamwerBrüder?

Meiffert: Ja, da hat sich nichts geändert. Es sind immer noch die Samwers, genauer gesagt Oliver Samwer, der hinter all den Firmenkonstrukten steht. Für die Künstler*innen ist natürlich das Ziel, zu bleiben. In Aussicht steht ein städtebaulicher Vertrag. Aktuell sind wir im B-Planverfahren. Bald beginnt die Phase der öffentlichen Beteiligung. Und in diese Phase ist auch die Ausstellung eingebettet. Für den Bebauungsplan wurde festgelegt, dass es »ein Sondergebiet für kulturelle Nutzungen und/oder ein urbanes Gebiet, gegebenenfalls mit einem Mindestanteil kultureller Nutzungen« geben soll. Das Planungsziel beinhaltet die »vollumfängliche Sicherung der kulturellen beziehungsweise künstlerischen Nutzungen unter Beibehaltung möglichst vieler jetziger Rahmenbedingungen«. So steht es im Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung.

Das klingt gut, aber auch ziemlich weich. Kulturelle Nutzung kann alles Mögliche sein, und was ist nicht »urban« im Wedding?

Meiffert: Ja, das stimmt, Es geht aktuell aber in eine für die Künstler*innen ganz gute Richtung. In den Verhandlungen werden Bezahlbarkeit, Langfristigkeit und Selbstverwaltung von den Künstlerinnen gefordert. Und von den Investor*innen wurden die Punkte auch genannt. Aber man muss natürlich präzisieren: Was versteht ein Investor unter Bezahlbarkeit oder Langfristigkeit und was verstehen die Künstler*innen darunter? Bedeutet Langfristigkeit 15 Jahre, 30 Jahre oder 99 Jahre - wie bei der Erbpacht? Das war mein Horrorszenario: Da sitzen wir in 30 Jahren wieder hier, alt und grau, die Kulturbindung läuft aus, und ich sage dann: »Ich habe das doch damals vor 30 Jahren schon gesagt«. Das ist einfach eine schreckliche Vorstellung. Und wir wollen, dass es bis dahin andere Werkzeuge und Szenarien gibt.

Und deshalb die Ausstellung?

Sarah Theilacker: Genau. Bei unserer Recherche sind wir auf viele andere Manifeste gestoßen. Und es zeigte sich: Das Raumthema ist ein ewiges Thema, wir finden nur selten gute Lösungen. Wir haben Manifeste aus den 60er und 70er Jahren gefunden, in denen es bereits um Verdrängung und Gentrifizierung ging - um die Frage, wem gehört welcher Raum.

War das für Sie nun frustrierend zu sehen, dass es für dieses ewige Thema bislang keine guten Lösungen gab? Oder war es auch inspirierend, weil sich schon andere Generationen damit beschäftigt haben?

Theilacker: Für mich ist es so: Weil sich offenbar nichts ändert, muss man es immer wieder machen. Und es betrifft ja nicht nur die Künstler*innen, sondern die ganze Gesellschaft. Deshalb laden wir auch die Nachbarschaft ein.

Wie ist die Ausstellung angelegt? Welcher Teil des Geländes wird bespielt?

Meiffert: Wir bespielen das gesamte Gelände. Wie schon letztes Jahr wird es wieder ein Rundgang sein. Wir brauchen jetzt wegen Corona einen Einlass mit einem Slotsystem. Man kommt auf den Vorplatz mit mehreren Außenarbeiten. Dann wird die zentrale Halle mit 2 400 qm bespielt. Außen, auf dem Weg in die hintere Halle, gibt es wieder mehrere Außenarbeiten. Nach der hinteren Halle, die genauso Ausstellungsbereich ist wie die zentrale Halle, geht man wieder zurück, und kann auch dort noch einige Außenarbeiten sehen.

Wie viele künstlerische Arbeiten wird es geben?

Meiffert: Insgesamt 45. Knapp drei Viertel kommen von den Künstler*innen, die in den Ateliers hier arbeiten. Wir haben aber auch externe Künstler*innen spezifisch zum Thema angefragt. Andreas Siekmann hat sich bereits 2007 in »Trickle Down« mit der Privatisierung des öffentlichen Raums auseinandergesetzt. Er hat gesagt, dafür gibt es bislang gar keine Bilder. Und er hat auf A0-großen Plakaten diese Strukturen piktogrammartig aufgezeichnet. Diese Arbeit werden wir auf einer großen Wand in der Halle präsentieren. Und auf der Rückseite zeigen wir in einer Dreikanalprojektion von Angelika Levis »Miete essen Seele auf« über den Widerstand von Kotti & Co. gegen Mieterhöhungen und Räumungen. Es gibt aber auch viele ganz neue Arbeiten sowie ortsspezifische Projekte.

»Uferhallen Manifest«, Eröffnung am 10. Oktober, geöffnet bis 25. Oktober, Uferstrasse 8-11, Berlin

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